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Freude auf

den Tod





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„Das Gesicht ist hübsch auf eine Weise, die nicht im Gedächtnis bleibt. Die Kleider teuer, aber ohne Signalwirkung. Das blonde Haar zu kurz, um gefallen zu wollen. Mittelgroß, mittelschlank, eine Frau ohne Laster oder Leidenschaften, die in Maßen isst, in Maßen liebt, in Maßen Sport treibt. Gelebter Durchschnitt, und so wird es weitergehen, ein auf gerader Linie gelebtes Leben, bis zum Schluss.“ (Juli Zeh, Leere Herzen, S. 155)


Die Ich-Erzählerin Britta betrachtet sich und die Endlichkeit des Lebens. Sie hat gleichzeitig eine recht klare Vision für ihre Perspektiven und Ziele. Juli Zehs Roman Leere Herzen (November 2017) handelt viel von subjektivem Zeitempfinden, Opferbereitschaft und plötzlichen Lebenseinbrüchen. Lebensentwürfe, auf die sich die Protagonisten eingerichtet haben, muten teilweise radikal an. Gleichzeitig erzielt das Werk gerade auch dadurch eine Spannung, dass es dem Leser einiges voraus hat. Denn das erzählte Geschehen spielt in der Zukunft, genauer gesagt in Deutschland um 2025. Langsam kristallisiert sich im Handlungsverlauf heraus, was sich gegenüber unserer Gegenwart geändert hat:

Merkel hat mit Tränen in den Augen abgedankt. Eine Besorgte-Bürger-Bewegung (kurz BBB) regiert, die das sechste Effizienzpaket vorbereitet. Die Innenministerin heißt Wagenknecht (S. 177). Geredet wird über eine Verschlankung des Schulsystems, die sogenannte Justizreform und eine Ausweitung von Regierungskompetenzen (S. 206). Monitore an den Kreuzungen berichten von Börsenkursen (S. 238). Im Bürgerpark treffen sich sogenannte „Sport-ist-öffentlich-Gruppen“. Es gibt ein bedingungsloses Grundeinkommen und junge Männer, die als Bezieher auf Parkbänken dem Nichtstun frönen (S. 104). Zeitungen tragen sich nur noch in seltensten Ausnahmefällen. Denker haben sich in Blogs zurückgezogen (S. 274f.). Eine radikale NGO namens „Green Power“ (S. 193) macht von sich reden.

Die Umweltbewegung Green Power ist es, mit der Britta zusammenarbeitet. Britta führt selbstständig gemeinsam mit ihrem Geschäftspartner Babak ein einträgliches Unternehmen namens „Die Brücke“. Beide haben sich darauf spezialisiert, potenzielle Selbstmordattentäter zu prüfen und bei erfolgreichem Bestehen eines mehrstufigen Verfahrens an Protestorganisationen zu vermitteln. Doch als auch Brittas Mann plötzlich beruflich Erfolge hat, erstmals eine junge Frau Kundin von Brittas Angebot wird und sich abzeichnet, dass Britta auf dem eingeschränkten Markt ein plötzlicher Konkurrent gefährlich werden könnte, muss sie sich überlegen, ob sie eine Auszeit nimmt.

Die vielfach ausgezeichnete Schriftstellerin und Juristin Zeh zeichnet in ihrem Thriller höchst unterhaltsam, phantasievoll und anschaulich die Dystopie einer desillusionierten und übersättigten Gesellschaft, in der der eigene Tod als Waffe instrumentalisiert wird und ethische Grundsätze in Frage stehen:


„In einer Welt aus Widersprüchen lässt sich nicht gut denken und reden, weil jeder Gedanke sich selbst aufhebt und jedes Wort sein Gegenteil meint. Zwischen Paradoxien findet der menschliche Geist keinen Platz, Britta kann nicht mehr Wähler oder Bürger sein, nicht einmal Kunde und Konsument, sondern nur noch Dienstleister, Angehöriger eines Serviceteams, das die kollektive Reise in den Abgrund unterstützend begleitet. In einer solchen Welt kann man gegen politische Gewalt sein und ein Unternehmen wie die Brücke führen.“ (S. 276f.)


Ansgar Skoda - 23. August 2018
ID 10864
Link zum Buch: https://www.randomhouse.de/Buch/Leere-Herzen/Juli-Zeh/Luchterhand-Literaturverlag/e503348.rhd


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