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Henning Köhlers letztes Buch über die Familie Koerfer
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Bewertung:
Henning Köhler, der bis zu seinem Tod im Herbst 2025 zu den letzten großen Vertretern einer politikgeschichtlich grundierten, quellensatten Zeitgeschichtsschreibung gehörte, hat mit Das Haus Koerfer ein Buch vorgelegt, das ohne Übertreibung fulminant genannt werden darf: nicht, weil es sich in Thesen überbietet, sondern weil es sich die Mühe der Genauigkeit leistet – und damit eine Familiengeschichte in ein Stück deutscher Geschichte verwandelt. Dass das Werk mit seinen mehr als 700 Seiten als Familiengeschichte im 20. Jahrhundert auftritt, ist dabei Understatement und Programm zugleich.
Im Zentrum steht nicht der Gründer Jacob Koerfer, der im Rheinland Großbauten errichtete und mit dem Hansahochhaus Köln einen frühen Prestigebau des Hochhauszeitalters schuf, sondern dessen ältester Sohn Jacques Koerfer. Die Firma sitzt, wie Verlag und Familienseite betonen, bis heute am Hansaring im Hansahochhaus; und schon mit dieser Adresse ist die Chronik nicht nur Familienalbum, sondern Architektur- und Mentalitätsgeschichte.
Was am Buch besticht, ist die konsequente Verwebung von Familien- und Zeitgeschichte, sodass beides einander erhellt, ohne dass das eine zur bloßen Illustration des anderen wird. Die Kontexte von Entscheidungen werden herausgearbeitet – kühl genug, um nicht zu richten, und nah genug, um Ambivalenz auszuhalten. Das ist umso bemerkenswerter, als der Stoff an einer Stelle zwangsläufig moralisch aufgeladen ist: Jacques Koerfers Rolle in der NS-Zeit, insbesondere die Übernahme von Teilen des Berliner Garbaty-Zigarettenunternehmens im Zuge der „Arisierung“ 1938.
Hier zeigt sich Köhlers Methode in Reinform. Nicht nachträgliche Urteile und Meinungen geben den Ton an, sondern die Rekonstruktion aus Akten, Briefen, Tagebüchern und der langen Nachgeschichte solcher Transaktionen. Dass Jacques Koerfer später als Unternehmer eine Nachkriegslaufbahn durchläuft und zugleich als Kunstsammler und zeitweiliger Großaktionär bei BMW in den Netzwerken der Bundesrepublik präsent ist, ergibt weder Heiligenbild noch Anklageschrift, sondern das, was gute Zeitgeschichte leisten kann: ein Bild, das der Widersprüchlichkeit nicht ausweicht.
Gerade diese Widersprüchlichkeit macht die Lektüre spannend. Das „Haus“ ist bei Köhler nicht nur Metapher, sondern soziales System: eine Familie, die trotz Weltkrieg, Systemwechsel, politischer Brüche und innerer Zerwürfnisse eine Form von Identität behauptet – nicht als Harmonie, sondern als fortgesetzte, manchmal spröde Praxis. Dass Jacques Koerfer dabei in einer Art Abgeschiedenheit arbeitet – ohne sich ins Rampenlicht zu drängen und doch mit erstaunlicher Selbstverständlichkeit in politischen und kulturellen Kreisen der alten Bundesrepublik zu verkehren –, passt zu jenem großbürgerlichen Typus, den Köhler zugleich beschreibt und historisch einordnet.
An dem Buch lässt sich vieles loben: die geduldige Quellenarbeit, die Fähigkeit zur Szenenbildung ohne Romanattitüde, die Balance zwischen privater Motivlage und öffentlichem Druck. Und es lässt sich auch ganz prosaisch empfehlen: als sorgfältig gebautes, reich dokumentiertes Werk (mit Bildmaterial, Literaturverzeichnis und Personenregister), das den langen Atem seiner mehr als siebenhundert Seiten rechtfertigt.
Das Buch wirkt wie eine Summe – nicht versöhnlich, aber klug; nicht moralisch indifferent, aber urteilsvorsichtig; nicht „nur“ Familiengeschichte, sondern ein Stück deutscher Selbstbeschreibung im 20. Jahrhundert, geschrieben aus der Überzeugung, dass man Zusammenhänge nur versteht, wenn man sich die Mühe der Details macht.
Steffen Kühn - 10. Februar 2026 ID 15688
Piper-Link zum Haus Koerfer
Post an Steffen Kühn
http://www.hofklang.de
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