In Frankreich
nichts Neues,
oder doch??
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Bewertung:
Mit einer Startauflage von 300.000 Exemplaren ist Anéantir (dt.: Vernichten) beim Verlag Gallimard Anfang Januar 2022 erschienen. 300.000 Exemplare, da war sich der Verlag sehr sicher, und er hat das Erscheinen mit einer großen PR-Aktion begleitet. Schon das Detail, dass es das Buch in einer Hardcover-Ausgabe geben sollte, wurde ausgiebig viral diskutiert. Bei unserem Nachbarn ist das sehr ungewöhnlich, in Frankreich sagt man über eine Hardcover-Ausgabe: „Ein Buch wie in Deutschland“. In Deutschland ist Vernichten schon vier Tage später bei DUMONT erschienen. Wer hätte das mal gedacht, dass die Bücher des heute 67-jährige Michel Houellebecq zu Bestsellern werden. Nachdem er in den 1980er Jahren mit seinen Gedichten und Essays nur wenige Leser erreichen konnte, ist er seit seinem Roman Ausweitung der Kampfzone, der 1994 erschien, in Frankreich und international gefeiert und bekannt. Seine düsteren, trashigen Untergangsszenarien trafen den Geschmack der zerfallenden westlichen Gesellschaften. Ausweitung der Kampfzone und der folgende Roman Elementarteilchen wurden zudem sehr erfolgreich verfilmt. Die Latte liegt somit sehr hoch, wenn ein neues Buch von Houellebecq erscheint.
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Worum geht es? Wir befinden uns in der Zukunft. 2027, vor den nächsten französischen Präsidentschaftswahlen, taucht im Netz ein Video auf, das die Hinrichtung eines möglichen Kandidaten, dem derzeitigen Wirtschaftsminister Bruno Juge, zeigt. Ein digital perfektes Fake. Der Roman dreht sich aber um Paul Raison, die rechte Hand von Bruno Juge. Als Absolvent einer Elitehochschule hat der sein Leben als Spitzenbeamter verbracht. Ein Privatleben hat er seit zehn Jahren nicht mehr. Er und seine Frau Prudence leben in der gemeinsamen Eigentumswohnung in Paris, aber sie teilen nichts mehr miteinander. Jeder hat sein Zimmer, das gemeinsame Wohnzimmer ist verwaist. Selbst im Kühlschrank gibt zwei klare abgetrennte Bereiche. Während Juge um seine Kandidatur kämpft und der Alltag im Ministerium zum Erliegen kommt, hat Paul unerwartete Freiräume. Er kann sich um seinen Vater kümmern, der einen Schlaganfall erlitten hat. In dem Zusammenhang verbringt er viel Zeit mit seiner Schwester, seinem jüngeren Bruder und seiner Stiefmutter. Und es kommt zu einer Annäherung zu seiner Frau. In Houellebecqs typischer Manier geht es dabei vor allem um Sex. Als sich Paul in Vorbereitung auf die sexuelle Annährung zu Prudence für 400 Euro einen blasen lässt, schaut er plötzlich in das Gesicht seiner Nichte, die sich neben dem Studium was dazu verdient. Später wird Paul von seiner Arbeit freigestellt und hat viel Zeit sich um seine Frau zu kümmern. Houellebecq schildert detailgenau die Vor- und Nachteile von Hündchen- und Missionarsstellung. Ja, das hatten wir alles schon in seinen Romanen aus den 1990ern.
Doch nichts Neues? Neu ist letztendlich, dass Paul und Prudence wieder die gegenseitige Nähe suchen, die Vertrautheit genießen und zu einem fragilen neuen Glück finden. Vernichten ist ein Roman für Houellebecq Fans und Kenner. Derjenige, der das wenige Neue im neuen Roman nicht erkennen kann, sollte lieber mit den frühen Romanen anfangen und sich langsam einlesen und hineindenken in die düstere Weit des Michel Houellebecq.
Steffen Kühn - 29. Januar 2022 ID 13427
Dumont-Link zum Roman
Vernichten von Michel Houellebecq
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