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„…und ich habe den Dreck, ich habe ihn an meinen Fingern, den Fingerkuppen beobachtet, Ländereien, Schlösser, Burgen mit Zinnen, Rinnsale und Flüsse, Sumpf- und Moorlandschaften mit allerlei Tieren, ja, meine Hände, sie waren schwer und prächtig, Tropfsteinhöhlen, meine verdreckten fingrigen Spitzen, und Miloš klopft mir auf die Schulter, fragt, was ich tue, und Sie verstehen doch, dass ich nicht sofort antworten kann, dass ich Miloš nur anschauen kann, als hätte ich die Frage nicht verstanden [...]
(Melinda Nadj Abonji, Schildkrötensoldat, S. 101)


*

Die Lehrerin Anna reist von Zürich in die serbische Stadt Zrenjanin. Sie besucht ihren Cousin Zoltán ein letztes Mal, mit dem sie zusammen aufgewachsen ist. Der Sohn eines „Halbzigeuners“ und einer Tagelöhnerin mit wechselnden Liebhabern starb im Alter von 21 Jahren. Vier Monate liegt seine Beerdigung nun zurück. Er war ein Außenseiter in seinem kleinen Heimatort. Als 1991 der jugoslawische Bürgerkrieg ausbrach, sollte Zoltán in der Volksarmee dienen. Der phantasiebegabte, blauäugige Jüngling wehrte sich gegen die Härte und den Drill seiner Vorgesetzten. Anna fährt zur Kaserne, in der Zoltán zum Soldaten ausgebildet werden sollte. Sie besucht das Dorf seiner Kindheit und begegnet den Bildern und Phantasien, die sie damals mit ihrem Cousin teilte.

Melinda Nadj Abonji legte mit Schildkrötensoldat (2017) einen herausfordernden Roman von großer Empathie, Humanität und Radikalität vor. Virtuos poetisch wechseln Rückblenden und Gegenwart einander ab. Mal wird aus der Sichtweise Zoltáns und mal aus der Sicht Annas erzählt. Die bilderreichen inneren Monologe Zoltáns artikulieren einen sanften Widerstand der Phantasie gegen die unterdrückende und beschränkende Macht des Stärkeren und des ihn vereinnahmenden Systems. Gleichzeitig geben die Bewusstseinsströme Annas dem Schmerz Raum, einem Nahestehenden nicht ausreichend helfen zu können.

Nadj Abonji, eine gebürtige Jugoslawin und Serbin, spätere Ungarin und Schweizerin, verarbeitete in ihrem mehrstimmig angelegten und gefeierten Vorgängerroman Tauben fliegen auf (2010) auch eigene Migrationserfahrungen. Sie erhielt damals für ihr Werk den Deutschen und den Schweizer Buchpreis. Für ihren dritten Roman, Schildkrötensoldat, wurde sie Juni 2018 mit dem Schillerpreis der Zürcher Kantonalbank geehrt. Auch ihr kunstvolles Plädoyer gegen den Krieg behandelt Gefühle von Heimatlosigkeit und Verlorenheit und die erstaunliche Kraft selbstgefundener Sprachheimaten. Seit vielen Jahren betätigt sich Nadj Abonji auch als Performerin, Sängerin und Geigerin. Als Vortragskünstlerin achtet sie sehr auf eine Entsprechung von Stimme und Text. Auch Schildkrötensoldat lebt von einer musikalisch rhythmisierten Sprache. Die jeweils eigene Melodie und Tonart für unterschiedliche Perspektiven ist eine große Stärke des eindringlichen, jedoch auch aufgrund von Endlossätzen manchmal bewusst schwer zugänglichen Werkes:


„...ich muss das Aushungern üben, sage ich zu Jenő, damit nur noch eine Einsicht übrig bleibt, und ich liege, mein Rücken auf der Pritsche, die Pritsche ist mein Rücken, ich muss mich aushungern, aushöhlen, damit ich endlich etwas von Grund auf verstehe, das Prinzip, wie du sagst!, und es vergehen bestimmt, aber ganz bestimmt Stunden mit meinen sehenden Augen, oh Jenő, und ich will, dass deine Wahrheit zu mir kommt – Miloš oder Viktor stellen mir das Essen hin, Kertész, iss endlich, zieh dich an, Mann! – aber Kertész antwortet nicht, bleibt stumm, Miloš oder Viktor oder irgendeiner stoßen ihn, stoßen ihn in die Seite, Kertész reagiert nicht, verdammt Mann, bald hast du den Trichter im Mund!“ (S. 145)


Ansgar Skoda - 4. Juli 2018
ID 10787
Link zum Buch: https://www.suhrkamp.de/buecher/schildkroetensoldat_42759.html


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