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nachDRUCK # 2

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Roman

Nuda veritas





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„Ich wollte nur Schlüsse, letzte Sätze, Abschiede und Wiederbegegnungen. Ich fragte mich, wie es für mich ausgehen würde, wie der letzte Satz meines Lebens lauten würde. Das abschließende Urteil.“ (Justin Torres, Blackouts, S. 121)

*

Die erzählenden Protagonisten, der 27-jährige Nene und der ältere Juan, erscheinen in Blackouts verstörend sensibel und empfindsam. Der Roman kreist um existentielle Themen, wobei die Wirklichkeit mitunter verspielt überzeichnet wird und ein konkreter Handlungsverlauf kaum erkennbar scheint. Extreme werden ausgereizt, wenn das Erzählte subtil zwischen Gedanken und Form voranschreitet. Justin Torres interessiert sich für die Grenzräume des menschlichen Geistes und den Zustand des Unbewussten als Fenster in andere Ebenen der Realität. Der heute 46-Jährige erhielt 2023 für diesen seinen zweiten Roman den National Book Award for Fiction in den USA.

2025 wurde das Werk von Stephan Kleiner ins Deutsche übersetzt. Sätze und Gedanken erscheinen, originell und detailreich inszeniert, bewusst fragmentarisch, etwa wenn ein Ich-Erzähler sich wünscht:


„Vom Drang nach dem Drang nach Befreiung befreit zu werden.“ (S. 156)


Der in New York geborene Autor experimentiert mit Schwärzung (engl.: Blackouts), um aufzuzeigen, wie repressive politische Systeme und mediale Verzerrungen das kulturelle Gedächtnis prägen und beeinflussen. Diskriminierung beginnt hier oftmals im Kleinen. So wird ein androgyn auftretender Heranwachsender von anderen Jungen gequält. Weil er bei gleichaltrigen Mädchen nicht als schwach angesehen werden möchte, traut er sich nicht, ihnen davon zu erzählen:


„Keiner dieser Jungs würde in der Öffentlichkeit ein Mädchen angreifen, aber Jungen wie er werden angegriffen und wieder angegriffen und gedemütigt. Er setzt an, um etwas in diese Richtung zu sagen, bricht ab und senkt den Kopf. Er liebt diese Mädchen und will es ihnen beweisen.“ (S. 215)


Torres, Professor für Englisch an der University of California in Los Angeles, interessiert sich in einer Art Versuchsanordnung für mögliche Formen von Widerstand gegenüber alltäglichen Erscheinungen, um Realitäten von homosexuellen Minderheiten sichtbar zu machen.
Aufeinanderfolgend blicken mehrere Erzähler in Abgründe. Individuen erscheinen in den Erzählungen schwach, unsicher und voller Selbstzweifel. Sie beherrschen nicht immer die Parameter, um ihr Leben selbst zu bestimmen. Sie werden selten von anderen aufgefangen. Doch auch wenn Figuren das Tragische umarmen, werden sie in Blackouts nicht entwürdigt. Scheinbar alltägliche Realitäten spiegeln sich in kurzen Szenen mit symbolisch aufgeladenen Bildern, die vielschichtig mit wiederkehrenden Motiven verflochten sind:


„Dann sind wir wieder in der Bar, wo der Junge einen inneren Kampf austrägt: ob und wie er seine Würde behalten kann. Es gibt zu viel zu erzählen, zu beichten, zu viele Bars mit alten Männern, die nach einer bestimmten Art von Geschichte hungern, anziehend verpackt.“ (S. 223)


Juan und Nene tauschen sich über ihre homosexuelle Orientierung als wichtigen Teil ihrer Identität und ihren Wunsch nach einem Neuanfang aus. Der sterbende Juan nimmt seinen Daseinszustand dabei als fließend wahr. Er legt Nene nahe, seine Identität auch als kontinuierlichen Akt geistiger Orientierung zu begreifen. Nenes Perspektive prägt hingegen eine prinzipielle Offenheit, möglicherweise auch für poetische oder politische Interventionen:


„Damals spürte ich die Tücken des Besitztums, die malmende Stadt, dass ich nach oben oder unten fallen, nach Belieben besessen und beraubt werden konnte, aber nie ganz und gar allein sein würde, und ich entschied mich wohl, dass ich nicht allzu viel in Stabilität, in Besitz investieren, nicht festzuhalten versuchen wollte. Und anstatt mich zu ermüden, beschwingte mich dieser Gedanke.“ (S. 184)


Blackouts ist eine zeitkritische Erkundung und die Geschichte einer Arbeit, die zugleich zukunftsweisend im Werden begriffen scheint. Fragmenthaft reihen sich Motive aneinander. Aus Bewegung entstehen Formen. Regeln etablieren sich, es bilden sich Muster heraus, Abweichungen, die wiederum variiert werden. Solche Abweichungen sammelt in Torres’ Erzählung eine zentrale Figur, Jan Gay. Hier bezieht sich der Autor auf eine reale historische Persönlichkeit, die als Helen Reitman (1902-1960) in Leipzig geboren wurde und in den USA in den 1920er und 1930er Jahren zu homosexuellen Lebensweisen forschte. Ihr gegenüber stehen mögliche Mythen, die Orientierung geben, Menschen verbinden, Identität und Gemeinschaft stiften. Auch gesellschaftliche Machtstrukturen, Kontrollen und politische Unterdrückung gehen damit einher, die zuweilen einen freiheitlichen Kunstbegriff, ein liberales Menschenbild oder nichtheteronorme Minderheiten auszuschließen drohen. Die Wirkung von Mythen erfordert ein kritisches Hinterfragen: Mythen können Fehlinformationen verstärken, Narrative manipulieren und andere kulturelle Perspektiven verdrängen, wie die, von der offen lesbisch lebenden Jan Gay gesammelten „Abweichungen“.

Schwarz-weiße Bildabdrucke innerhalb des Werkes werten das erzählte Geschehen auf, obwohl das Bildmaterial nicht immer in direkter Beziehung zum Erzählten steht. Das unvermeidbare Gewicht der Gegenwart wird in der Erzählung dann deutlich, wenn die Figuren in alltäglichen Erscheinungen Wahrheit suchen und darüber eine eigene Realität sichtbar machen möchten. Zu den Bewusstseinsströmungen der Ich-Erzähler zählen jedoch auch Albträume. Mit ausgetrockneter Kehle und um Atem ringend glaubt Nene so einmal vollends vereinnahmt zu werden, was beim Lesen sowohl Spannung als auch Widerwillen erzeugt:


„Die Hände kriechen über mich, halten mich fest. Schon zu spät. O Gott, denke ich, was kommt jetzt? Schnelle kleine huschende Bewegungen überall um mich herum, knapp außerhalb meines Gesichtsfelds. Finger schieben sich in meine Nasenlöcher, Finger gleiten an meiner Zunge herunter und quetschen sich in meine Kehle.“ (S. 350)


Ansgar Skoda - 4. Januar 2026
ID 15632
Ullstein-Link zu Blackouts von Justin Torres


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