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Leben nach
dem Einschnitt
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Bewertung:
Geraldine Brooks’ Der letzte Montag im Mai ist ein Buch über den plötzlichen Tod ihres Mannes Tony Horwitz und über den Versuch, nach diesem Verlust wieder eine eigene Form des Lebens zu finden. Horwitz bricht auf einem Gehsteig zusammen und stirbt innerhalb weniger Minuten. Er war aktiv, sportlich und nach außen gesund. Umso radikaler ist der Schock, den dieser Tod bei Brooks und ihrer Familie auslöst.
Die Autorin erzählt in zwei Zeitebenen. Einerseits rekonstruiert sie die unmittelbare Zeit nach dem Tod: die Nachricht, die organisatorischen Abläufe, das Funktionieren, das in solchen Situationen zunächst notwendig wird. Andererseits beschreibt sie eine spätere Phase, etwa drei Jahre danach, in der sie sich auf eine Insel zurückzieht. Dieser Rückzug wirkt weniger wie eine klassische Trauerzeit als wie eine bewusste Entscheidung, sich dem Verlust endlich unter eigenen Bedingungen zu stellen.
Brooks schreibt mit großer Zuneigung über ihre Ehe, ohne ihren Mann nachträglich zu idealisieren. In Rückblenden entsteht das Bild einer Partnerschaft, die von Nähe, Arbeit, Humor und gegenseitiger Anerkennung geprägt war. Zugleich zeigt sie auch die Unsicherheiten und Krisen im Leben ihres Mannes. Aus seinen Tagebüchern erfährt sie von beruflichen Phasen, in denen Horwitz nicht weiterwusste und unzufrieden war. Wenig später folgte ihm großer literarischer Erfolg, bis hin zum Pulitzerpreis.
Gerade diese Gegenüberstellung macht das Buch interessant. Brooks fragt nicht abstrakt nach dem Sinn des Lebens, sondern zeigt an konkreten Situationen, wie wenig sich ein Leben aus dem jeweiligen Moment heraus beurteilen lässt. Zwei Jahre vor Horwitz’ Tod war ein enger Schulfreund ähnlich plötzlich gestorben. Damals konnte niemand ahnen, dass sich ein vergleichbares Ereignis im eigenen Leben wiederholen würde.
So wird das Buch auch zu einer Reflexion über die Unberechenbarkeit des Lebens. Man kann nicht wissen, was in zwei, fünf oder zehn Jahren geschieht. Und vermutlich wollte man es auch nicht wissen. Denn ein solches Wissen würde die Gegenwart entwerten, im Guten wie im Schlechten.
Brooks vermeidet einfache Trostformeln. Sie beschreibt den Tod ihres Mannes als Einschnitt, der nicht rückgängig zu machen ist. Gleichzeitig macht sie deutlich, dass der Mensch sich nicht dauerhaft von einem Ereignis beherrschen lassen darf, das bereits geschehen ist und auf das er keinen Einfluss mehr hat. Was bleibt, ist nicht die Veränderung des Ereignisses, sondern die Veränderung des eigenen Umgangs damit.
Darin liegt die eigentliche Stärke des Buches. Es ist kein Ratgeber und kein sentimentales Trauerbuch. Es ist eine nüchterne, persönliche und zugleich allgemein verständliche Beschreibung dessen, was Verlust mit einem Leben macht. Brooks zeigt, dass Trauer nicht verschwindet, aber eine andere Form annehmen kann.
Der letzte Montag im Mai ist deshalb ein lesenswertes Buch nicht nur für Menschen, die bereits einen ähnlichen Verlust erlebt haben. Es spricht auch diejenigen an, die wissen, dass solche Erfahrungen irgendwann Teil jedes Lebens werden können. Man kann sich darauf nicht vorbereiten. Aber man kann aus diesem Buch eine gewisse Orientierung mitnehmen: dass es möglich ist, nach einem solchen Einschnitt weiterzuleben, ohne den Verlust zu verleugnen.
Am Ende steht keine Erlösung, sondern eine Haltung. Die Dinge, die geschehen sind, lassen sich nicht ändern. Ändern kann sich nur der Mensch, dem sie geschehen sind.
Steffen Kühn - 30. Mai 2026 ID 15882
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Der letzte Montag im Mai
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