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Eine Brücke
ins Nichts
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Bewertung:
Eigentlich beginnt der Roman positiv. Drei junge Menschen bekommen eine Arbeitsstelle, sie ist zwar befristet, doch gut bezahlt. Arbeitgeber ist eine riesige Fabrik in einer japanischen Stadt, die nicht näher benannt wird. Die Möglichkeiten hier zu arbeiten sind vielfältig. Eine Frau wird in Zukunft einen Papierschredder bedienen, ein Mann wird nicht näher spezifizierte Dokumente Korrektur lesen und ein dritter Bewerber, von Hause aus Moosforscher, soll sich einem Begrünungsprojekt widmen.
Nun hat Fabrikarbeit nicht den besten Ruf. Zudem gilt die befristete Einstellung in der Bewertung einer Anstellung als deutlich weniger als eine unbefristete, so die Autorin. Doch wer ist der Arbeitgeber im Buch von Hiroko Oyamada?
Dieser oder diese verlieren sich in den oberen Rängen der Fabrik. Individuen und ihr Können werden nachrangig. Arbeiter und Angestellte sollen dankbar sein, dass sie eine sozial abgesicherte Tätigkeit ausüben dürfen. „Zwischenchefs“ geben dazu vage Anweisungen:
"'Heutzutage findet berufliche Fortbildung im Gegensatz zu früher als OJT statt, das heißt als on the job training, Wir gehen davon aus, dass unsere Mitarbeiter sich ihre Kenntnisse während der Arbeit aneignen, eine individuelle Fortbildung findet in der jeweiligen Abteilung, oder besser gesagt, unter den Angestellten statt, in Partnerschaft zwischen bereits seit Längerem hier beschäftigten und neuen Mitarbeitern, bei individuellen Aufgaben bieten wir also kaum noch Fortbildungen an.' 'Aber wie kann ich dann eine Dachbegrünung durchführen?' 'Indem Sie Ihre bisherigen Kenntnisse anwenden, die Sie über Moose erarbeitet haben, und diese, nun, das mag etwas simpel klingen, weiter vertiefen.' Ich sah Herrn Gotõ fassungslos an. Ich verstand nicht, was er sagte, aber vor allem verstand ich nicht, welche Intention dahintersteckte." (Die Fabrik, S. 27)
Der Moosforscher, der früher als Akademiker an der Universität arbeitete, ist überfordert. Ihm wird geraume Zeit für das Projekt eingeräumt, und er wird besser bezahlt als an der Universität, wo er für einen Hungerlohn schaffte. So beginnt er die Moosarten auf dem weitläufigen Gelände der Fabrik zu untersuchen. Die Frau am Papierschredder kann den vagen Anweisungen besser folgen, da ihre Arbeit wenig anspruchsvoll ist, und beim Korrekturlesen sind auch weniger Informationen vonnöten. Doch in Summe sind alle drei Tätigkeiten sinnentleert und ufern ins Uferlose aus, zeitlich wie räumlich.
Irritierend ist, dass der Text in einem Guss geschrieben wurde. Es gibt keine Kapitel und sehr wenig Absätze. Wenn die drei Protagonisten berichten, gehen die Handlungen ineinander über. Das ist verwirrend, zumal die japanischen Namen der Protagonisten dem Nicht-Japaner wenig geläufig sind und so die Gefahr der Verwechslung besteht. Doch vermutlich ist dies von der Autorin durchaus beabsichtigt. Die unterschiedlichen Tätigkeiten der drei führen alle ins Nichts. Das Gelände der Fabrik dehnt sich schier endlos aus, bis zum Meer, in das der große Fluss mündet. Und genau hier befindet sich eine Brücke, deren Ende am anderen Ufer verschwindet. Busse fahren über die riesige Konstruktion. Darunter leben Kormorane. Diese ausschließlich schwarzen Tiere werden Fabrik-Kormorane genannt und kommen nur auf diesem Gelände vor. Was hat es mit den eigentümlichen Tieren auf sich?
Obwohl im gesamten Roman keine augenfällige Gefahr für die drei Protagonisten besteht, ist diese unterschwellig immer vorhanden. Eine nichtgreifbare Bedrohung steckt im Text und schlägt auf den Leser über. Ist es die moderne Arbeitswelt, oder sind es die schwarzen Kormorane, die für die bedrückende Stimmung sorgen?
Ein unheimliches Buch, das eine ganz andere Leseerfahrung birgt, die vielleicht nicht jedem gefällt aber in jedem Fall Ausprobierens Wert ist.
Ellen Norten - 9. März 2026 ID 15746
Rowohlt-Link zum Roman
Die Fabrik
Post an Dr. Ellen Norten
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