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Tod auf der
Baustelle
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Bewertung:
Morgens in Lissabon entdeckt ein Arbeiter auf einer Baustelle beim Urinieren im hintersten gelagerten Betonrohr einen Toten. Die herangerufene Polizei bemerkt schnell, dass der Verstorbene mit viel Geschick in das relativ enge Rohr bugsiert wurde und dass es sich bei ihm um den reichen Unternehmer Ricardo Silva Matos handelt. Fast schon prominent hatte dieser bei einigen Fernsehsendungen mitgewirkt, dennoch stellt sich heraus, dass er nicht unbedingt beliebt war. Zudem könnten gleich mehrere Menschen von seinem Tod profitieren.
"Selbst im Tod half es Ricardo Silva Matos, dass er berühmt war. Der Gerichtsmediziner zog seine Obduktion vor und hatte den Termin gleich für den nächsten Morgen angesetzt. Ein Obdachloser, der mit einer Kopfwunde tot in einer Gasse aufgefunden worden war, musste dafür warten.
Selva hatte noch nie einer Obduktion beigewohnt. Sie hielt es für ein schlechtes Omen, dass auf Portugiesisch Leiche mit cadaver übersetzt wurde. Die PJ betrieb sogar eine Webseite mit der Überschrift identificar cadáveres, auf der Fundort und Zustand der Leichen nebst Foto aufgeführt wurden. Einige waren dort seit 2002 gelistet, und noch immer hatte niemand die Toten identifiziert. Zumindest dieses Problem bestand hier nicht."
(Portugiesische Abgründe, S. 76)
Durch solch kurze Zusatzinformationen, über anonyme Mordopfern, wie etwa dem Obdachlosen, versteht es Maike Braun den Blick auf die Ungerechtigkeiten des Lebens zu ziehen, und so werden wir hin und wieder auf die Benachteiligungen aufmerksam gemacht, die durch Armut oder mangelnde Bildung entstehen.
Was den reichen Toten angeht, so ergeben sich gleich mehrere heiße Spuren, denen Selva und ihr Chef Azenha nachgehen können. Eine davon führt zu einem Dorf im Norden Portugals, wo der lukrative, aber schwer umstrittene Abbau von Lithium für die Batteriefabriken Europas geplant ist. Dies wird die Landschaft dort ruinieren, aber gleichzeitig für viele Arbeitsplätze in der verarmten Gegend sorgen.
Wie auch in den vergangenen Fällen von Selva stellen Umweltschutz und Umweltverseuchung ein zentrales Thema bei ihren Ermittlungen da. Maike Braun, deren Herz wie das ihrer Protagonistin für den Umweltschutz schlägt, versteht es die Dinge von mehreren Seiten zu beleuchten und verfällt keinem Schwarz-Weiß-Denken. Und es gibt so ganz nebenbei wieder einiges zu lernen über Wasser, Abwasser und die damit verbundenen Gefahren, so es zu einer schweren Kontamination kommen könnte.
Aber es gibt auch andere Spuren im Mordfall, und wieder verliebt sich Selva, wie in den vorangegangenen Büchern, in eine Verdächtige. Würde es sich bei ihr um einen Mann handeln, könnten wir schon fast von einem Schürzenjäger sprechen. Schwer hormongesteuert kann sie die endgültige Überführung des oder der Täter kaum mehr abwarten. Sie schenkt der Sorge um eine möglicherweise verpatzte Chance bei ihrer neuen Favoritin mehr Augenmerk als dem Fall und setzt dabei für sich neue Maßstäbe. Das ist zwar eine unerwartete Wendung, die mir als Leserin jedoch gar nicht gefällt. Ein Krimi lebt für mich durch Spannung und unerwartete Wendungen. Mit diesem Schwerpunkt entwertet Maike Braun das Krimiende für mich, warum einen Fall lösen, wenn doch das Herz gerade für ganz andere Dinge schlägt? Schade, für mich hat es den Plot weitestgehend verdorben, aber das ist Geschmackssache und kann auch anders gesehen werden, nämlich dann, wenn die Liebe über die Vernunft siegt.
Ellen Norten - 30. August 2026 ID 16012
Piper-Link zu den
Portugiesischen Abgründen
Post an Dr. Ellen Norten
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