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Rezension

Annika Scheffel - Bevor alles verschwindet

Roman
Suhrkamp 2013
ISBN 978-3-518-42354-7





Weltuntergänge haben Konjunktur. In regelmäßigen Abständen sieht sich die Spezies dem Albtraum ihrer finalen Katastrophe ausgeliefert. Von der Sintflut bis zum globalen Impact, die Liste der Apokalyptischen Reiter nimmt kein Ende. Die neurotische Angst vor dem globalen Desaster, der unumkehrbaren Auslöschung, dem Endspiel gehört ebenso zum Setting der Menschennatur wie der Trieb zum Fantasieren. Interessant daran ist, dass dieses Armageddon-Syndrom meist Hand in Hand geht mit der Lust, der schnöden Welt neue, bisher nie gesehene Nuancen abzugewinnen. Sagen wir so: Je schmerzhafter die Angst vor dem Verschwinden, desto lebhafter die Fantasie.

Von einem Weltuntergang erzählt auch Annika Scheffels Roman Bevor alles verschwindet. Zugegeben, es ist eine beschaulichere Apokalypse, doch die Untergangsneurosen lassen sich in diesem niedlicheren Rahmen ausgezeichnet beobachten: Ein winziges Dorf, unterhalb eines Sees gelegen, soll dem Erdboden gleichgemacht werden. Ein Wasserkraftwerk wird an dieser Stelle gebaut. Die Heimat soll an anderem Orte wiederauferstehen.

Eines Tages tauchen Landvermesser der "Poseidon Gesellschaft für Wasserkraft" auf, und der Countdown beginnt. Bei den Dorfbewohnern regt sich Widerstand, doch am Ende reißen die Fluten des Dammes unbarmherzig selbst die letzten Überreste der kleinen Welt mit sich.

Die Wut der Bewohner indessen erzeugt bizarre Gespenster. Die Angst vor dem Verlust verwandelt das Dorf in einen märchenhaften Ort. Der Postbote, die Kindergärtnerin, der Bürgermeister, die Teenager, der Bäcker - alle sehen sich einer bizarren Realität ausgesetzt. Vielleicht ist es eine kollektive Paranoia, die sie in Bann zieht. Ihr innerer Protest jedenfalls gebiert eine Welt, die es in sich hat. Eine magische Wirklichkeit, in der ein blauer Fuchs durch die Wälder streift und kopflose steinerne Löwen nachts vom Podest steigen und ihr Unwesen im Ort treiben. Es scheint, als kommunizierten die Toten mit den Lebenden. Ereignisse der Vergangenheit und Gegenwart werden ununterscheidbar.

Der Autorin gelingt mit diesem Roman eine charmante Variante des "magischen Realismus". Dabei legt sie die Strukturen unserer Allerweltswahrnehmung aufs Genüsslichste bloß. Wenn dabei eine groteske Wirklichkeit durch die stinknormale Alltagsrealität sickert, dann zeugt dies nicht zuletzt vom Wunsch der Bewohner nach einem glücklichen Leben: "Meine Figuren", so die Autorin, "verweigern die Realität, weil sie damit gegen eine Zukunft protestieren, die sie sich nicht selbst ausgesucht haben. Sie leben, wie so viele heute, unter einem Glücksdiktat, das sie aber nicht verwirklichen können."

Scheffels Roman ist ein Gleichnis auf unsere Gesellschaft. Was auch immer die allgegenwärtige Katastrophenangst mit uns anstellt, sie lähmt vor allem jenen Möglichkeitssinn, der unsere Träume vom Glück entstehen lässt. Bisweilen wurde behauptet, Literatur gebe eine Antwort auf die Frage "Was wäre, wenn?", in diesem Fall: "Was wäre, wenn alles unterginge?". Annika Scheffel wagt eine optimistischere Antwort als Theodor W. Adorno, der einst klagte: "Es gibt kein richtiges Leben im falschen."


Jo Balle - 17. Juni 2013
ID 6852


Siehe auch:
http://www.suhrkamp.de/buecher/bevor_alles_verschwindet-annika_scheffel_42354.html


Post an Dr. Johannes Balle



 

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