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Science-Fiction

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Bewertung:    



Sie gilt als die Grande Dame der Science-Fiktion, die 1929 geborene und 2018 verstorbene US-Amerikanerin Ursula K. Le Guin. Nun erschien eine Sammlung von 25 Kurzgeschichten, neu überarbeitet und zum Teil in erstmals deutscher Übersetzung. Das Vorwort stammt von ihr selbst aus dem Jahr 1994, eine Wertschätzung des Genre Science-Fiktion mit einer Handreichung für alle die, die sich wegen mangelnden technischen Wissens an diese Sparte nicht herantrauen.

Der Auftakt ist die Story Neun Leben aus dem Jahr 1969, nominiert für den NEBULA-Award. Martin und Pugh untersuchen den recht abweisenden Planeten Libra auf mögliche Erzvorkommen. Als sie auf eine Miene stoßen, fordern sie Verstärkung an, die auch bald eintrifft; in Form eines Zehnerklons. Zehn Menschen, die nahezu gleich aussehen, gleich sprechen und vermutlich ähnlich oder sogar gleich denken und fühlen. Doch fünf von ihnen sind Frauen, die anderen fünft dagegen Männer. Einen solchen Klon gibt es nicht und kann es aus wissenschaftlicher Sicht niemals geben. Ein Klon besteht aus erbgleichen Individuen, die sich in ihrem Erbgut nicht unterscheiden. Der genetische Unterschied zwischen Mann und Frau ist jedocch immens. Diesen offensichtlichen Kardinalfehler versucht Le Guin auszumerzen:


"'Alle aus demselben Holz geschnitzt', erwiderte Martin tapfer. 'Aber wieso können dann… einige von Euch Frauen sein…?'
Beth fuhr fort: 'Eine Hälfte der klonalen Masse auf weiblich umzuprogrammieren ist nicht schwer. Dazu wird aus der Hälfte der Zellen das männliche Gen entfernt und diese bilden sich dadurch zur Urfom, das heißt zur weiblichen Form zurück. Das umgekehrte Verfahren, also die Einfügung von Y-Chromosomen, ist komplizierter. Es werden mehrheitlich Männer geklont, da zweigeschlechtliche Klone am besten funktionieren.'"
(Der Tag vor der Revolution, S. 22)



Das ist schlichtweg falsch, und Le Guin macht es damit noch schlimmer. Es geht hier nicht um das Klonen als solches. 1969 war die Forschung nicht so weit, als dass man z.B. Tiere hätte klonen können. Darüber zu spekulieren, dass dies in Zukunft auch beim Menschen möglich sein kann, darf Science-Fiktion und zeigt damit mögliche Chancen und Risiken auf, doch die wissenschaftliche Basis solcher Spekulationen muss stimmen.

Die Idee, die Le Guin hinter der Klonidee entwickelt, ist durchaus interessant. Es geht um die enge Gefühlswelt der Klonindividuen untereinander und wie sie sich gegenüber Fremden, in diesem Fall Martin und Pugh, abgrenzen können oder gar müssen. Wie verhält sich ein Klonmitglied allein, wenn es ohne die erbgleichen Geschwister auf Fremde trifft, und inwieweit ist es dann überhaupt überlebensfähig?

Diese spannenden Fragen hätte ein Zehnerklon von nur Frauen bzw. nur Männern beantworten können und hätte die Geschichte damit glaubhaft gemacht. Nun hat Le Guin diesen Schritt nicht getan. Dies hätte der Jury für den NEBULA-Award auffallen müssen. Stattdessen geistert dieser Fehler nun in manchen neueren Science-Fiction-Geschichten herum, da manch unerfahrener Autor sich von den spannenden Fragen hat einfangen lassen. Und auch der Übersetzerin Karen Nölle hätte der Fehler auffallen müssen, doch wäre eine so umfangreiche Korrektur an einer Geschichte, dazu bei einer verstorbenen Autorin, zulässig gewesen? Nein, aber die Geschichte hätte mindestens mit einem entsprechenden Intro versehen werden müssen, besser wäre es gewesen, ganz auf sie zu verzichten. Schließlich hätte es auch andere gute Geschichten von Ursula K. Le Guin für den Band gegeben.

Es kann hier nicht auf alle 25 Geschichten eingegangen werden. Die namensgebende Geschichte Der Tag vor der Revolution könnte auch auf der Erde spielen. Eine alternde Revolutionärin bedauert den Verlust ihrer Attraktivität. Altersbedingte körperliche Veränderungen werden äußerst negativ dargestellt. Gibt es nichts Wichtigeres im Leben dieser Frau als ihre vermeintliche Schönheit?

Schrödingers Kater ist eine originelle Story, die dem Leser Rätsel aufgibt.

Auch andere Geschichten sind von bemerkenswerten Gedankenexperimenten bestimmt:

In Wunschphantasien untersuchen Wissenschaftler die indigenen Völker auf dem Planeten Yirdo. Einer von ihnen, ein Linguist, entdeckt die sprachlichen Verwandtschaftsbeziehungen zwischen dem Englischen und der von den Bewohnern gesprochenen Sprache. Kurios ist, dass deren Sprache auf dem fernen Planeten Yirdo sich vom Englischen ableitet und nicht umgekehrt. Doch hatte es vor dem Besuch der Wissenschaftler keinerlei Kontakt von Menschen dorthin gegeben, oder etwa doch? Hier zeigt Le Guin ihr ganzes künstlerisches Können, indem komplizierte und spannende Gedankengänge in ihren Konsequenzen nachvollzogen werden.

Die Befreiung einer Frau ist die letzte Geschichte im Buch und damit auch die jüngste von 1995. Sie ist fast schon ein Kurzroman, entspricht mit knapp 80 Seiten deutlich einer Novelle. Es wird das Leben einer Frau geschildert, die als Sklavin aufwuchs und nach einer Odyssee durch verschiedene Planeten sich als Wissenschaftlerin weitgehend verwirklichen kann und die die Liebe zwischen ihrem Freund und sich als höchstes Gut erkennt. Das mag zunächst kitschig klingen, ist aber sehr einfühlsam und überzeugend beschrieben. Kontrastierend hierzu wird der sexuelle Missbrauch der Frau als Kind durch eine Herrscherin fast als Kavaliersdelikt gezeigt. Irritierend, ist ein Missbrauch durch Frauen weniger traumatisierend?

*

Le Guin ist zweifelsohne eine große Schriftstellerin. Dennoch gibt es von mir viele Kritikpunkte an ihr und ihrer Literatur zu vermerken. Die Geschichten im Buch beziehen sich häufig auf ihre großen Romane oder stehen untereinander in Zusammenhang. Wer diese nicht kennt, kann manchmal dem Geschehen nur schwer folgen. Ihr Feminismus und das Loslassen vom Geschlechtlichen sind zwar unter heutigen Gesichtspunkten aktueller denn je, dennoch für mich nicht überzeugend. Irritierend auch, dass Le Guin immer wieder auf dem Thema Schönheit als Wert herumreitet. Und wer seine Geschichten dazu im Playboy unter Pseudonym veröffentlicht, hat für mich ohnehin an Glaubwürdigkeit bezüglich Feminismus verloren. Das Buch ist eher für den internen Science-Fiktion-Kenner geeignet und weniger als Einstiegsliteratur für den Neuling, wie Le Guin dies in ihrem Vorwort anregt.


Ellen Norten - 12. Januar 2026
ID 15646
FISCHER TOR-Link zur Anthologie von Le Guin


Post an Dr. Ellen Norten

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