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Rezension

Ann Cotten | Der schaudernde Fächer

Erzählungen
Suhrkamp Verlag, 2013
ISBN 978-3-518-42389-9



Die Frage sei erlaubt: Wie hat sie das geschafft? Wer wurde dafür bestochen? Dass Erzählbände wie Ann Cottens Der schaudernde Fächer nicht von irgendeinem, sondern von einem der renommiertesten deutschsprachigen Buchverlage publiziert werden, bringt den Rezensenten in eine Lauerstellung zwischen Grübelei, Entzücken und Hysterie. Wie kann das sein? Und sogleich die andere bohrende Frage: Was machen die anderen Poeten mit Sound, aber ohne Plot, falsch, dass sie nicht ebenfalls durch Suhrkamp-Papyrus geadelt werden? Sagen wir es so: Ann Cotten schreibt anspruchsvolle, artifizielle, schöngeistig verspielte, hochpoetische Prosa, doch schert sie sich andererseits um nichts, was man einst, vor Jahren, das "neue Erzählen" in der Literatur nannte, das Diktat des "narrative turn", demzufolge jeder halbwegs anständige Autor einen Plot zu schreiben habe, der gut lesbar und einem möglichst breiten Publikum zumutbar sei. Was aber macht Ann Cotten? Sie erzählt im Grunde gar nicht, sie erzählt nichts, sie erzählt nie, an keiner Stelle - jedenfalls solange unter diesen Begriff so etwas wie eine über das minimale Maß hinausreichende Handlung fällt. Cotten schreibt schlicht und ergreifend wundervolle Prosagedichte mit gelegentlichen figuralen und narrativen Elementen.

Nein, der Rezensent hat daran nicht das Geringste auszusetzen! Im Gegenteil. Nur erstaunt es ungemein, dass diese Art von Literatur überhaupt noch gedruckt wird. Denkt man in Kosten-Nutzen-Relationen, so wird klar, dass dieser Einwand keineswegs übertrieben ist. Denn kein Verlag wird wohl mit Literatur vom Schlage Cottens auch nur minimalen wirtschaftlichen Gewinn erzielen! Man kann sich daher des Eindrucks nicht erwehren, dass dieses Buch eine Alibifunktion innehat, nach dem Motto: Seht her, wir publizieren auch gewinnunabhängig und jenseits finanzieller Amplituden, uns geht es um das Wahre, Schöne und Gute. Wir haben nicht nur Pageturner im Programm. Letzteres indessen ist Cottens Prosa wahrhaftig nicht, das sollte klar gesagt werden. Oft ist es sogar mühsam und beschwerlich, diese Erzählungen muten ihren Lesern einiges zu, und definitiv handelt es sich nicht um Beach-Lektüre.

Vielleicht ist das so, wie die Grünen zu wählen: Im Prinzip stehen sie für das Wahre und Gute, immer anspruchsvoll und korrekt und übermoralisch - praktisch aber nerven sie so ziemlich jeden vernünftigen Zeitgenossen mit ihrer notorischen, kleinkarierten Vorschreibekultur. Ann Cottens Prosa verschafft ihrem Verlag eine reine Weste und überdeckt damit die Schwemme der Bücher, mit denen sich der Verlag ansonsten seinem Publikum anbiedert nach dem Motto: Besser irgendetwas lesen als gar nichts. Denn trockenen Auges muss doch gesagt werden: Jedes Buch mit einem noch so müden Plot, jede halbwegs eingängige und halbherzig erzählte Story von minderer Qualität hat größere Publikationschancen in unserer Simplifikationskultur als poetische Wunderwerke in der Preislage von Anne Cottens Der schaudernde Fächer!

Ein paar Worte zu Cottens Erzählband? In dieser Sammlung erscheint eine fiese, manchmal blitzgescheite, gelegentlich aber auch warmherzige Erzählerstimme. Dabei ist das Lyrische stets das bestimmende Element, Alltagsszenen werden geschildert, Liebe wird dargestellt, Konflikte zergliedert, Massenkonsum in Frage gestellt und Obsessionen werden analysiert und analysiert und analysiert. Immer sind es lapidare Versatzstücke eines unglücklichen Bewusstseins, das in der mitmenschlichen Nähe etwas wie Übelkeit, in der Ferne hingegen Verzweiflung spürt. Cottens Texte sind Metaphern schwitzende Ungeheuer, kein sprachliches Bild, keine umständliche rhetorische Figur wird ausgelassen, und wieder fragt man sich, was in aller Welt passiert ist, dass die so gestrengen stilistischen Sittenwächter mit der blitzblanken Carver-Schere im Hirn ausgerechnet in diesem Fall Gnade vor Recht ergehen ließen. Wir werden dieses Geheimnis wohl kaum lüften.

Sympathisch schließlich an diesem Erzählband ist - und auch dies erfreut sich in Deutschland normalerweise keiner großen Beliebtheit - die raffinierte Cross-Over-Stilistik zwischen Literatur und Essay, die, nebenher gesagt, der globalisierten Wirklichkeit einen durchaus originellen Kommentar angedeihen lässt. Kaum verwunderlich, dass diese Autorin alles, was ihr begegnet, gründlich und konsequent zu Ende dekonstruiert, so dass am Ende kaum etwas übrig bleibt, was sich mit Fug und Recht als "Sinn" verstehen ließe. Die imaginierten Gesprächspartner kommunizieren nicht in unterschiedlichen Stil- und Tonlagen, sie sind wie die ins Unendliche gespaltene Ichheit einer einzigen Erzählstimme, was den Lesegenuss aber an keiner Stelle schmälert. Ann Cotten hat einen gewagten, einen bizarren, einen verwegenen, wenn auch nicht einzigartigen poetischen Wurf gewagt, dem indessen der irritierende Geruch der Happy Few anhaftet. Sei's drum, man erfreue sich an Publikationen wie dieser, denn sie zeigen, dass den Verlagen ihr Selbstrespekt noch nicht zur Gänze abhanden gekommen ist.


Bewertung:    




Jo Balle - 24. Februar 2014
ID 7632
Ann Cotten | Der schaudernde Fächer
Gebunden, 251 Seiten
D: 21,95 € | A: 22,60 € | CH: 31,50 sFr
Suhrkamp Verlag, 2013
ISBN: 978-3-518-42389-9



Siehe auch:
http://www.suhrkamp.de


Post an Dr. Johannes Balle



 

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