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Rezension

A. D. Miller - Die eiskalte Jahreszeit der Liebe

Roman
S. Fischer Verlag, 2012
ISBN 978-3-10-049019-3



Zugegeben: Es ist nicht immer ein Schneeglöckchen, das sich im Frühjahr aus Schnee und Frost schält, wenn das Tauwetter einsetzt. Auch muss es nicht Moskau sein und eine sentimentale russische Liebe. Nachtclubs und feiges Verbrechen, korrupte Anwälte und gewaltbereite Polizisten gibt es überall. Zärtliche Lippen, übervolle Herzen und langbeinige Ladys ebenso. Und auch die Maschas dieser Welt drängen mit ihren Tatarenaugen und biegsamen Leibern nicht nur aus den russischen Provinzen in die Metropolen der Welt. Man findet sie überall. Ebenso ihre Opfer, bebrillte Engländer wie Nick, der Ich-Erzähler dieser wundersamen Moskauer Geschichte. Es gibt diese Menschen so zahlreich wie die bizarren Eiskristalle an den winterlichen Fassaden der Moskauer Mietskasernen, die im fahlen Sonnenlicht ungeduldig und rosafarben erstrahlen.

Nick liebt Mascha. Aber liebt Mascha auch Nick? Sie betrog ihn, erzählte ihm von ihrer Kindheit in Murmansk, begleitete ihn über Monate durch das kalte und wildromantische und doch so furchtbar eintönige Moskau, um am Ende, nachdem sie den Engländer für ihre Zwecke missbraucht hat, auf Nimmerwiedersehen zu verschwinden. Was für eine armselige Geschichte, wird man sagen. Konnte sich der englische Autor A. D. Miller mit seinem Erstling Die eiskalte Jahreszeit der Liebe nicht etwas mehr Einfallsreichtum gönnen? Aber wann war der Plot jemals das ausschlaggebende Kriterium für die Qualität eines Romans?

Wir haben es hier mit einem Erzähler zu tun, von dem man nicht sicher weiß, ob er weitere Romane schreiben wird. Er bemüht sich, ein ordentlicher Schriftsteller zu sein, aber das hat nichts zu sagen. Manchmal ist sein Stil ebenso unerfreulich wie das „Niet“ auf den Mündern russischer Staatsdiener vor dem Lenin-Mausoleum auf die Frage, ob man sie ablichten darf. Entscheidend ist die Jungfräulichkeit seines Tonfalles. Am Ende, um es kurz zu machen, nimmt man Teil an einer Art Epiphanie. Dieser Kerl hat es tatsächlich geschafft, eine ganze Reihe großartiger Szenen oder Seiten zu schreiben, wobei es ihm gelingt, Dinge zu sagen, die man sonst so unprätentiös nicht sagen könnte. Ernest Hemingway, der das als kleiner Stilist, der er war, sein Leben lang in manieristischer Weise versuchte, würde bei der Lektüre wohl die Farbe jener Leichname annehmen, die man im Moskauer Slang „Schneeglöckchen“ nennt – jener Toten, die unter dem meterhohen Winterschnee verborgen waren und im Frühling ans Tageslicht schmelzen.

Eine sagenhafte Metapher für diese Geschichte, aber auch für die Art und Weise, wie Miller schreibt: Es sind die einfachen „Dinge“, etwa die ganze Täuschungskulisse der Liebe, die Fremdheit unter den Menschen, die sich nicht ändern lässt, zu keinem Zeitpunkt unserer Existenz, oder die so besondere Atmosphäre des schneegepolsterten tauben Moskaus, die herbe Spätgotik der Datschen, die narkoleptische Enge der banjas und vieles andere mehr. Sprichst du es aus, wird es banal. So lautet die Regel. Der gute Schreiber bricht diese Formel: Er kann von diesen Dingen erzählen - ganz ohne postmoderne Peinlichkeiten zu erregen.

Nick also trifft in der Moskauer Untergrund Mascha. Zufällig. Er ist erfolgreicher Anwalt einer Londoner Kanzlei im ehemaligen Reich des Bösen. Die Höhle des Löwen. Er ist juristischer Berater von Klienten der Öl-Branche. Die sagenumwobenen Oligarchen Russlands. Nachdem sich die beiden näher gekommen sind, bittet Mascha Nick um einen Gefallen. Natürlich geht es um Bestechung, Korruption und Betrügerei. Nick weiß das und der Leser weiß es. Seine Liebe zu Mascha aber ist trotzig. Trotz ist aber nicht nur in diesem Roman eine der beiden Haupteigenschaften der Liebe. Zu der Anderen kommen wir später.

In der schummerigen, tastenden Samowar-Atmosphäre Russlands kennen sich weder Nick noch der Leser genau aus. Täuschung liegt allenthalben in der Luft, will sagen, von Anfang an ist klar, dass hier Unheil droht. Die gesellschaftspolitische Seite dieser Geschichte ist insofern erwähnenswert, als Vorurteile bestätigt werden. Eigentlich ein klarer Kritikpunkt, denn wer verbindet mit Moskau nicht Untergrund, Auftragsmord, Betrug und diesen durch und durch obszönen, in alle Bevölkerungsschichten hinab gesickerten Sud krimineller Machenschaften? Eine verkommene Gesellschaft. Millers Russland ist düstern, sehr düster. Der Autor kennt den Ort genau, er lebte dort lange, er liefert überzeugende Details und deutet mit wenigen Strichen eine Szenerie, eine Situation, eine Person. Das gilt auch für seine Schilderungen der legendären ukrainischen Stadt Odessa, die wie eine Mischung aus Sodom und Gomorra, San Francisco, Neapel und irgendeinem Ort unserer wilden Fantasie hinter den Zeilen erstrahlt. Und doch gilt auch hier wie bei allen Klischeebildern: Das dürfte zu leicht und zu einseitig sein! Miller zeichnet das Bild einer postsowjetischen Gesellschaft, dem wir nicht gänzlich trauen wollen. Aber sehen wir davon ab! Schließlich ist Miller kein Journalist, der eine schnöde Reportage über die Moskauer Unterwelt schreibt.

Sind es also diese Umstände oder sind es die Personen, die schuld an der Misere dieser Liebe sind? Klar ist, dass auch diese Liebe scheitert. Denn Scheitern ist neben Trotz nicht nur in diesem Roman die zweite Haupteigenschaft der Liebe. Dabei folgt natürlich das Eine aus dem Anderen wie das Schneebad dem überhitzten banja. Am Ende nun verschwindet Mascha. Der Vorhang fällt und alle Fragen sind offen. Aber was ist nun so erbaulich und lehrreich an diesem Roman? Die Antwort lautet: Es ist von Anfang an klar, wie es endet und der Autor bespielt diese Tatsache in einer überzeugenden und nüchternen Weise. Wenn man so will, könnte man sagen, wir erfahren in diesem Roman genauestens, wie es sich anfühlt, wenn man wie Nick den trotzigen Charakter der Verliebtheit glasklar und ohne Zweifel erkennt und doch partout einfach nicht brechen kann und will. Es ist dieses Dilemma, dieser einsame Kampf mit sich selbst und am Ende nichts anderes als das mutige Bekenntnis der Kapitulation aus Nicks eigenem Mund:

„Ich denke, wenn ich noch mit Mascha zusammen gewesen wäre, hätte ich gekündigt und wäre in Moskau geblieben, hätte wohl versucht, eine Stelle bei irgendeinem aufstrebenden Stahlmagnaten oder Aluminiumbaron zu finden. Sie hätte mich nicht geliebt, ich weiß – sie brauchte mich nicht zu lieben. Trotzdem denke ich, ich hätte weitergemacht, hätte sie zweimal in der Woche gesehen, sie zweimal in der Woche mit zu mir nach Hause genommen und gewusst, es gäbe irgendwo anders keine andere, keine bessere Version meiner selbst, in Moskau gehalten von der bleiernen Trägheit zunehmenden Alters. Ich glaube nicht, dass ich allzu sehr darüber nachgedacht hätte, wie viel von dem richtig war, was sie mir gesagt oder auch von dem, was sie getan hatte.“

Jo Balle - 16. November 2012
ID 6353
Andrew Miller: Die eiskalte Jahreszeit der Liebe
Hardcover
Preis € (D) 18,99 | € (A) 19,60 | SFR 27,50
ISBN: 978-3-10-049019-3
S. Fischer Verlag, 2012



Siehe auch:
http://www.fischerverlage.de


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