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nachDRUCK # 2

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Phantastik

Zwischen Leben

und Tod





Bewertung:    



Cor Magis, das offene Herz, steht nicht nur für den zisterziensischen Willkommensgruß, sondern auch für das gefährdete Herz seines Trägers. Ein Mann geht durch die schmale Straße einer unbekannten Stadt. Auf dem Buchcover [s. o. re.] taucht seine Silhouette in ein unheimliches Orange-Rot. Nicht der erhabene Sonnenuntergang, sondern ein fast bösartiger Himmel giert nach dem Passanten. Der Mann ist nicht allein. Links hinter ihm schreitet eine zweite Person, scheint den Vorangehenden zu beobachten und folgt ihm. Ich schließe mich den beiden an und folge ihnen in das Buch. Gleich beim Öffnen glotzt mich vom eingeschlagenen Umschlag ein verzerrter Totenschädel mit Teufelshörnen an. Schnell tauche ich in den Textteil ein und werde konfrontiert mit einem Alptraum: Herzinfarkt. Auch wenn dies heute nicht zwingend das eigene Todesurteil darstellen muss, so ist dieser Schlag aus dem Nichts immer noch die häufigste Todesursache. Betroffen ist der Ich-Erzähler. Ein schwieriges Unterfangen, das sich der Autor zugemutet hat, denn nicht alles, schon gar nicht der eigene Tod, kann aus der Ich-Perspektive geschildert werden, oder doch?


"Und ich habe gleich angefangen zu schreiben, ohne es recht wahrzunehmen. Angefangen Gedanken und Gefühle auszudrücken, aber es ist Stückwerk. ich kann meine eigene Geschichte nicht scheiben. Das kann niemand. Man kann sich nur schreiben lassen, bestenfalls.
Wenn jedoch jemand anderes das erlebt, was ich erlebt habe, dann bin ich das nicht. Dann kann ich mir das Ansehen, von außen. Und hinterher wegwerfen. Und ihn wegwerfen. Damit ich ihn wieder loswerden kann, wenn er mir zu nahe kommt.
Reicht es überhaupt aus, um davon zu schreiben? Es sind doch nur Gefühle, Stimmungen, Ängste, Erlebnisse? Was habe ich denn schon erlebt?
Na gut, ich war tot, aber sonst?"

(S. 12)



Michael Siefener schafft einen zweiten Protagonisten, eine Art Zwillingsbruder, den er für sich leiden lässt. Amon Ruf, der Name ist sicher kein Zufall, sein leidendes Alter Ego ist vom Autor gerufen worden. Nun liegt er im Krankenbett. Er ist schwach und erfährt vom Klinikpersonal, dass er klinisch tot gewesen sei, für kurze Zeit besuchte er die Ewigkeit. Die Rückreise ist lang und schmerzhaft; Medikamente, Schwindel, Irritationen, sein stöhnender Nachbar im Krankenzimmer. Dann die „Erlösung“.

Amon wird im Rollstuhl in eine Rehabilitationseinrichtung überführ, was nichts anderes ist als ein unmodernes, altersschwaches Gebäude. Nach einer Odyssee durch labyrinthhafte Gänge wartet ein neues tristes Krankenzimmer auf ihn. Obwohl sich langsam seine Genesung ankündigt, schlittert Amon Ruf immer tiefer in seinen Alptraum hinein. Den merkwürdigen Zimmernachbarn trifft er nur sporadisch und zufällig. Im Speisesaal gibt es eine Patientin, die seiner verflossenen großen Liebe zum Verwechseln ähnelt - und dennoch, alles ist anders, ist neu und doch von düsteren Schatten überzogen.

Immer wieder wechselt die Perspektive zwischen Ich-Erzähler und Amon Ruf. Doch beeinflussen sich die beiden gegenseitig, Ruf erlebt Dinge, von denen der Ich-Erzähler nur träumt. Doch die kurzen hoffnungsfrohen Phasen enden schnell wieder in grauer Perspektivlosigkeit. Der Ich-Erzähler hat mit seinen Dämonen zu kämpfen: Schimmelbefall. Fast seine gesamte Wohnung ist betroffen, seine Rückkehr aus dem Sanatorium gerät zum Alptraum

Es wäre nicht Michael Siefener, der Meister der schaurigen Phantastik, wenn es ihm nicht gelänge, den Leser mit der düsteren Atmosphäre, der existentiellen Angst vor dem Tod und den Schrecken vom Sterben und Leben einzufangen.


"Jetzt sitze ich im Häuschen einer Bushaltestelle und schreibe diese Zeilen. Ich sehe mich um und erkenne es wieder. Dies ist das Wartehäuschen, in dem ich gestorben bin. Dasselbe. Aber ich bin nicht mehr derselbe. Ich bin – fremd.
Das Ende ist der Anfang. Immer wieder. Es gibt keinen Weg hinaus. Nur hinunter. Ein Ausbruch ist unmöglich. Alle Wege kreisen wie in einer Spirale nach unten. Und dabei führen sie immer tiefer in die eigene Entfremdung hinein, Und das ist der Vorhof der Hölle."

(S. 207)



Ein besonders Buch, dass sich nicht einfach herunterlesen lässt. Ein Buch, das klammert, sich festsaugt und Spuren hinterlassen möchte, einen Grusel erzeugt, der erst nach Tagen verfliegt und der ein ungewöhnliches Leseerlebnis darstellt. Das Buch ist empfehlenswert, nur nicht für die Menschen, die ohnehin mit starken inneren Ängsten gestraft sind.

Etwas schwer tue ich mich mit den Ausführungen des Grafikers Jörg Kleudgen, der mir mit seinen Schwarz-Weiß Zeichnungen im Bereich der dunklen Phantastik bereits lange bekannt ist und auch von mir geschätzt wird. Hier lässt er KI über seine Bilder laufen, um sie in farbige „Ölgemälde“ umzugestalten. Aber nur für das Cover des Buches und nicht für die Innenillustrationen hat dies aus meiner Sicht funktioniert. Da die ursprünglichen schwarz-weißen Bilder aus dem Innenteil im Anhang angefügt sind, ist hier ein Vergleich zu den farbigen Illustrationen möglich. Auf mich wirken sie in ihrer Farbigkeit beliebig und überfrachtet. Als Begründung führt Kleudgen in seinen Ausführungen dazu am Ende des Buches an, dass er eine ausgeprägte Rot-Grün-Schwäche und handwerkliches Ungeschick in der Ölbildtechnik hat. Schade, dieses Experiment seitens der aus meiner Sicht überflüssigen KI im kreativen Kunstbereich hätte das ansonsten hervorragende Buch nicht nötig gehabt.


Ellen Norten - 11. August 2026
ID 15983
Siehe auch unter https://dunkelgestirn.jimdofree.com/


Post an Dr. Ellen Norten

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