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Berlin:
Fall erledigt?
Nicht für Lucia Lill
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Bewertung:
Helmut Kraussers neuer Roman Wer hat uns je geliebt? beginnt, wie man sich einen Berliner Abend vorstellt, wenn die Stadt einmal nicht performt, sondern einfach passiert: Kneipe, Backgammon, ein Mann kippt um – und das Ungeheuerliche wird, ganz behördensicher, „zu den Akten gelegt“. Der Kriminalfall, so viel ist rasch klar, ist nur die Eintrittskarte. Denn Krausser interessiert sich weniger für die Mechanik des Verbrechens als für jene feinen Risse im Alltag, durch die das Unwahrscheinliche hindurchschaut.
Die Kommissarin Lucia Lill, die sich weigert, die Sache zu vergessen, gerät an einen Zeugen namens Enki – ein alter Mann ohne Nachnamen, mit jener Mischung aus Kauzigkeit und Verbindlichkeit, die in der Literatur oft das Zeichen dafür ist, dass jemand mehr weiß, als er sagen kann, oder mehr ist, als er zu sein vorgibt. Dass außerdem eine Boulevardjournalistin, berüchtigt als „Poison Ivy“, Wind von den Vorgängen bekommt, deutet an: Hier wird nicht nur ermittelt, hier wird auch erzählt – mit Blick auf die Öffentlichkeit, die Gerüchte und den Hunger nach Deutung.
Krausser baut sein Szenario auf eine reizvolle Unschärfe: Was geschieht wirklich, was wird imaginiert, was träumt sich in den Tag hinein? Das Buch scheint – dem Klappentext nach – jene Zone zu betreten, in der Bewusstsein und Unterbewusstsein nicht sauber getrennt sind, sondern ineinanderfließen wie Licht in einer Spiegelung. Der Leser bleibt, genau wie die Figuren, in einer produktiven Verunsicherung: Ist das nun der Plot – oder ist es der Traum vom Plot, der den Plot erst erzeugt?
Damit rückt der Roman in eine Nachbarschaft, die zuletzt Marianne Leky so charmant bespielt hat: Dort war es ein Okapi als Vorzeichen des Unfassbaren, hier ist es Enki, der als Figur an der Schwelle steht. Doch wo Leky das Wunder sanft ins Provinzliche setzt, klingt bei Krausser – schon durch das Berlin der Gegenwart – eher das Nervöse, Flackernde mit: die Großstadt als Ort, an dem das Sonderbare nicht auffällt, weil ohnehin alles möglich wirkt.
Gleichzeitig arbeitet der Text mit einem zweiten Sog: Lucias Ermittlung greift, wie es heißt, in die eigene Familiengeschichte zurück. Ein Kriminalfall wird zum Auslöser biografischer Rückkopplungen, zur Frage nach Bindungen, nach Herkunft, nach dem, was man nicht loswird, obwohl man es gern abschließen würde. So entsteht Spannung nicht nur aus dem „Wer war’s?“, sondern aus dem „Was macht das mit mir?“.
Wer hat uns je geliebt? ist eine Art Bewusstseinskrimi: ein Roman, der das Ermittlungsverfahren nutzt, um das Unsichere, das Untergründige, das Unabgegoltene auszuleuchten – und der aus der scheinbaren Nebensache (ein Toter im Backgammonspiel) die eigentliche Hauptsache macht: die Frage, was Wirklichkeit ist, wenn sie ins Wanken gerät.
Steffen Kühn - 2. April 2026 ID 15783
Piper-Link zum neuen Roman von
Helmut Krausser
Post an Steffen Kühn
http://www.hofklang.de
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