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Abstruse
Wahrheit
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Bewertung:
"Vier Personen erzählen ihre Version der Geschichte. (…) Niemand lügt. Aber jeder hat eine eigene Auffassung von der Wahrhei."
Dieser Text auf der Rückseite des Romans Die fremde Frau [s.o.] hat meine Neugier geweckt. Sofort fällt mir der japanische Film Rashomon von Akira Kurosawa ein, der 1950 vorführt, wie unterschiedliche Interessenlagen und Motive die Wahrnehmung einer Situation maßgeblich beeinflussen. Die Existenz der Realität steht zwar nicht zur Debatte, aber ihre Widerspiegelung durch direkte und indirekte Beobachter, die sich ihre eigenen gedanklichen Konstrukte bilden, werden wirksam.
Diese Gedanken haben mich seit jeher fasziniert, und ich erwarte vom Spiegel Bestseller-Autor Guillaume Musso einen ähnlichen Fall, nur eben gut siebzig Jahre später.
Handlungsort ist die Côte d’Azur, an der die Erbin einer Mailänder Milliardärsfamilie Oriana Di Pietro tödlich verletzt in ihrer Luxusjacht liegt. Wer hat die zweifache Mutter und Ehefrau eines berühmten Pianisten überfallen? Neben der ermittelnden Kommisarin Justine kommen die Sicht des Ehemanns, seiner angeblichen Geliebten sowie die des Opfers selbst, dass kurzfristig noch einmal das Bewusstsein erlangt, zur Sprache. In den Vernehmungen, die den oder die Täterin überführen sollen, treten Indizien und kausale Zusammenhänge zu Tage, die allerdings für mich als Leserin vage erscheinen.
"Mordfälle infizieren still und leise ihre Umgebung. Sie nehmen sich Zeit, sich zu entwickeln und zu keimen, bis die Wahrheit ohne Vorwarnung wie der Eiter aus einer entzündeten Wunde herausspritzt, um den Organismus zu reinigen. Es war auf jeden Fall das erste Mal bei diesen Ermittlungen, dass ein Beweisstück jemanden direkt belastete. Justine hatte endlich die Gelegenheit, sich mit einem Verdächtigen direkt auseinanderzusetzten, auch wenn dieser ein ganz spezielles Profil hatte." (S. 34)
Doch das Stochern im Nebel geht weiter. Abgesehen davon, dass mir die Welt der Superreichen mit ihrem Luxusgebaren zuwider ist, stimmen für mich im Buch die Charaktere nicht. Zwar werden die Figuren in ihren Handlungen präzise beschrieben, doch halten sie zusätzlich weitere Probleme und Problemchen parat, die vom Fall wegführen und auch nicht ihr Personenbild abrunden. So baut das Buch zwar Spannung auf, doch die möglichen Verdächtigen bleiben farblos und in ihren Motiven unklar. Erst der Fund der wertvollen Armbanduhr und die Aussage des behandelnden Arztes des Opfers führen am Ende des Buches zu einer, wenn auch abstrusen finalen Wahrheit. Und wem diese nicht reicht, der kann im letzten Kapitel noch die bizarren Wirrungen der Kommissarin und die des Witwers verfolgen.
Ellen Norten - 9. August 2026 ID 15981
Piper-Link zur
Fremden Frau von Guillaume Musso
Post an Dr. Ellen Norten
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