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Bizarre Riten
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Bewertung:
Eine junge Frau wird leblos in einem Naturschutzgebiet an der Ostsee gefunden. Sie ist nackt, ihr Rücken mit Blut beschmiert, um sie herum der Sand blutdurchtränkt. Als man sie ins Krankenhaus bringt, erwacht sie zu neuem Leben, anscheinend befand sie sich zuvor unter Drogeneinfluss. Sie ist unverletzt und behauptet sich an nichts erinnern zu können. Sie will so schnell wie möglich nach Hause.
Doch die Blutmengen am Fundort sprechen für ein Gewaltverbrechen. Das Blut stammt nämlich nicht von ihr, und den Verlust dieser Menge an Blut würde ein Mensch kaum überleben. Doch wo ist das Opfer? Für Kommissar Ohlsen und seine Mitarbeiter beginnt eine nervtötende Ermittlung, da die junge Frau in keiner Weise kooperativ ist.
Natürlich bringen Ohlsen und seine Kollegen langsam Informationen zusammen, doch der Fall bleibt eigentümlich. Anscheinend feierten in der Nacht vor der Entdeckung der jungen Frau Okkultisten ihre Rituale am Fundort. So wird zur weiteren Aufklärung die befreundete Leiterin des dänischen Museums für Archäologie hinzugezogen. Fria Svensson ist mit Ohlsen befreundet und hat auch in den beiden vorangegangenen Büchern als Ermittlerin mitgewirkt.
Während Fria und Ohlsen sympathisch und glaubwürdig agieren, zeigen andere Personen im Karen Kliewes neuem Roman Nebelschwester übertriebene Züge. So wird das Opfer Greta als verliebtes Dummchen gezeichnet, das ständig hilflos in Tränen ausbricht. Ihr ehemaliger Freund Christian, der der okkulten Gruppe ebenfalls angehört, ist dagegen ein skrupelloser Frauenjäger, der stets auf der Suche nach „jungem Gemüse“ Frauenherzen bricht.
"Er kam auf seine Kosten, da musste sie sich nichts vormachen! Antje wusste, was das Brennen in ihrem Magen bedeutete. Es war nicht richtig! Männer wie Christian, die alles haben konnten, sollten gutgläubige junge Dinger wie Greta nicht ausnutzen. Und Mädchen wie Greta sollten nicht so dumm sein, von Zukunft oder gar Hochzeit zu träumen." (S. 122)
Dass „betroffene“ Frauen sich nach dem Ende der Liebschaft jedoch gleich umbringen und Christian dies in Kauf nimmt, scheint mir weit hergeholt zu sein. So wird der eigentlich spannende Romanaufbau immer wieder durch unglaubhafte Charaktere durchbrochen und verhindert letztendlich die Glaubwürdigkeit dieses eigenartigen Falls. Auch eine Nebenhandlung, bei der der Mitbewohner von Fria eventuell in kriminelle Rockerkreise gerät, bringt das Buch nicht wirklich weiter,
Obwohl die Autorin am Ende des Buches in ihrer Danksagung auf ihre ausführlichen Recherchen hinweist, erscheinen auch diese etwas fadenscheinig. Da ist vom Cannabisrausch die Rede, der die Okkultisten über Stunden flachlegt. Hier sollten wohl härtere Betäubungsmittel am Werk gewesen sein.
Aber es gibt auch kleine Unstimmigkeiten. Funkelnden Bernstein habe ich noch nie gesehen, der Vergleich hinkt, hier könnte von Schimmern die Rede sein. Und ein R4, der Kleinwagen der Firma Renault aus den siebziger Jahren des vorherigen Jahrhunderts, hatte eben keine Fenster zum Kurbeln, sondern Seitenscheiben, die geschoben wurden. Das mag als Kritik kleinlich klingen, untergräbt aber die Schilderungen in anderen Bereichen. So werde ich mir den nächsten Band der Reihe, Die Brandung, der vom Verlag schon angekündigt ist, sicher nicht bestellen.
Ellen Norten - 8. Januar 2026 ID 15639
dtv-Link zur
Nebelschwester
Post an Dr. Ellen Norten
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