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Tanzender Staub
und eine ängstliche
Abenteurerin
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Bewertung:
„Ab jetzt kommen Drogen, Zwietracht, Eitelkeit und Größenwahn. Meine Freundinnen haben diesen Film auch gesehen, zusammen mit mir, im Freiburger Kommunalen Kino.“ (Judith Holofernes, Hummelhirn, S. 80)
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Selbstironisch seziert hier eine einstige Indie-Ikone den Rock-’n’-Roll-Exzess und feiert das Kino als subkulturellen Freiraum.
Mark Tavassol, ehemaliger Bassist von Wir sind Helden, mischt heute bei der Hamburger Newcomer-Band Agassi als bekanntestes Gesicht mit. Diese macht gerade mit der deutschlandweiten „Keine Energie geht verloren“-Tournee auf sich aufmerksam, während die ehemalige Frontfrau von Wir sind Helden in diesem Jahr erneut einen Bestseller veröffentlichte: Judith Holofernes blickt in Hummelhirn zurück auf ihre Kindheit, Jugend und das Aufwachsen mit einer späten ADHS-Diagnose. Als Kind kämpfte die Künstlerin mit dem ständigen Gefühl, nirgends hineinzupassen, da sie durch ihre Verträumtheit, das ständige Verlieren von Dingen und häufiges Kranksein im starren Korsett gesellschaftlicher Regeln aneckte:
„Ich gab mir solche Mühe, mein altes, mickriges Loser-Selbst hinter mir zu lassen. Mindestens einmal im Monat fasste ich, mit Pauken und Trompeten, den Entschluss: Nichts würde ich mehr verlieren! Nichts vergessen! Nichts zerknüllen! Gesund und kernig würde ich sein! Robust! Partytauglich! Eine zum Pferdestehlen! Aber da war immer etwas im toten Winkel, ich konnte den Kopf nicht schnell genug herumreißen.“ (S. 252)
Sensibel und detailgenau beschreibt die heutige Wahlberlinerin das unberechenbare, titelgebende „Hummelhirn“ im Hinterkopf und das unheimliche Gefühl, dass, egal wie sehr man sich anstrengt, die eigene, quasi neurodivergente Natur im toten Winkel lauert – und einen im nächsten Moment wieder einholt. Der etwas umfangreichere Vorgänger Die Träume anderer Leute (2022) etablierte Judith Holofernes auf dem Buchmark. Hummelhirn knüpft als offizielle Vorgeschichte direkt an diese Autobiografie an und erreichte ebenfalls die Bestsellerlisten. Ihr erstes Memoir im Prosaformat erzählte von ihrer Erschöpfung im Musikbusiness und ihrem Neuanfang als Indie-Künstlerin nach dem Ende von Wir sind Helden. Im neuen Werk enthüllt die heute 49-Jährige, wie sie das Aufeinanderprallen zweier Welten – zwischen der unkonventionellen Freiheit ihrer adeligen, lesbischen Mutter im Berlin der 80er-Jahre und dem konservativen Spießbürgertum im beschaulichen Freiburg – überwand, um sich schließlich durch die Musik chaotisch-kreativ zu verwirklichen.
Holofernes erzählt widerspenstig, spielt mit den Zeiten, blendet in die Gegenwart und zurück in die Kindheit und Jugend. In frühen Tagebucheinträgen erinnert sie sich an den Film Dirty Dancing, die Stimmung des ersten Teenagersommers in Freiburg und kokettiert mit einer Vielzahl an jungen Verehrern und Verehrerinnen. Die Autorin beleuchtet mit einer verschachtelten, nichtlinearen Erzählweise unterschiedliche Stationen ihres Lebens in fluiden Übergängen. So verwebt sie bisherige Schichten ihrer Biografie und lässt bewusst auch mal etwas aus. Für die Wir-sind-Helden-Fangemeinde gibt es weniger Verweise auf die Bandgeschichte als im Vorgängerwerk. Auf Seite 49 beschreibt sie, wie sie eines ihrer ersten erfolgreichen Konzerte mit ihrer damaligen Band wahrnahm:
„Dabei spielten wir nicht mal besonders gut. Einige Instrumente kommen von Band, wir überfrachten die Songs mit Bleeps und Bloinks. Wir wohnen immer noch in verschiedenen Städten, Hamburg, Hannover und Berlin, und proben viel zu wenig.“ Kurz darauf reflektiert sie, wie beschämt sie auf eine gute Freundin reagierte, die ihr nach dem Auftritt gratulierte: „Weniges ist peinlicher, als wenn die älteste Freundin dabei zuguckt, wie man kriegt, was man will.“ (S. 50)
Produzenten lobten früh die unschuldig-mädchenhafte Tonlage Holofernes’ in Verbindung mit ihren aufmüpfigen Texten (S. 192). Feinfühlig und munter schildert die Musikerin später, wie sie Gespräche mit ihrem Therapeuten über ihre Rolle in der Band führt (S. 113):
„Jedes Ungleichgewicht unter den Jungs führte zu Spannungen, die auszugleichen ich ungefragt auf mich nahm.“ (S. 111)
Auch eine Auseinandersetzung mit dem Lektor des vorliegenden Werks erwähnt sie leicht süffisant auf Seite 215.
Die Künstlerin, die mit bürgerlichem Namen Judith Holfelder-Roy heißt, experimentiert mit Groß- und Kleinbuchstaben und Sternchen-Anmerkungen an den Seitenrändern. In grafischen Randnotizen setzt sie sich humorvoll mit den eigenen Fehlversuchen auseinander, es als chronischer „People Pleaser“ immer allen recht machen zu wollen. Sie zitiert eigene Lyrics, was oftmals das gerade Gelesene bereichert. Auch die Zwischenüberschriften verweisen meist auf eigene Kompositionen oder auch die Musikgeschichte wie „Hedwig, The Angry Inch“ auf S. 53, was an den Titel eines wohl unterschätzten Musicals erinnert. Auf den Seiten 148-149 bettet sie eine ungewöhnliche Hexen-Erzählung in Kursivschrift ein.
Mal erwähnt die Autorin, selbst Mutter eines erwachsenen Sohnes und einer siebzehnjährigen Tochter, Recherchen in „Googles Gedärmen“ über Krankheitssymptome und mal spricht sie von Jump-Scares in Horror- und Thriller-Serien, die sie zusammen mit ihrem Sohn schaut (S. 243). Die Loslösung von einer möglichen Textstruktur hat Auswüchse, die nicht immer zu fesseln vermögen, etwa wenn sie über zwei Seiten ihren Wortschatz an der Spracherkennung ihres Handys erprobt (S. 236-237). Am spannendsten ist die Auseinandersetzung der Autorin mit ihrer eigenen Mutter, die sich als Alleinerziehende früh eine neue Partnerin sucht:
„Eben genau jene Frauen, die sie sich aussuchte, fand ich, wie ich meine Freundinnen hinter vorgehaltener Hand eingestand, potthässlich.“ (S. 45)
Mit einer feinfühligen, lebendigen Sprache, authentischen Details und leisen Tönen bebildert Holofernes eine innige Beziehung zu ihrer pragmatischen, klarsichtigen Mutter Cornelia, die viel persönlichen Charme hat. Diese verlor früh ihre Schwester und projiziert mitunter leise Verlustängste auf die oft kränkliche Tochter:
„Wenn Cornelia doch über Gabimoni sprach, brach der Schmerz wie ein Schwarm schwarzer Krähen aus ihrer Brust hervor. Dunkle Vögel, die flatternd in alle Himmelsrichtungen stoben, um dann, Sekunden später, an ihren Platz zurückzukehren, am Küchenboden nur ein paar Federn. Einige verflogen sich zu mir.“ (S. 126)
Judith Holofernes’ sorgfältig komponiertes Werk verrät viel über das Erwachen eines musikalischen Talents. Sie weiß heute, wie zerbrechlich das Leben sein kann, hat mal Kraft und mal keine. Das Leben und das Wesen unserer Existenz kann auch ephemer sein, wie die Sängerin und Autorin so schön in Worte fasst:
„Ich glaube fest an die transformative Kraft des Nichtstuns. Aber ich bin genauso überzeugt, dass man dafür etwas anderes loslassen, etwas aufgeben muss, und ich weiß nicht, ob das den Kindern so klar ist. Ihre Mutter hat vieles losgelassen, aber sie durfte auch vieles festhalten. Weil sie früher so tüchtig war. Das verzerrt das Bild.“ (S. 100)
Ansgar Skoda - 30. September 2026 ID 16065
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Hummelhirn
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