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Vom kurzen
Leben der
Schönen
und Reichen
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Bewertung:
Dresden1883. Gleich zwei Ereignisse schrecken die Bewohner. Da ist zum einen der ausgebrochene Tiger, der aus dem Zoo getürmt ist und nun auf leckere Beute wartet, zum anderen wird ein Sohn aus bestem Hause das Opfer eines Gewaltverbrechens. Er wurde vor seinem Tod mit Messerstichen in den Bauch gequält, bis ein kaltblütiger Schnitt durch die Kehle seinem jungen Leben ein Ende bereitete. Dem Mord folgt ein zweiter, der dem gleichen Muster folgt und wieder stammt der Tote aus besten Verhältnissen. Dann geht es Schlag auf Schlag. Ein versnobter Dandy und eine reiche Tochter sind die nächsten Opfer.
Kriminalrat Gustav Heller und sein Assistent Schrumm verdächtigen gleich mehrere Personen, die ein Tatmotiv haben könnten, allen voran einen ehemaligen Bandenchef. Doch kaum ist dieser festgenommen, erfolgt ein weiterer Mord.
"Schrumm schwieg. Meistens war das ein Zeichen dafür, dass er anderer Meinung war.
'Reden Sie, Schrumm!', forderte Heller.
'Diese Kaltblütigkeit, mit der die Kehlen der Opfer durchgeschnitten sind – ist das nicht ein Indiz dafür, dass wir es mit einem gedungenen Mörder zu tun haben? Einem, dem das Töten so leicht von der Hand geht, wie einem Zimmermann das Nägeleinschlagen.'
'Oder einem Metzger das Schlachten. Vielleicht sollten wir in diesen Kreisen nachforschen.' Heller bemerkte Schrumms anklagenden Blick.
'Natürlich ist Ihr Gedanke mit dem bezahlten Mörder richtig', sagte er deshalb und nahm sich gleichzeitig fest vor, dies nicht einreißen zu lassen. Soweit kam es noch, dass er jetzt in jedem Satz auf die Befindlichkeiten anderer Rücksicht nahm."
(S. 125)
Doch trotz solcher Gedanken steckt in Heller ein enormer Sinn für Gerechtigkeit, die er mit allen Mitteln, auch gegenüber seinen Oberen, verteidigt. Dazu wird die Doppelmoral der feinen Leute von Heller deutlich kritisiert. Da gilt der gewaltsame Tod der höheren Tochter bei ihren Eltern weniger als die Tatsache, dass diese unverheiratet schwanger wurde. Es sind die Frauen, denen damals keine Freiheit, keine Sexualität zugestanden wurde, während die männlichen Opfer von der Gesellschaft als galante Hallodries wahrgenommen werden, und das hat sich bis heute nur bedingt geändert.
Die Suche nach dem Täter oder den Tätern - denn die Messerstiche deuten auf mehrere Akteure hin - erweist sich als schwierig, da sich immer wieder neue Konstellationen ergeben. So steigt die Spannung beim Lesen rasant und lässt es schwerfallen das Buch aus der Hand zu legen.
*
Trotz der blutrünstigen Details gewährt uns Frank Goldammer tiefe Einblicke in das Seelenleben von Heller und Schrumm: Heller, der Haudegen, der gerne offene und manchmal auch verletzende Worte findet, und Schrumm, der insbesondere beim weiblichen Geschlecht schüchterne Untergebene mit messerscharfem Spürsinn. Die Dialoge zwischen den beiden sind köstlich, insbesondere wenn es um Frauen geht. Und so verleiht das Miteinander der beiden doch so unterschiedlichen Charaktere der Bestie von Dresden die rechte Würze.
Und der Tiger? Ist plötzlich wieder aufgetaucht und lockt die Neugierigen in den zoologischen Garten.
Ellen Norten - 28. April 2026 ID 15823
dtv-Link zur
Bestie von Dresden
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