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Sachbuch

Wem gehört

unser Denken?





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Bruno Giussanis Buch Der belagerte Geist sprengt schnell den Rahmen einer bloßen Auseinandersetzung mit künstlicher Intelligenz. Es geht um weit mehr als die Chancen und Risiken einer sich rasant entwickelnden Technologie. Es geht um die Frage, wem unser Denken gehört, wer es beeinflusst und wie viel geistige Selbstbestimmung wir bereit sind aufzugeben.

Um einmal von hinten anzufangen: Gegen Ende seines Buches stellt Giussani einen ebenso einfachen wie verstörenden Vergleich an. Bevor Pharmaunternehmen Medikamente verkaufen dürfen, müssen diese umfangreiche Studien, Prüfungen und Zulassungsverfahren durchlaufen. Schließlich greifen sie unmittelbar in unseren Körper ein.

Ganz anders die digitalen Drogen unserer Zeit: soziale Medien, Algorithmen und zunehmend künstliche Intelligenz. Sie greifen in unser Denken, unsere Wahrnehmung, unsere Gefühle und unsere Entscheidungen ein. Dennoch werden sie im großen Maßstab verbreitet, ohne vergleichbar umfassende Prüfverfahren durchlaufen zu müssen.

Warum schützen wir unseren Körper vor ungeprüften Eingriffen, während wir unseren Geist nahezu ungeschützt Technologien ausliefern, deren langfristige Auswirkungen wir kaum verstehen?

Diese Frage trifft den Kern des Problems.

Wir sollten uns von der Illusion verabschieden, dass die großen amerikanischen Technologiekonzerne ihre Produkte vorrangig entwickeln, um das Gemeinwohl zu fördern und die Probleme der Menschheit zu lösen. Es sind Wirtschaftsunternehmen mit gewaltigen finanziellen Interessen. Sie investieren Milliarden in Technologien, die unsere Aufmerksamkeit binden, unser Verhalten analysieren und unsere Entscheidungen beeinflussen können.

Es geht um Daten, Aufmerksamkeit, wirtschaftliche Macht und zunehmend um die Kontrolle über den Zugang zu Wissen.

Natürlich bietet künstliche Intelligenz fantastische Möglichkeiten. Sie kann Prozesse vereinfachen, wissenschaftliche Erkenntnisse beschleunigen und uns bei komplexen Aufgaben unterstützen. Doch die Interessen ihrer Anbieter stimmen nicht zwangsläufig mit denen ihrer Nutzer überein.

Besonders problematisch wird es, wenn uns KI als eine dem Menschen überlegene Intelligenz verkauft wird, die unser Denken eines Tages ersetzen könnte.

Vielleicht liegt die eigentliche Gefahr aber weniger darin, dass Maschinen immer intelligenter werden, sondern darin, dass unsere eigenen kognitiven Fähigkeiten verkümmern, weil wir sie immer seltener beanspruchen.

Die großen wissenschaftlichen, philosophischen und kulturellen Leistungen der Menschheit entstanden durch Neugier, Zweifel, Widerspruch, konzentriertes Nachdenken und oft jahrelange harte geistige Arbeit. Wer diese Arbeit zunehmend an KI delegiert, gewinnt Geschwindigkeit und Bequemlichkeit. Aber was verliert er dabei?

Dabei kann KI durchaus auch das Gegenteil bewirken: Sie kann uns mit neuen Perspektiven konfrontieren, unsere Argumente hinterfragen und unser Denken erweitern. Sie kann ein hervorragender intellektueller Sparringspartner sein.

Entscheidend ist, wie wir sie nutzen. Lassen wir uns fertige Antworten liefern, die wir ungeprüft übernehmen? Oder nutzen wir sie, um bessere Fragen zu stellen und selbst zu neuen Erkenntnissen zu gelangen?

KI kann unser Denken erweitern. Sie kann es aber auch ersetzen, wenn wir bereitwillig darauf verzichten, selbst zu denken.

Noch gravierender ist eine andere Erkenntnis: KI-Systeme sind keineswegs neutrale, unpolitische oder moralisch unvoreingenommene Instrumente.

Das verdeutlicht ein bemerkenswertes Interview, das OpenAI-Chef Sam Altman dem amerikanischen Moderator Tucker Carlson gegeben hat. Altman erläutert darin die sogenannte Model Spec, ein Regelwerk, das unter anderem die Werte und moralischen Leitlinien festlegt, nach denen sich die KI verhalten soll.

Wer entscheidet darüber? Letztlich die Führung von OpenAI, zu der Altman selbst gehört. Seine persönlichen Wertvorstellungen, so macht er deutlich, sind durch seine Herkunft, sein soziales Umfeld und seine Religion geprägt.

Man muss sich die Tragweite dessen bewusst machen: Ein kleiner Kreis von Menschen legt wesentliche Verhaltensregeln für eine Technologie fest, die weltweit von Hunderten Millionen Menschen zur Informationsbeschaffung, Entscheidungsfindung und zunehmend als persönlicher Ratgeber genutzt wird.

Ein anschauliches Beispiel für die Auswirkungen solcher Voreinstellungen lieferte Googles KI-System Gemini im Februar 2024.

Google hatte seinen Bildgenerator darauf ausgerichtet, gesellschaftliche Diversität angemessen abzubilden und diskriminierende Stereotype zu vermeiden. Ein grundsätzlich nachvollziehbares Anliegen. Allerdings wurden diese Vorgaben so umgesetzt, dass historische Tatsachen teilweise verfälscht wurden.

Auf Anfragen nach amerikanischen Gründervätern erzeugte Gemini unter anderem Bilder schwarzer und indigener Personen. Auf die Aufforderung, einen Papst darzustellen, erschienen Frauen in päpstlichen Gewändern. Google räumte die Fehler ein und setzte die Bildgenerierung von Menschen vorübergehend aus.

Ein zunächst fast kurioser Vorgang. Aber er zeigt einen entscheidenden Mechanismus: Die Entwickler legen Wertvorstellungen und Zielsetzungen fest, die anschließend die Ergebnisse des Systems beeinflussen – selbst wenn diese mit historischen Tatsachen kollidieren.

Das Problem ist nicht die Förderung von Diversität. Das Problem entsteht, wenn bestimmte Wertvorstellungen in technische Systeme eingebaut werden und deren Antworten beeinflussen, ohne dass die Nutzer dies erkennen können.

Was bei historischen Bildern noch leicht zu durchschauen ist, wird bei politischen, gesellschaftlichen oder moralischen Fragen ungleich schwieriger.

Wer entscheidet, welche Werte in einer KI verankert werden? Wer kontrolliert diese Entscheidungen? Und wer legitimiert sie?

Immer weniger Technologieunternehmen gewinnen immer größeren Einfluss darauf, wie Menschen weltweit Informationen aufnehmen, Zusammenhänge bewerten und Entscheidungen treffen. Ihre Systeme sind dabei zwangsläufig von individuellen, kulturellen und wirtschaftlichen Interessen geprägt.

Daraus muss aus meiner Sicht eine politische Konsequenz folgen.

Wenn Medikamente geprüft werden und Lebensmittel strengen Sicherheits- und Kennzeichnungsvorschriften unterliegen, warum sollten dann ausgerechnet Technologien, die unser Denken beeinflussen können, weitgehend ohne vergleichbare Kontrolle verbreitet werden dürfen?

Wir brauchen unabhängige, öffentlich legitimierte Institutionen, die insbesondere die grundlegenden Wertvorgaben und Verhaltensregeln von KI-Systemen prüfen. Welche moralischen Maßstäbe sind eingebaut? Welche systematischen Verzerrungen können daraus entstehen? Inwieweit können Nutzer manipuliert werden?

Für gesellschaftlich besonders einflussreiche KI-Anwendungen sollte eine solche Prüfung bereits vor der Markteinführung stattfinden und mit einer verbindlichen Freigabe verbunden sein. Wesentliche spätere Änderungen müssten erneut geprüft werden.

Dabei darf es keinesfalls darum gehen, dass der Staat festlegt, was richtiges Denken ist. Das würde das Problem lediglich verlagern. Es geht um transparente Verfahren, unabhängige Prüfungen und demokratische Kontrolle. Die bereits bestehenden europäischen Regulierungsansätze sind ein Anfang, müssen aber an ihrer tatsächlichen Wirksamkeit gemessen werden.

Die Entwicklung künstlicher Intelligenz darf nicht allein den wirtschaftlichen Interessen und persönlichen Wertvorstellungen einiger weniger Unternehmer überlassen bleiben.

Damit sind wir bei der eigentlichen Dimension von Giussanis Buch angekommen: Es geht um Macht, kulturelle Selbstbestimmung, demokratische Kontrolle und letztlich um die Zukunft unseres menschlichen Geistes.

*

All diese Gedanken sind aus der für mich außerordentlich spannenden und anregenden Lektüre dieses rund 200 Seiten umfassenden Buches entstanden. Giussani schreibt keineswegs nur für Fachleute. Sein Buch ist klar, allgemein verständlich und ausgesprochen gut lesbar. Dabei eröffnet er noch zahlreiche weitere Perspektiven, die es wert wären, aufgegriffen zu werden. Aber eine Rezension sollte schließlich nicht das ganze Buch vorwegnehmen.

Bemerkenswert fand ich, dass viele seiner Erkenntnisse für mich keine grundlegend neuen Offenbarungen waren. Vieles hatte ich schon länger vermutet oder mit einem gewissen Unbehagen beobachtet. Was mir fehlte, war eine klare Einordnung.

Genau das leistet dieses Buch. Es hat mir geholfen, diffuse Befürchtungen zu konkretisieren, eigene Beobachtungen zu ordnen und Zusammenhänge besser zu verstehen. Aus einem eher intuitiven Unbehagen ist ein wesentlich klareres Bild der Herausforderungen entstanden, vor die uns die Digitalisierung und insbesondere die künstliche Intelligenz stellen.

Das ist für mich eine der wertvollsten Eigenschaften eines guten Sachbuches: Es muss nicht unbedingt völlig neue Erkenntnisse vermitteln. Manchmal besteht seine größte Leistung darin, vorhandenes Wissen und bislang unverbundene Gedanken zu einem schlüssigen Gesamtbild zusammenzuführen.

Genau das ist Bruno Giussani gelungen.

Ich kann deshalb nur ausdrücklich empfehlen, dieses Buch zu lesen. Nicht nebenbei, nicht in einer hastigen Zusammenfassung und schon gar nicht, indem man sich seine Kernaussagen von einer KI aufbereiten lässt.

Nehmen Sie sich die Zeit für diese 200 Seiten. Beschäftigen Sie sich mit Ihrem eigenen Gehirn, Ihrer eigenen Neugier und Ihrer eigenen Urteilskraft mit diesen Fragen.

Denn die entscheidende Frage der kommenden Jahre lautet möglicherweise nicht, wie intelligent künstliche Intelligenz noch werden kann.

Sondern wie viel von unserer eigenen Intelligenz, unserer geistigen Freiheit und unserer Selbstbestimmung wir bereit sind, ihr zu überlassen.


Steffen Kühn - 31. Oktober 2026 (2)
ID 16122
Verlagslink zum Belagerten Geist


Post an Steffen Kühn

http://www.hofklang.de

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