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Ein Sonntagnachmittag
mit dem Tod
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Bewertung:
Catherine Loveys Geschichte vom Mann, der nicht sterben wollte ist ein Buch für einen jener Sonntagnachmittage, an denen die Welt für einige Stunden schweigen darf. Man liest es nicht nebenbei, nicht im Zug zwischen zwei Terminen, nicht als bloße Lektüre gegen die Zeit. Man liest es eher wie eine leise Zumutung: mit einer Tasse Kaffee, mit einem Fenster zur Seite, mit dem Gefühl, dass die Wirklichkeit für einen Augenblick zurücktreten darf, gerade damit etwas von ihr deutlicher sichtbar wird.
Der Mann, von dem hier erzählt wird, ist ein exilierter Ungar, weltgewandt, geschäftserfahren, erfolgreich. Einer, der sein Leben offenbar so geführt hat, als ließen sich auch die letzten Dinge durch Haltung, Intelligenz, Aktivität und vielleicht ein wenig Charme organisieren. Doch nun ist er krank, schwer krank, und dasjenige, was er sein Leben lang vielleicht verdrängen konnte, steht plötzlich vor ihm: das Ende. Dass es auch für ihn gelten soll, was für alle gilt, nämlich dass das Leben mit dem Tod endet, will dieser Mann nicht anerkennen. Catherine Lovey beginnt ihren Roman fast märchenhaft; die Buchbeschreibung spricht von 45 kurzen Kapiteln, in denen immer neue Aspekte dieser Beziehung und dieser Verweigerung sichtbar werden.
Begleitet wird dieser Mann von einer Ich-Erzählerin, die zunächst nur seine Nachbarin ist. Zwei Menschen auf derselben Etage, zwei sehr unterschiedliche Lebenswelten: hier der Geschäftsmann, dort eine engagierte Frau, die sich für eine lebenswerte Umwelt einsetzt. Aus Nachbarschaft wird Nähe, aus Distanz Anteilnahme, aus Fremdheit eine Freundschaft, die gerade deshalb berührt, weil sie nicht sentimental behauptet wird. Lovey schreibt mit großer Sorgfalt und Empathie darüber, wie ein Mensch, der beruflich und privat viel erreicht hat, mit der Zumutung einer schweren Krankheit ringt. Das Besondere liegt nicht darin, dass hier der Tod als großes Thema aufgerufen wird. Das Besondere liegt darin, wie genau die Autorin seine Umgebung beschreibt: die kleinen Gesten, die Ausweichbewegungen, das Nicht-wahrhaben-Wollen, das zögernde Begreifen.
Catherine Lovey, 1967 in eine Bergbauernfamilie im Walliser Val d’Entremont geboren, lebt heute im Kanton Waadt. Sie studierte Internationale Beziehungen und Kriminologie und arbeitete als Journalistin mit den Schwerpunkten Wirtschaft und Finanzen, bevor sie sich auch als Romanautorin, Essayistin und Theaterautorin profilierte. Geschichte vom Mann, der nicht sterben wollte ist ihr fünfter Roman; im französischen Original trägt er den Titel Histoire de l’homme qui ne voulait pas mourir.
Vielleicht erklärt diese Herkunft aus verschiedenen Beobachtungsfeldern — Journalismus, Kriminologie, Literatur — etwas von der besonderen Tonlage des Buches. Lovey schaut genau hin, aber sie stellt nicht aus. Sie analysiert, aber sie seziert nicht kalt. Ihr Erzählen bewegt sich zwischen zarter Intimität und reflektierender Distanz. Es ist ein Buch, das Nähe zulässt, ohne sich ihr auszuliefern. Gerade dadurch entsteht jene eigentümliche Ruhe, in der man als Leser unweigerlich beginnt, die Geschichte vom sterbenden anderen auf sich selbst zurückzubeziehen.
Eine große Leistung der deutschen Ausgabe liegt in der Übersetzung von Walter Pfäffli. Er wurde 1962 bei Luzern geboren, studierte Germanistik, Philosophie und Vergleichende Literatur und kam über seine Tätigkeit an der Schweizer Nationalbibliothek zur literarischen Übersetzung. Nach Übertragungen von Matias Jolliet und Christiane Antoniades-Menge legt er hier die deutsche Fassung von Loveys aktuellem Roman vor.
Verblüffend ist, wie wenig man dieser deutschen Fassung anmerkt, dass sie eine Übersetzung ist. Das ist vielleicht eine der großen, stillen Leistungen dieses Buches. Natürlich weiß man nicht, wie Loveys Originalsprache auf einen wirken würde; aber die deutsche Sprache erzeugt eine Atmosphäre, die vollkommen selbstverständlich erscheint. Nichts klingt übertragen, nichts klingt nachgestellt. Der Text atmet im Deutschen, als sei er hier entstanden. Gerade bei einem so sensiblen Thema ist das entscheidend: Jede falsche Tonhöhe, jede zu schöne Formulierung, jede aufdringliche Metapher hätte das Buch beschädigen können.
Dass die Geschichte in der Schweiz verortet ist, verstärkt den Eindruck eines leisen Zwischenraums. Man liest nicht einfach eine Krankheitsgeschichte, sondern gerät in ein Nachdenken über Lebensformen, über Erfolg, über Einsamkeit, über die Illusion von Kontrolle. Der Tod ist hier nicht nur biologisches Faktum, sondern eine philosophische und soziale Zumutung. Was bleibt von einem Menschen, wenn seine Pläne nicht mehr greifen? Was bedeutet Nähe, wenn sie nicht retten kann? Und was heißt es, jemanden zu begleiten, ohne ihm seine Wahrheit aufzuzwingen?
Loveys Roman macht dabei etwas Seltenes: Er macht Mut. Nicht auf billige Weise, nicht tröstend im Sinne einer schnellen Versöhnung. Er macht Mut, weil er den Blick auf das Ende nicht verdunkelt, sondern klärt. Er zeigt, dass die Auseinandersetzung mit Sterblichkeit nicht zwangsläufig Verzweiflung bedeutet. Sie kann auch eine Form von Wahrhaftigkeit sein. Vielleicht sogar eine Form von Freiheit.
Geschichte vom Mann, der nicht sterben wollte ist deshalb kein düsteres Buch, obwohl es von Krankheit und Tod handelt. Es ist ein stilles, ernstes, schönes Buch über die Würde des Hinschauens. Man legt es aus der Hand und ist nicht erleichtert, sondern gesammelt. Und vielleicht ist das mehr, als Literatur oft leisten kann.
Steffen Kühn - 12. Mai 2026 ID 15851
Verlagslink zur
Geschichte vom Mann, der nicht sterben wollte
Post an Steffen Kühn
http://www.hofklang.de
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