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nachDRUCK # 2

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Roman

What a man…





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Darf ein Mann, hier ein Fitnesstrainer, auch schwach und verletzlich sein? Mannsbilder sind wandelbar. Der 30-jährige, athletische Christian Lotz ist kein hartgesottener Macho. Der muskelbepackte Single spricht aus Angst vor Zurückweisung seinen Schwarm nicht auf seine Gefühle an und resigniert. In Unbegründete Ängste von Res Sigusch strauchelt Christian in einer Kleinstadt in Sachsen als ambivalenter und ungelenker Held voller Hilflosigkeit und Widersprüchlichkeit.

Christian schämt sich zunächst wegen seiner vagen Ängste und unternimmt viel zu lange nichts, obwohl offenbar nicht wenig im Argen liegt. Bald meint er seine tiefe Unsicherheit überwinden zu müssen. Er offenbart die eigene Befangenheit, als er bei der Telefonseelsorge anruft. Während des Telefonats lassen frappierende Beobachtungen Banales bedeutsam erscheinen:


"Schließlich sagt er, so leise, dass es fast ein Flüstern ist: 'Ich hab so Angst.' Es ist jetzt noch stiller, nicht nur im Zimmer, in dem sie im Schein der Schreibtischlampe sitzt, sondern auch drum herum, die ganze Straße, die Stadt, das Land, als wäre die Welt hineingesogen worden in dieses Vakuum, in dem alles die Finger an die Lippen legt, die Ohren spitzt und auf die unsichtbare Bedrohung lauscht. Selbst die Linde vor dem Fenster, die in der Nachtluft bebt.
'Angst?', fragt sie, seine leise Stimme imitierend.
'Ja, vor allem.'
Sie wartet."

(Unbegründete Ängste, S. 157)



Die Telefonseelsorgerin Yvonne weiß, dass es ein Zeichen von Stärke und Mut ist, einzugestehen, dass man Ängste hat und Hilfe braucht. Auch bei ihr spiegeln innere Monologe eine zweifelnde Unsicherheit. Bald versucht sie Trost zu vermitteln, etwa indem sie offenbart, dass er nicht allein mit der Angst ist. Sie erhält das Gespräch mit simplen Tricks aufrecht, als Christian mit einer Mischung aus Unnahbarkeit und Sensibilität von einer Übergriffigkeit seiner Mutter erzählen möchte:


"'Ihre Mutter?', spricht sie ihm nach, in möglichst neutralem Ton. Auch das eine Technik, die sie gelernt hat. Wortwörtliche Wiederholung regt zum Weitersprechen an, ohne eine Interpretation des Gesagten anzubieten, denn ist nicht jede Deutung schon eine Grenzüberschreitung, eine Verdrehung der Realität des anderen?" (Ebd., S. 154)


Sigusch schildert das Geschehen mit einer Fülle interessanter Ideen, einer guten Portion Lakonie und mitunter aufblitzendem Humor. Wie nebenbei beobachtet die nonbinäre schriftstellerische Person eine politische Spaltung, die durch die Familie des Protagonisten geht. Christian weiß, dass man sich seine Eltern nicht aussuchen kann. Doch was passiert, wenn die eigene Mutter politisch radikal woanders steht, als er selbst, er sie aber trotzdem liebt? Christian versucht mit den unüberwindlichen Gräben klarzukommen.

Nicht nur die aufstrebende AfD steht in Sachsen für ungesicherte, enge und beklemmende Verhältnisse. Die erzählerische Perspektive bewegt sich nach dem Beginn weg von Christian und beobachtet in Bewusstseinsströmungen, wie Nebenfiguren ihn wahrnehmen. In Momentaufnahmen fängt Sigusch dabei mit Genauigkeit die Seelennöte unterschiedlicher Protagonisten ein. Wenn die Perspektive der Ärztin des Protagonisten, der Eltern, der Freundin der Mutter, von Christians Chef und Kollegen oder auch von der Fitnessstudio-Besucherin Jette beleuchtet wird, möchten sich diese zugewandten Figuren oftmals eigene Befremdlichkeiten und prekäre Gemütslagen nicht eingestehen. Denn nicht nur Christian taumelt in fragilen Konstruktionen von Zuneigung, Nähe und menschlicher Alltäglichkeit und erscheint dabei mitunter fahrig, verzweifelt und einsam.


"'Du hast hyperventiliert. Sah aus wie ‘ne Panikattacke.'
Das Wort fällt zwischen ihnen zu Boden, bäumt sich auf, breitet sich aus wie das Feuer im Wald und kommt auf ihn zu.
Er reicht ihr die Wasserflasche. 'Danke, aber ich bin wohl einfach unterzuckert. Hab nicht viel gegessen heute. Anfängerfehler.' Bringt ein Lachen hervor, rappelt sich auf."

(Ebd., S. 56)



Der queere Romanheld erkennt, dass er als junger Mann eine absurde Vorstellung vom männlichen, undurchdringlichen Körper hatte. Er wird kaum romantisiert und mit seiner Gedämpftheit und seinen Macken präsentiert. Es steht trotzdem außer Frage, dass Sigusch auf der Seite des Protagonisten steht. Als Christians Leben vollends aus dem Gleichgewicht zu geraten droht, reagieren seine Eltern zunächst verständnisvoll. Doch während sich das gutmütige Desinteresse seines Vaters hin zu Zugewandtheit ändert, erscheint seine Mutter sichtlich frustriert und später komplett überfordert.

*

Unbegründete Ängste wirkt bedrückend gegenwärtig, wenn etwa auch bei anderen Figuren ein Zwang deutlich wird, eigene Ängste verbergen zu wollen, um leben zu können. Res Sigusch spielt in dem Werk mit dem Gefühl der Überforderung aus der Jetztzeit und der polarisierten Gesellschaft hierzulande.

Gefühlsvermeidung und Depressionen bringen Menschen an den Rand der Gesellschaft. Etwa 12 Millionen Menschen leiden hierzulande an einer Angststörung. Laut Experten stiegen die Zahlen insbesondere bei jungen Menschen an. Politische Unsicherheiten und eine gefühlte Überforderung tragen dazu bei. Als mentaler Ausnahmezustand äußert sich Angst auch körperlich, etwa durch Schwindel, schweißnasse Hände, kribbelnde Füße und Herzrasen.

Christian gewinnt bald an Sicherheit, doch seine tragikomische Selbstfindung erscheint schlussendlich nicht als lässige Gratwanderung. Er erlaubt sich, Dinge zu hinterfragen, verletzlich zu sein und seine Unsicherheit zu zeigen.


Ansgar Skoda - 26. August 2026
ID 16002
Verlagslink zu den Unbegründeten Ängsten


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