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Hyänenjahre





Bewertung:    



Mit den Jahren bemerkt der Rezensent eine leise, oder sagen wir sanfte Veränderung, die ihn zunehmend an der eigenen Wahrnehmung verzweifeln lässt. Immer öfter weicht sein Urteil ab vom einstimmigen Chor der Kollegen, was ihn verstimmt, hatte er doch darauf gehofft, dass es besser würde mit der Zeit. Aber ach, im Gegenteil.

Allenthalben gefeiert wurde Hilmar Klute für seinen Erstling Was dann nachher so schön fliegt. Ein Lob, das verwundert, ist dieser Autor doch selbst Journalist bei der Süddeutschen Zeitung, eine Hypothek, so sollte man meinen, denn der Neid der Zunft ist berüchtigt. Stattdessen: Lob und Jubel über einen Roman, von dem gesagt wird, dass er poetische Sätze zum Niederknien beinhalte und seinesgleichen suche.

Und tatsächlich, mit dem Lob ist es wie mit der übler Nachrede: Etwas in uns folgt gerne der Horde, es überkommt uns hinterrücks dieser heimtückische Impuls, der Menge nachzueifern. Jedenfalls gesteht der Rezensent frank und frei, dass es ihm so ergeht.

Und ja! Man findet schöne, gedrechselte Lebensweisheiten in diesem Buch, wie es sich aber auch geziemt bei einem renommierten Kolumnisten dieser überaus angesehenen Zeitung. Man stelle sich einmal vor, was es bedeutete, wenn dem nicht so wäre! Nicht auszudenken. Man würde zum Gespött der Kollegen! Man prüfe also sorgfältig, ob man das Risiko eingehen will, sein Gesicht zu verlieren. Klute scheint von dieser Kalamität verschont zu sein.

Aber ach: Es regt sich Widerstand beim Rezensenten. Denn wie kleinmütig und verhohlen ambitioniert ist doch dieser Roman! Ein Zivildienstleistender fährt vom Ruhrgebiet nach West-Berlin, in Wahrheit fühlt er sich als ein Dichter. Ist ein Dichter oder ist im Begriff, ein Dichter zu werden. Und so blüht das zarte Pflänzchen der Poesie in seiner Seele, ganz wie es sich gehört. In Berlin begegnet er literarischen Großmeistern wie Peter Rühmkorf und Heiner Müller, verliebt sich in eine junge Frau, schreibt sehnsüchtige Briefe, gewinnt ein Treffen für Nachwuchsschriftsteller, pilgert nach Paris, kommt zurück in die geteilte Stadt, irrt wieder einmal durch das Labyrinth der eigenen Seele (oder so), und irgendwann endet endlich dieser Roman, natürlich höchst professionell natürlich, fabuliert in diesem journalistisch-sachlichen Einheitsduktus, der alle Texte, die derzeit in deutscher Sprache verfasst werden, auszeichnet.

Schwer zu erklären. Irgendwie handelt es sich um eine Art Neoneoneorealismus. Die Geburt der dürftigen Kargheit aus dem Geiste biederer Stilführung. Als säße man unter Unbekannten im Seminar und wollte nicht zu viel sagen, um sich ja nicht zu verraten in seiner Unfähigkeit. Um nicht irgendeinen Satz, irgendein Bild zu gebrauchen, über das sich die Anderen dann lustig machen könnten.

So wie dieser Roman zeigt sich in diesen Jahren die deutsche Literatur insgesamt. Oder jedenfalls das, was durchgewunken wird ans Licht der Öffentlichkeit. Betrachtet man die sterbenslangweilige Shortlist dieses Herbstes, so scheint die Methode einzig darin zu bestehen, etwas zu erzählen, das schon unzählige Male erzählt wurde und dabei gekonnt zu kaschieren, dass es zu allem Überdruss auch noch exakt in dieser Weise unzählige Male erzählt wurde. Vielleicht ist wirklich alles nur noch eine Frage des geeigneten Schreibprogramms, so fragt sich der Rezensent. Schweißperlen treten an Stirn und Nacken hervor.

Wo aber bleibt das wahre Erzählen? Mit ganzem Herzen? Kühn sich aufschwingend? Das muss, um den altmodischen Rilke zu zitieren, vor unserer Zeit gewesen sein. Aber halt: Es gibt doch diese wunderbaren Bücher. Auch hier und heute. Sagen wir also: Derzeit muss man hierfür gelegentlich die Sprache wechseln. Wenn auch nicht immer.

Die Deutsche Literatur ist zur Kritikerliteratur geworden. Klutes Erstling steht symptomatisch hierfür. Gemacht von und für Kritiker, die kein Interesse daran haben, Herzen zu berühren, sondern darauf bedacht sind, sich keinen Fehltritt vor den Augen ihrer Kollegen zu leisten. Sie sind die Aasfresser der Poesie, die vor nichts so sehr die Hosen voll haben wie vor den räudigen Hyänen ihrer Zunft. Das erinnert an den deutschen Fußball: Uninspiriert, ohne Lust und Leidenschaft, eine perfekte Maschinerie, die den Rezensenten an keiner Stelle rührt.

In Hilmar Klutes Roman ist kein Wort poetisch, sofern man unter Poesie die Kunst versteht, den Leser durch symbolische Verdichtung zu verzaubern. Eine Kunst, die stets schwer zu verstehen ist. Die uns aber gerade dadurch so viel zu verstehen gibt. Stattdessen: Kalte Herzen allenthalben. Literarischer Infarkt. Statt Symbolik nur Plot, Sprücheklopferei und aparte Bonmots. Am Ende tröstet sich der Rezensent mit einer populistischen Mutmaßung: Vielleicht spiegelt die deutschsprachige Literatur nur die gesellschaftspolitische Eiszeit dieser Hyänenjahre wieder?



Jo Balle - 6. Oktober 2018
ID 10959
Link zum Roman Was dann nachher so schön fliegt von Hilmar Klute


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