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Was bleibt,
wenn niemand
spricht
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Bewertung:
„Erinnerung bedeutet, dass etwas bleibt – auch wenn so vieles verschwunden ist.“ Dieser Satz beschreibt ziemlich genau, worum es in Konrad Bernheimers neuem Buch geht. Auf rund 160 Seiten erzählt der 1950 in Venezuela geborene Kunsthändler die Geschichte seiner Familie über weite Teile des 20. Jahrhunderts – und damit zugleich ein Stück deutscher und europäischer Geschichte.
Im Mittelpunkt steht sein Vater Kurt Bernheimer.
Konrad Bernheimer ist vier Jahre alt, als er 1954 mit seiner Mutter und seinen Schwestern nach München zurückkehrt. Sein Großvater Otto Bernheimer, der bereits 1945 nach Deutschland zurückgekehrt war, holt die Familie dorthin zurück, wo die Bernheimers als Kunst- und Antiquitätenhändler verwurzelt waren.
Nur der Vater fehlt.
Dem Kind wird erzählt, Kurt Bernheimer sei bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Erst viele Jahre später erfährt der Sohn die Wahrheit: Sein Vater hatte sich kurz vor der geplanten Rückkehr nach Deutschland das Leben genommen. Die Verfolgung, Misshandlungen und Demütigungen durch die Nationalsozialisten hatte er psychisch nicht überwunden.
Über diesen Tod wurde in der Familie lange geschwiegen.
Bernheimer findet für die Auseinandersetzung mit dieser Geschichte ein sehr überzeugendes Stilmittel: Er schreibt Briefe an meinen Vater. Sie folgen weitgehend chronologisch den einzelnen Abschnitten der Familiengeschichte. So entsteht aus der persönlichen Suche nach dem Vater zugleich eine Geschichte von Aufstieg, Enteignung, Verfolgung, Emigration, Rückkehr und Neubeginn.
Gerade diese Verbindung macht das Buch so stark.
Die Geschichte der Bernheimers ist einerseits eine Geschichte außergewöhnlicher Widerstandskraft. Innerhalb weniger Jahrzehnte erlebt die Familie wirtschaftlichen Erfolg, Enteignung, Flucht aus Deutschland, einen Neuanfang in Venezuela und schließlich die Rückkehr in das Land, aus dem sie vertrieben worden war.
Beim Lesen fragt man sich gelegentlich, worüber wir heute eigentlich sprechen, wenn wir von Krisen und Problemen reden. Natürlich lassen sich Lebenssituationen verschiedener Generationen nicht einfach gegeneinander aufrechnen. Aber dieses Buch verschiebt den Maßstab. Es zeigt, welchen Belastungen Menschen ausgesetzt waren – und wie viel Kraft sie dennoch entwickeln konnten.
Gleichzeitig zeigt Bernheimer sehr deutlich, dass Überleben nicht bedeutet, unbeschädigt weiterzuleben.
Sein Vater hatte die Verfolgung und die Misshandlungen überlebt, konnte sich von den Folgen aber nicht mehr befreien. Was man heute vermutlich als schwere Traumafolgen bezeichnen würde, wurde in den fünfziger Jahren kaum verstanden. Von Menschen, die Verfolgung und Krieg überstanden hatten, wurde vielfach erwartet, dass sie wieder funktionieren.
Genau darin liegt eine der wichtigen Aussagen des Buches: Geschichte endet nicht mit dem historischen Ereignis. Sie wirkt in Menschen weiter, in Familien, im Schweigen und schließlich auch in den folgenden Generationen.
Der Nationalsozialismus erscheint hier nicht über große historische Gesten oder abstrakte Zahlen. Er wird konkret: Eine Familie verliert ihr Unternehmen, wird verfolgt und vertrieben. Menschen werden misshandelt, fliehen auf einen anderen Kontinent und versuchen später, ihr Leben neu aufzubauen.
Gerade diese persönliche Perspektive macht das Geschehen besonders anschaulich.
Auch deshalb ist das Buch heute relevant. Je größer der zeitliche Abstand zum Nationalsozialismus wird und je weniger Menschen noch aus eigener Erfahrung darüber berichten können, desto wichtiger werden solche persönlichen Zeugnisse. Erinnerungskultur funktioniert nicht allein über Jahrestage und politische Erklärungen. Sie braucht Biografien.
Dass Charlotte Knobloch dem Buch ein sehr persönliches Vorwort beigesteuert hat, passt deshalb besonders gut. Es unterstreicht den Charakter des Buches als Beitrag zur Erinnerung, ohne Bernheimers individuelle Familiengeschichte zu überlagern.
Briefe an meinen Vater ist ein schmales, aber inhaltlich großes Buch. Es erzählt von Verlust und Schweigen, von familiärer Prägung und von der Fähigkeit, nach schweren Brüchen immer wieder neu anzufangen.
Und es zeigt etwas sehr Einfaches: Menschen verschwinden. Aber ihre Geschichte muss es nicht.
Steffen Kühn - 31. August 2026 ID 16013
Verlagslink zu Konrad Bernheimers
Briefe an meinen Vater
Post an Steffen Kühn
http://www.hofklang.de
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