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Erinnerungen

„Ihre

wunder-

schönen

Beine.“





Bewertung:    



Ingeborg Bachmann (1926-1973) lehnte biografische Vereinnahmungen ab. Stattdessen stellte sie die existenzielle Autonomie und Sprachkrise des Individuums ins Zentrum ihres Werks. In ihrem Gedichtzyklus Lieder auf der Flucht bedeuten die Worte „Abglanz und Schweigen“ im letzten Abschnitt (Teil XV) den Abschied von utopischen Hoffnungen und die Ohnmacht des Menschen gegenüber der Zeit, während gleichzeitig die Macht der Kunst beschworen wird.

Anlässlich ihres 100. Geburtstages erschienen unter anderem ein Filmporträt der Autorin von Regina Schilling, Bachmanns einziger vollendeter Roman wurde als Oper uraufgeführt und Andrea Stoll aktualisierte ihre bereits 2013 veröffentlichte Bachmann-Biografie und veröffentlichte sie neu.

Das Jubiläumsjahr von Ingeborg Bachmann zeitigt jedoch mitunter auch irritierende Auswüchse ohne besonderen Mehrwert. Die Schriftstellerin scheint gar im sogenannten Bachmann-Jahr nicht vor Anmaßungen und Geschmacklosigkeiten gefeit.

So veröffentlichte der Suhrkamp Verlag mit Die letzten Tage von Ingeborg ein dünnes Büchlein von Fleur Jaeggy in einer Übersetzung von Barbara Schaden. Jaeggy geriert sich hier als eine der besten Freundinnen Bachmanns an deren Lebensende und teilt leicht übergriffig ihre Eindrücke von Bachmann an deren letzten Tagen. Die Erinnerungen sind dürftig, fragwürdig und dann doch mindestens indiskret.

Es bleibt von Anfang an unklar, welche Rolle die damals vierzehn Jahre jüngere Frau für Ingeborg Bachmann spielte, während sie zusammen im Sommer 1971 einen Monat lang ihre Zeit an der toskanischen Küste miteinander teilen. Ihre Rolle deutet sich an, wenn sie schreibt:


„Ich bringe Ingeborg in ihr Zimmer, wünsche ihr eine gute Nacht. Frage sie, ob sie noch etwas braucht.“ (S. 13)


Auch die Funktion von Oriele und Marcella, zweier Zeuginnen Jehovas, die gemeinsam mit Bachmann und Jaeggy im italienischen Poveromo in einem gemieteten Haus mit Garten residieren, bleibt unklar. Waren sie Haushälterinnen oder Krankenpflegerinnen, wenn es in einem Nebensatz über Orieles Umgang mit der Bachmann heißt:


„Oriele verabreichte ihr fünf Injektionen mit Stärkungsmitteln.“ (S. 12)


Jaeggy erzählt wenig über die Verbindung zwischen ihr und Bachmann, die zu dem gemeinsam Urlaub führte. Sie und Bachmann lernten sich wahrscheinlich in den 1960er-Jahren in Rom kennen. Bachmann war bereits eine etablierte Ikone der deutschsprachigen Literatur, während die in der Schweiz geborene Fleur Jaeggy als Model und junge Autorin am Beginn ihres Weges stand.

Jaeggy heiratete 1968 den bedeutenden italienischen Schriftsteller und Verleger Roberto Calasso, der jahrzehntelang den renommierten Mailänder Verlag Adelphi Edizioni leitete, in dem auch Jaeggys eigene Werke im italienischen Original erschienen. Mit einer pikanten Anekdote zu ihrer Hochzeit möchte Jaeggy die enge Verbindung zur vorher besprochenen Dichterfreundin herausstellen. Jaeggy wollte Bachmann mit auf ihre Hochzeitsreise nehmen, was Bachmann jedoch ablehnte. Jaeggy schreibt bedauernd:


„Es fehlte etwas bei unserer Hochzeit.“ (S. 18)


Wenn sie für Namen auftretender Personen meist nur Kürzel setzt, lässt Jaeggy vieles bewusst offen und bleibt vage. Pathetische, kurze und zärtliche Sätze über Bachmann muten kitschig an, wie:


„Ein goldener Schein leuchtet aus Ingeborgs Gesicht.“ (S. 15)


Oder:


"Ihre wunderschönen Beine.“ (S. 19)


Als sie Oktober 1973 von Bachmanns Verbrennungen erfährt, schreckt Jaeggy betroffen nicht davor zurück, sich als jemand anders auszugeben, um mehr über den Schweregrad der Patientin im Krankenhaus herauszufinden:


„Ich rufe sofort im Krankenhaus Sant’Eugenio an. Ich verwende den Namen der Person, die mich aus Zürich angerufen hat. Ich bin Ärztin. Ich stelle mich vor. Ich fingiere einen ausländischen Akzent.“ (S. 23)


Die aufdringliche Jaeggy wird trotzdem abgewimmelt.

Im Zusammenhang mit Bachmanns Verletzungen äußert sich Jaeggy bald eifersüchtig und argwöhnisch hinsichtlich der Schriftstellerin und Übersetzerin Christine Koschel. Die ebenfalls in Italien lebende Lyrikerin Koschel wurde schnell zu einer engen Vertrauten und Begleiterin Bachmanns in deren letzten Lebensjahren. Als Bachmann im Herbst 1973 nach einem schweren Brandunfall im Krankenhaus lag, gehörte Koschel zu den wenigen Menschen, die sie direkt zu sich rief und die sie bis zu ihrem Tod begleiteten. Jaeggy beschimpft sie nun hässlich und vulgär, da diese sie angeblich nicht rechtzeitig über den Ernst der Lage informierte:


„Ich habe einen Wutanfall gegen die Koschel. Ich beschimpfe sie. Ich sage, dass sie sehr schwere Fehler begangen hat und sich in Acht nehmen muss. Ich nenne sie sogar alte Hure. Die Frau weint; ich greife versöhnlich nach ihrem Arm. Auf der Straße fragt sie: Haben sie mich wirklich Hure genannt? Ich: Wenn du es nicht gehört hast, habe ich es nicht gesagt, aber wenn du es gehört hast, habe ich es gesagt.“ (S. 33)


Koschel gehörte später zur Nachlassverwaltung Bachmanns und war Mitherausgeberin der ersten Werkausgabe von Ingeborg Bachmann. Die Autorin Koschel verstarb selbst 2024 und kann so nicht mehr zu Jaeggys sie verunglimpfenden Anekdoten Stellung beziehen.

Als eine versammelte Gemeinschaft über den plötzlichen Tod Bachmanns nachsinnt, mutmaßt ein Arzt über ein mögliches lesbisches Liebesgeschehen:


„Große Anspannung. Der Arzt macht Andeutungen. Über das, was geschehen ist. Er spielt auf lesbische Angelegenheiten an. Eine düstere Lage.“ (S. 42)


Auch hier bleibt Jaeggy vieldeutig nebulös und befeuert den „Bachmann-Mythos“ um ihren geheimnisumwitterten Tod.

Jaeggys verknappte Sprache hat einen voyeuristischen Beigeschmack. Letzte Details werden ausgeschlachtet, ohne dass ihre, im großzügigen Satz gedruckten 44 Seiten neue Erkenntnisse liefern.


„Ich möchte das Briefgeheimnis wahren. Aber ich möchte doch etwas hinterlassen.“


Dieses existentielle Bekenntnis prägte sich nach der Lektüre von Bachmanns Malina ein. Hat Jaeggy womöglich nun Teile eines solchen Briefgeheimnis der Dichterin gelüftet? Eher nicht. Dazu besitzt ihr Büchlein zu viele Unschärfen und Lücken. Bachmann würde womöglich, wie in ihrem Gedicht Ihr Worte rufen:


„Kein Sterbenswort, ihr Worte!“


Ansgar Skoda - 26. Juli 2026
ID 15961
Suhrkamp-Link zu den Letzten Tagen von Ingeborg


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