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Anthologie

REALTRAUM e.V. (Hg.) | Berauscht & besessen

Kurzgeschichten
muc Verlag, München
ISBN 978-3-9815181-2-2



Dem Wahnsinn auf der Spur

Sinnesrausch, Wahnsinn, Erotik und Spannung – das alles findet sich in Berauscht & Besessen, verspricht Sabine Brandl, erste Vorsitzende des Münchner Künstlervereins REALTRAUM im Vorwort. Und reißt damit auch gleich das Konzept dieses absolut lesenswerten Buches, der bereits zweiten Anthologie des Vereins, an: Anders als beim Vorgänger Vernascht! (WortKuss 2010), der erotische Geschichten enthält, ist hier kein literarisches Genre vorgegeben. Unter »Berauscht« und unter »Besessen«, den zwei Schlagworten, nach denen dieser Band gegliedert ist, versammelt sich ein breites Spektrum an Kurzgeschichten über unterschiedlichste Genres, Themen, Stimmungslagen und Tiefen hinweg. Die Spannungsgeschichte steht hier neben dem philosophischen Stück, das Alltägliche neben dem Fantastischen oder Futuristischen, die Komödie neben dem Drama.

Genau von dieser Spannbreite und dem steten Wechsel bezieht diese gelungene literarische Wundertüte auch ihren tieferen Reiz. Unterstützt wird jener durch eine offenkundig wohlüberlegte und sehr gute Anordnung der 19 Geschichten. Abgerundet wird das Leseerlebnis durch zahlreiche Illustrationen. Auch sie stammen allesamt aus dem Kreise des REALTRAUMs, dem neben Literaten auch bildende Künstler sowie Musiker (teilweise in Doppelrolle) angehören. Namentlich wurden sie verfertigt von: Iris Wassill, Gisela Weinhändler, Monika Veth-Reuter, Dieter Härtter, Sabine Brandl und Elisa Krimbacher. Als Zeichnung, Fotografie, Montagewerk und Digitalkunst kommen die Illustrationen daher – und bieten dem Berauscht & Besessen-Leser neben dem literarischen auch einen großen optischen Genuss.

Neun Autoren sind in Berauscht & Besessen vertreten. Sie haben eine oder mehr Geschichten für dieses Buch, das nur Erstveröffentlichungen enthält, eingereicht, die so gut waren, dass die vereinsinterne Jury sie auch ausgewählt hat. Wichtig dabei: Alle Geschichten wurden anonym bewertet, und die Autoren durften ihre jeweils eigenen Texte selbst nicht bewerten. Dies sind Entstehungsdetails zum Buch, die zu erwähnen vielleicht zunächst unnötig erscheinen mag. Doch bedenkt man, dass mit Jan-Eike Hornauer (fünf) und Sabine Brandl (vier) zwei der drei meistvertretenen Autoren (von Karsten Beuchert sind auch vier Geschichten enthalten) zugleich die beiden Vereinsvorsitzenden sind, so ist ein Verweis auf die Verfahrensweise hier eben doch angebracht. Zu nahe läge sonst der Verdacht, dass nicht immer die Texte, sondern auch manchmal die Positionen der Autoren ausschlaggebend waren. Dieser Verdacht aber kann entkräftet werden, auch übrigens wenn man sich die Qualität der Texte ansieht. Wie in praktisch jeder Anthologie gibt es auch in Berauscht & Besessen natürlich Schwankungen. Doch jede der hier vorgelegten Geschichten befindet sich mit nachvollziehbarem Recht im Buch und lässt sich mit Genuss lesen. Und das ist für so eine literarische Zusammenschau, noch dazu wenn es um Erstveröffentlichungen geht, schon wirklich ungewöhnlich!


* * *


Zu den Autoren und ihren Beiträgen:

Aus dem Alltag heraus entwickeln sich die Geschichten von Jan-Eike Hornauer. Er ist als Autor im realen Jetzt verhaftet, das er zudem gerne mit gedanken-philosophischen Exkursen der Protagonisten auflädt. Was jetzt viel komplizierter klingt als es ist. Tatsächlich macht es große Freude, seinem Held in Das Brathendl in den immer trunkener werdenden Kopf zu schauen, die wild schwadronierenden Gedanken des Zugezogenen auf dem Münchner Oktoberfest, das ihn zumindest zunächst so richtig und immer mehr anwidert, zu verfolgen. Und in der beobachtungsscharfen Künstlersatire Der Blick ins Innerste kann man, wiederum durch expressive Gedankenschau, das Leiden des angehenden Großmalers am und im Schaffensprozess verfolgen, wird belustigt und sogleich von anregenden Thesen zum eigenen Fortphilosophieren zum Thema »Kunst und Welt und Wahn« beflügelt. Um Einsamkeit sowie auch möglicherweise die Befreiung daraus geht es in Diese ganz große Sache, Prüfungsstress und Christkindl. Die Erzählhaltung, die Nähe oder Distanz zur Figur und die je eingesetzte Sprache zeigen hier eine große Bandbreite des Autors Jan-Eike Hornauer, die absolut erfreulich ist. Und dass, recht explizit dargestellter, Sex einer der Befreiungsversuchsmechanismen ist – nun, das ist sicher Geschmackssache.

Anders als Jan-Eike Hornauer kommt Sabine Brandl in ihren hier vorgelegten Prosa-Stücken weitgehend ohne metaphysischen Überbau aus. Ihre Geschichten stehen für sich. Dabei bestechen sie alle durch eine klare und umstandslose Sprache, auch mittels derer Sabine Brandl den Leser stets schnell einzufangen und bestens durch ihre Geschichten zu führen weiß, die mal sehr humorvoll, mal vor allem spannend, stets aber sehr kurzweilig und im wirklich angenehmen Sinne unterhaltend sind. In Die Übriggebliebenen rückt sie mit karikaturistischem Scharfsinn dem von Verzweiflung und Geilheit geprägten Balzverhalten von Ü-30-Singles in einer Disco am Ende der Partynacht zu Leibe – und leuchtet das Amourös-Zwischenmenschliche in ihrer für sie typisch lustvoll-heiteren Art aus, die inzwischen bereits zahlreiche Fans gefunden hat. Die Perfekte behandelt spannungsreich die Obsession des männlichen Protagonisten für die von ihm quasi als Zauberwesen verehrte Frau, in deren Wohnung er von seiner aus blicken kann. In Gewohnheiten und Der Moment findet das zumindest latent Übernatürliche seinen schaurig-spannenden Weg in die dargestellten Alltagswirklichkeiten (partnerschaftliche Wohnung bzw. Bürogebäude) der Protagonisten von Sabine Brandl.

Karsten Beuchert liefert mit Butterfly, my Butterfly eine erotisch aufgeladene Fantasie mit einem Märchenwesen, die gewiss so manchen Leser in sündige Sommerstimmung versetzen mag. Nach dieser Unterhaltungsgeschichte holt er dann zu fundamentaler Gesellschaftskritik aus, und zwar mit Tägliche Masken und Die Maschinen, die den Krieg gewannen. Weist »tägliche Masken« dabei klassische Horrorelemente auf und dreht sich zentral um das Sich-nicht-Zeigen der Menschen im normierten Alltag, in diesem Falle jenem des Büros, so sind die »Maschinen« als eine drastische Parabel und ein moralisches Lehrstück im pazifistischen Sinne anzusehen. In Die Wunderquelle, einer Science-Fiction-Geschichte, die auf einem fremden Planeten spielt, wird der große Themenkomplex »Wissenschaft und Glaube« in privater, vor allem aber auch gesamtgesellschaftlicher Dimension verhandelt. In summa geht es dem Autor Karsten Beuchert, der auch zeigt, dass er das Leichte und Spielerische beherrscht, in seinen hier vorliegenden Beiträgen also um die literarische Aufarbeitung gesellschaftlicher Grundfragen. Keine leichte Aufgabe, doch – so viel sei verraten – Karsten Beuchert bewältigt sie bestens, bietet dem Leser spannende Geschichten mit tieferem Sinn und so manchem doppelten Boden.

Jutta Baltes ist mit ihrem Beitrag Vinzenz eine ganz wunderbar poetische Prosastudie gelungen, die das mögliche Aufkeimen von etwas zwischen zwei jungen Menschen betrachtet – und zumindest ebenso sehr die Musik, hier vertreten durch das Klavierspiel, feiert. Kritisch zur Sprache bringt sie dazu auch noch nebenbei die globale soziale Ungerechtigkeit. Reflexion, Sprachbilder, allgemein der Umgang mit Sprache, die hier ihre Nähe zur Musik offenbart, und das Erzeugen einer ganz besonderen und wirklich zarten Stimmung – damit begeistert Jutta Baltes in Vinzenz.

Auch auf sehr poetische Weise widmet sich Su Dobler einem überaus tragischen Thema: dem des Alkoholismus. In Schwester berichtet die Ich-Erzählerin von zwei Leben – ihrem eigenen und dem ihrer Schwester. Um Unterschiede, Gemeinsamkeiten und Verquickungen geht es da sowie um Enttäuschungen und Verzeihen. Eine wahrhaft berührende Geschichte von großer Intensität, mit einem außerordentlich hohen Maß an Einfühlungsvermögen verfasst.

Nina Hornauer zeigt in Der Brückensitzer, dass sie verschiedene Perspektiven, ja, verschiedene Handlungsorte samt unterschiedlichen Protagonisten bestens zu dem in mehrfacher Hinsicht spannungsreichen Porträt einer gegenwärtigen Kleinfamilie zusammenfügen kann. Dass die gelingt, liegt auch an ihrer präzisen Sprache sowie dem geschickten Spannungsaufbau schon innerhalb der einzelnen Szenen. Zudem kommen hier Aggression und Melancholie, Humor und Verzweiflung, Lächerlich-Machen und Mitfühlen auf treffliche Weise zusammen.

Sehr derb hingegen, dafür aber urkomisch, geht es bei Monika Steinberg zur Sache: Ihr Knödel beschreibt ein mono-sexuelles Abenteuer der ungewöhnlicheren Art. Flott zu lesen und, wenn man diese Art von Humor verträgt, sehr amüsant. Dazu mit einem Schlussgag, der wirklich sitzt.

Bed of Roses von Ulrike Weinhart ist eine kriminelle Liebesgeschichte, schnörkellos geschrieben und angenehm morbide. Romantik und Psychopathie reichen sich hier die Hand. Erzähltechnisch interessant: die Perspektivenwechsel. Auch weil sie hier anders eingesetzt werden als bei Nina Hornauer. Setzt sich bei Nina Hornauer noch vor allem gleichsam aus verschiedenen Splittern ein komplexes Bild, ein Gesamtistzustand zusammen, fungieren bei Ulrike Weinhart die Perspektivenwechsel als Handlungstreiber, begleiten sie eine fortlaufende Geschichte und bringen sie stets, gerne mit einem kleinen Sprung als Auftakt, ein großes Stück voran.

Wahre Liebe heißt es bei Wolfgang Matzollek. Auch hier geht es um den romantischen Wahn, auch hier bestimmt das Morbide das Bild. Doch Wolfgang Matzollek bleibt dabei stets in der gleichen Perspektive, folgt konsequent seiner Hauptfigur David. So kann er eine kamnmerspielartige Atmosphäre erschaffen, bestens Spannung erzeugen – und dem Leser Entscheidendes bis kurz vor Schluss vorenthalten.


Bewertung:    



Knuth Klix - 9. Mai 2014
ID 7816
Siehe auch: http://www.muc-verlag.de


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