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Ein gefährliches
Angebot
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Bewertung:
Wer heute Informationen sucht und in seinen Rechner schaut, der wird mit Sicherheit, wenn er googelt, auf künstliche Intelligenz stoßen. Die wird uns in einfachen Worten unsere Frage beantworten, und gleichzeitig weiß die KI, was uns sonst noch zu diesem Thema interessieren könnte. Wikipedia oder andere nicht KI-basierte Informationsquellen treten zurück.
Es ist einfach, schnell und bequem sich von der KI bedienen zu lassen, und sie kostet nicht einmal etwas, zumindest nicht im Moment für uns ersichtlich. Denn der Preis, den wir unfreiwillig sowohl als Individuum als auch als Gesellschaft zahlen, ist für uns verborgen. Es sind unsere Daten, die online über digitale und soziale Dienste in unvorstellbarer Größenordnung gespeichert werden und die zur wichtigsten Ressource aufgestiegen sind. Ob WhatsApp, Telegramm, Facebook oder X - das, was uns hier kostenfrei zur Verfügung gestellt wird, füttert die Datenkrake, die Daten sammelt, auswertet und für diverse Anwendungen nutzt.
"Die meisten KI-Systeme operieren unsichtbar in Rechenzentren und sind eingebettet in digitale Dienste und soziale Medien. Sie strukturieren den Zugang zu Informationen, Ressourcen und gesellschaftlicher Teilhabe, ohne als greifbare, interaktive Agenten in Erscheinung zu treten.
Gerade weil diese realen Anwendungen von KI-Technologie so wenig futuristisch wirken, fallen sie durch das Aufmerksamkeitsmuster politischer und ethischer Debatten. Selbst Diskurse, die sich als moralisch engagiert und verantwortungsbewusst verstehen, (…) konzentrieren sich vor allem auf hypothetische Bedrohungen durch zukünftige AGI (künstliche allgemeine Intelligenz ist ein hypothetisches Computerprogramm, welches die Fähigkeit besitzt, jede intellektuelle Aufgabe zu verstehen oder zu lernen, die ein Mensch ausführen kann). Sie ignorieren dabei die massiven Probleme, die KI-Anwendungen bereits heute verursachen, sei es strukturelle Diskriminierung, Verstärkung sozialer Ungleichheit, Ausbau globaler Überwachung, Aushöhlung der Privatsphäre, algorithmische Verzerrung demokratischer Öffentlichkeiten und manipulative Eingriffe in politische Prozesse der Meinungsbildung."
(Künstliche Intelligenz und der neue Faschismus, S. 67)
Diese Aussagen werden im vorliegenden Büchlein intensiv abgeleitet, erklärt und mit Fakten belegt. Das zu lesen ist keine einfache Kost, und Rainer Mühlhoff würde uns die Lektüre deutlich vereinfachen, wenn er zumindest auf einen Teil der Fremdworte verzichten oder diese wenigstens in einem Kompendium am Ende des Buches nachschlagbar machen würde.
Die Lektüre ist wichtig und sollte jeden einzelnen warnen, dass es bei der KI nicht nur um schicke Zukunftsvisionen mit unbegrenzten Möglichkeiten geht, sondern dass heute schon Behörden mit den Werkzeugen der KI entscheiden: kostengünstig, schnell, schwer überprüfbar und kaum anfechtbar. Wie soll die Situation eines Individuums, eines Migranten, eines Arbeitssuchenden gegenüber der Wahrscheinlichkeit der gesammelten Fakten als Ganzes widerstehen können? Da wird der Mensch zweitrangig, Effektivität und letztlich Kontrolle auch durch private Anbieter haben hier unbemerkt die Oberhand gewonnen, und die Entbürokratisierung erscheint in einem neuen Licht.
So werden seit der zweiten Amtszeit von Donald Trump in den USA immens Stellen im öffentlichen Dienst gekürzt oder eingespart, wie es so schön heißt. Seine Verbindungen zu Wirtschaftsriesen, allen voran Elon Musk, sind ihm dabei hilfreich und sorgen für eine neue fortschrittsbegeisterte Stimmung. Da wird der Mond wieder zum Ziel, und die technischen Möglichkeiten verschlingen Gelder und Umweltressourcen, die andererorts dringend von Nutzen sein könnten. Dieser Fortschritt nutzt, wenn überhaupt, nur dem weißen Mann. "Take it or leave it" ist die Devise, Schwarz-Weiß-Denken ist angesagt, ja oder nein, einen Kompromiss gibt es nicht.
Der neue Faschismus, so Mühlhoff, ist kein Widererstarken der Nazidiktatur oder der Zeit unter Mussolini. Er trägt ein neues modernes Gesicht, der die unglaublichen Möglichkeiten der Digitalisierung nutzt. Mühlhoff analysiert die Falle, die für den Laien so nicht erkennbar ist und die erst in ihren Konsequenzen in ein neues globales Gesellschaftsgefüge führt. Der Vorwurf der Verschwörungstheorie gegenüber dem Autor darf an dieser Stelle zurückgewiesen werden, da der renommierte Wissenschaftler an der Universität Osnabrück bei diesem Buch von der SPD-nahen Friedrich Ebert Stiftung unterstützt wird.
Ellen Norten - 18. April 2026 ID 15808
Reclam-Link zum Sachbuch von
Rainer Mühlhoff
Post an Dr. Ellen Norten
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