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Seine Bücher 1984 und Farm der Tiere sind zu Klassikern der Weltliteratur geworden, seine journalistischen Arbeiten und seine Kolumnen sind dagegen weniger bekannt. George Orwell, eigentlich Eric Arthur Blair, wurde in Indien als Sohn eines britischen Kolonialbeamten geboren. Nach Studienjahren in Eton und Wellington arbeitete er in England sowie in Paris als Journalist. 1943 wurde er Feuilletonchef bei der Tribune in London, und verfasste zwischen 1943 und 1949 regelmäßig Kolumnen, die den Grundstock für das vorliegende Buch stellen. Erstmals ins Deutsche übersetzt, zeigen sie einen der bedeutendsten Denker des 20. Jahrhunderts als vorausschauenden Zeitdiagnostiker. So veröffentlicht Orwell im Januar 1946 in der Polemic, einem Magazin für Philosophie, Psychologie und Ästhetik:


"Der menschliche Erfindergeist wird sicher bald Maschinen hervorbringen, die selbstständig Bücher schreiben. Aber schon heute sind beim Film und Rundfunk, in der Werbung und Propaganda und den unteren Bereichen des Journalismus gewisse Mechanisierungsprozesse erkennbar." (Zeilen der Zeit. Kolumnen aus einem Jahrhundert im Umbruch, S. 153)


Heute ist die KI in der Lage, diese Prognose ohne Probleme zu erfüllen.

Kompromisslos, menschlich und pointiert schreibt Orwell über Fortschritt und Moral, Verschwörungstheorien, soziale Ungleichheit und Faschismus. Seine Kolumnen wirken heute wie ein erschreckend aktueller Kommentar zur Gegenwart.

Ein Thema, das Orwell umtrieb, war die Pressefreiheit. Was ist Wahrheit – im Krieg, in der Politik und im Alltag? Sind unabhängige, eigene Gedanken in einer Diktatur möglich analysiert Orwell im April 1944 in dem demokratischen, sozialistischen und politischen Magazin Tribune:


"Der Hauptfehler ist der Glaube, dass der Mensch ein autonomes Individuum wäre. Die geheime Freiheit, die man angeblich in einer Diktatur genießen kann, existiert nicht, weil man nicht nur von den eigenen Gedanken lebt. Philosophen, Schriftsteller, Künstler, ja sogar Wissenschaftler brauchen nicht nur Unterstützung durch eine Zuhörerschaft, sondern auch ständige Anregungen von anderen Menschen. Es ist nahezu unmöglich, zu denken, ohne darüber zu reden. Wenn Defoe wirklich auf einer verlassenen Insel gelebt hätte, hätte er Robinson Crusoe nicht schreiben können, und er hätte es auch gar nicht gewollt. Wenn man die Redefreiheit kassiert, vertrocknen alle schöpferischen Fähigkeiten." (S. 50)


Besser lässt es sich nicht ausdrücken. Dabei ist Orwell stets darauf bedacht, auch für den politischen Laien verständlich zu bleiben, und er wagt sich an heikle Themen heran, wie etwa die Revolution und den darauffolgenden Machtmissbrauch. So schreibt er im Mai 1946 in der Polemic:


"Geschichte besteht also aus einer Serie von Betrügereien, bei denen die Massen zunächst durch ein utopisches Versprechen zum Aufstand verleitet werden und dann, wenn sie ihre Aufgabe erfüllt haben, von ihren neuen Herren versklavt werden.
Politische Aktivität ist somit eine besondere Verhaltensform, die von vollständiger Skrupellosigkeit gekennzeichnet ist und nur in kleinen Teilen der Bevölkerung auftritt, besonders bei unzufriedenen Gruppen, deren Begabungen in der bestehenden Gesellschaft keinen hinreichenden Spielraum vorfinden. Die große Masse der Bevölkerung wird immer unpolitisch sein."
(S. 196)



Hier wird der Bezug zu Animal Farm deutlich. George Orwell hatte viel zu sagen. Mit seinem frühen Tod 1950 im Alter von nur 47 Jahren erlosch seine Stimme viel zu früh. Die Texte seiner Kolumnen liefern uns bis heute Stoff zum Nachdenken, und sie schaffen es, aktuelle Entwicklungen und Errungenschaften unter seiner kritischen Lupe zu sehen. Damit sind sie keineswegs veraltet, sondern unbedingt lesenswert.


Ellen Norten - 14. Mai 2026
ID 15855
Reclam-Link zu Orwells Kolumnen


Post an Dr. Ellen Norten

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