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Buchkritik

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Der Sympathisant ist der Sohn einer vietnamesischen Mutter und eines westlichen Vaters, der sich als katholischer Geistlicher allerdings nicht zu seinem Sohn bekennt. Als Kind wird der Protagonist als Bastard verspottet. „Du bist nicht Halb, sondern Doppelt.“ - mit diesen Worten tröstet ihn die Mutter, trifft aber auch den Nagel auf den Kopf, denn in ihrem Sohn wohnen zwei Seelen. Dies erfahren wir aus einer Art Lebensbeichte, die er in einem Straflager verfasst – wo bleibt zunächst offen.

Aus diesem Schuldeingeständnis und den sich darum rankenden Lebensstationen besteht fast das gesamte Buch. Früh zum Waisen geworden, spielt für den Sympathisanten die unzertrennbare Blutsbrüderschaft zu seinen Freunden Man und Bon die zentrale Rolle. Erstaunlicher Weise könnten sich diese beiden Freunde nicht unterschiedlicher entwickeln. Man steht für die Revolution gegen den Imperialismus und Bon für den Kampf gegen den Kommunismus auf Seiten der USA. Passend zu dieser Widersprüchlichkeit ist der Dritte im Bunde eben der Sympathisant, der Maulwurf, der mit den Imperialisten lebt und für die Kommunisten spioniert.

Doppelt, also zwei Gesichter, zwei Seelen, dieses Bild zieht sich durch das gesamte Buch - kein Wunder, das der Ich-Erzähler kaum mit einem Namen versehen wird. Dennoch gewährt der Autor Viet Thanh Nguyen tiefe Einblicke in die Seele dieses Menschen, zu dessen Humor, Sarkasmus, aber auch zu dessen Brutalität. So schlüpfen wir in die Haut des Mörders und spüren, wie es sich anfühlt, wenn der Geist des Opfers einen heimgesucht.

Parallel erleben wir das Ende des Vietnamkriegs, die Kapitulation Saigons und die Flucht der letzten Militärangehörigen aus Südvietnam, wodurch die Situation des Sympathisanten immer verworrener wird. Auf wessen Seite schlägt sein Herz? Das Verhältnis zu seinen Blutsbrüdern birgt letztendlich die Antwort.

Er kehrt mit seinem Freund Bon in einem selbstmörderischen Einsatz in seine Heimat zurück, wird dort sofort festgenommen und gelangt in ein kommunistisches Umerziehungslager, wo er den biografischen Text verfasst. Trotz der grauenhaften Umstände dort gelingt es dem Ich-Erzähler immer wieder eine Art von skurrilem Humor unterzubringen, was den eigentlich sehr bedrückenden Text besser lesbar macht.


"Anhand einer gründlichen Längsschnittstudie, die anhand des Stuhlgangs von Wächtern wie Gefangenen, einschließlich mir selbst, durchgeführt wurde, hatte der Kommandant ausgerechnet, dass die Gesamtheit der Gedärme des Lagers pro Tag etwa sechshundert Kilo Exkremente ausschied. Die Gefangenen sammelten diese Ausscheidungen und trugen sie eigenhändig auf die Felder, wo sie als Dünger eingesetzt wurden. Fäkale Präzision war also unerlässlich für das wissenschaftliche Management der landwirtschaftlichen Produktion." (S. 444)


Dennoch erspart der Autor dem Leser nicht die Schilderungen der Folter und offenbart in den Details auch jede Menge Insiderwissen. Im Dankeswort am Ende des Buches weist er ausdrücklich auf die an der Realität orientierte Handlung und seine weitreichenden Recherchen hin. Nur aus literarischer Notwendigkeit sind fiktive Elemente eingefügt, so sehen sich die drei Freunde unerwartet wieder und das Treffen endet völlig anders als gedacht.

Das Buch ist eine literarische Nahaufnahme und von der ersten bis zur letzten Seite spannend, auch wenn die historischen Ereignisse bekannt sind. Der Vietnamkrieg und seine Folgen, die Menschen in Vietnam, sowie die Flüchtlinge, die Boatpeople, werden besser verstehbar. Und in der einstigen Teilung des Landes sind in gewissem Sinn auch Parallelen zur deutschen Geschichte erkennbar.


Ellen Norten - 17. Dezember 2017
ID 10430
Link zum Buch
https://www.randomhouse.de/Buch/Der-Sympathisant/Viet-Thanh-Nguyen/Blessing/e470172.rhd


Post an Dr. Ellen Norten



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