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Gefangen im
Blick der
Männer
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Bewertung:
Braucht es noch eine weitere Biografie über Ingeborg Bachmann? Über diese Dichterin, die längst zur Ikone geworden ist, zur Projektionsfläche, zur Verwundeten der Nachkriegsliteratur, zum weiblichen Enfant terrible der fünfziger und sechziger Jahre? Nach mehr als vierhundert Seiten Andrea Stolls lautet die Antwort: ja. Nicht, weil hier ein völlig unbekanntes Leben entdeckt würde. Sondern weil Stoll zeigt, dass dieses Leben gerade dort noch einmal neu lesbar wird, wo man glaubte, es längst verstanden zu haben.
Andrea Stoll ist keine zufällige Besucherin im Bachmann-Kosmos. Sie hat Germanistik, Philosophie und Publizistik studiert, wurde 1991 mit einer Arbeit über Die Erinnerung als ästhetische Kategorie des Widerstandes im Werk Ingeborg Bachmanns promoviert und hat seither wiederholt über Bachmann publiziert. Ihre neue, bei Piper erschienene Biografie "Zwei Menschen sind in mir" erscheint zum hundertsten Geburtstag der Dichterin und umfasst fast 500 Seiten.
Der Verlag kündigt das Buch mit der These an, fünfzig Jahre nach Bachmanns Tod forderten ihre Briefe eine neue Perspektive auf Leben und Werk. Stoll nehme das „Spektrum Bachmann’scher Ambivalenzen“ von seinen Ursprüngen her in den Blick und zeige, wie diese Dichterin in eine Spirale von Selbstinszenierung und Selbstzerstörung geraten konnte. Genau darin liegt auch die innere Bewegung dieses Buches: Es ist weniger eine lineare Lebensbeschreibung als eine große Studie über Ambivalenz.
Die ersten zwei Drittel verlangen Geduld. Nicht, weil sie schwach wären, sondern weil Stoll mit beinahe archivalischer Akribie arbeitet. Herkunft, Vaterhaus, Kärnten, Wien, die frühe literarische Szene, die ersten Förderer, die männlichen Zirkel, die Verlage, die Freundschaften, die Liebesgeschichten: Alles wird Schicht um Schicht freigelegt. Briefe, Briefentwürfe, Nachlassmaterial, Begegnungen und Werkspuren werden miteinander in Beziehung gesetzt. Man spürt die ungeheure Materialfülle, aber auch den Willen, dem Mythos nicht einfach eine neue Legende entgegenzusetzen.
Erst im letzten Drittel tritt deutlicher hervor, worum es diesem Buch im Innersten geht: um eine junge Frau, die sich in den fünfziger Jahren, zuerst in Österreich, dann in Deutschland, an einer vollständig männlich organisierten literarischen Öffentlichkeit abarbeitet — und zugleich von ihr angezogen bleibt. Bachmann erkennt die Machtmechanismen, sie durchschaut die Strukturen, sie seziert die Sprache der Herrschaft mit literarischer Schärfe. Aber sie lebt nicht außerhalb dieser Ordnung. Sie braucht Anerkennung, Bewunderung, Begehren. Sie will frei sein und doch gehalten werden. Sie will sich entziehen und doch gesehen werden. Zwei Menschen sind in ihr, vielleicht mehr als zwei.
Stoll führt diese Spannung bis in die Kindheit zurück, bis zur Figur des Vaters. Er erscheint als beschädigter Ursprung: einerseits Heimat, Sicherheit, Kärntner Bindung, andererseits frühe Nähe zum Nationalsozialismus und damit moralische Enttäuschung. Hier entsteht eine Grundfigur, die Bachmanns Leben durchzieht: das Begehren nach Schutz und die Unmöglichkeit, diesem Schutz zu trauen. Der sichere Hafen ist nicht unschuldig. Die Heimat ist nicht heil. Das Private ist von Geschichte durchschossen.
In Wien und später im literarischen Betrieb der Bundesrepublik wiederholt sich diese Struktur. Bachmann wird gefördert, bewundert, ausgezeichnet, als außergewöhnliche Stimme erkannt. Zugleich bleibt sie Frau in einer Welt, in der männliche Kollegen, Lektoren, Verleger und Liebhaber nur selten sauber zwischen geistiger Nähe, erotischer Anziehung und Macht unterscheiden. Die Arbeitsebene ist vom Begehren nicht zu trennen. Das ist nicht nur Missbrauchsgeschichte, nicht nur Opfergeschichte, sondern komplizierter: Bachmann spielt mit, wehrt sich, genießt, leidet, entzieht sich und kehrt zurück. Gerade diese Unauflösbarkeit macht Stolls Darstellung überzeugend.
Die großen Liebesgeschichten — Paul Celan, Hans Werner Henze, Max Frisch — erscheinen bei Stoll nicht als biografische Dekoration, sondern als Kraftfelder. Besonders verdienstvoll ist, dass sie trotz aller erkennbaren Sympathie für Bachmann nicht einfach die alten Legenden wiederholt. Die populäre Erzählung, Max Frisch habe Bachmann mit einer jungen Geliebten verlassen und damit zerstört, wird nicht sentimental fortgeschrieben. Stoll wertet Briefe und Werkspuren aus und zeigt eine komplexere Konstellation: Bachmann scheitert erneut an der Unvereinbarkeit von Bindungswunsch, Freiheitsanspruch, ökonomischer Sicherheit, erotischer Bestätigung und künstlerischer Autonomie.
Gerade dadurch wird der Bruch mit Frisch nicht kleiner, sondern größer. Er erscheint als der Anfang vom Ende eines ohnehin gefährdeten Lebens. Bachmann, die 1973 in Rom nach einem Brandunfall starb, wurde nur 47 Jahre alt. Stoll beschreibt den Weg in Tabletten- und Alkoholsucht nicht als bloßen Absturz, sondern als Folge einer sich langsam entwickelnden inneren Erschöpfung. Aus Selbstbehauptung wird Selbstzerstörung; aus Inszenierung wird Abhängigkeit; aus dem Wunsch, als Frau begehrt zu werden, wird eine fast zwanghafte Suche nach Bestätigung.
Das Beeindruckende an diesem Buch ist, dass es Bachmann weder verklärt noch verkleinert. Es zeigt eine Autorin von höchster Intelligenz, die die Gewalt alter Rollenbilder erkennt und doch emotional an sie gebunden bleibt. Es zeigt eine Frau, die patriarchale Strukturen literarisch durchdringt, aber biografisch nicht einfach hinter sich lassen kann. Und es zeigt, wie aus genau diesem Widerspruch Literatur entsteht: nicht als Illustration des Lebens, sondern als dessen Sublimierung, Verdichtung, Verwandlung. Ihr Roman Malina erscheint nun als poetische Selbstdiagnose. Die Spaltung, die Gewalt, das Verschwinden des weiblichen Ichs, die Unmöglichkeit, in einer beschädigten Welt unbeschädigt zu sprechen — all das wird bei Stoll nicht biografistisch verengt, aber aus dem Leben heraus neu lesbar.
Man könnte einwenden, dass Stoll manchmal zu viel wissen will, zu viel verbindet, zu viel absichert. Die Lektüre ist nicht leicht. Sie verlangt Zeit, Konzentration und die Bereitschaft, sich durch dichte Rekonstruktionen hindurchzuarbeiten. Aber gerade diese Mühe gehört zu ihrer Qualität. Dieses Buch will nicht verführen. Es will verstehen. So ist Zwei Menschen sind in mir keine elegante neue Biografie, sondern ein großes, manchmal schweres, immer ernsthaftes Buch über eine Frau, die an ihrer Zeit litt und ihr doch voraus war. Andrea Stoll schreibt mit Nähe, aber nicht mit Verehrung; mit Empathie, aber nicht mit Blindheit. Am Ende steht keine entzauberte Bachmann, sondern eine deutlichere: widersprüchlicher, verletzlicher, machtbewusster, abhängiger, größer.
Unbedingt lesenswert also — aber nicht nebenbei. Man sollte diesem Buch das geben, was es selbst seinem Gegenstand gibt: Geduld, Aufmerksamkeit und die Bereitschaft, Ambivalenzen nicht zu glätten.
Steffen Kühn - 27. Mai 2026 ID 15879
Piper-Link zur
Ingeborg Bachmann-Biografie
Post an Steffen Kühn
http://www.hofklang.de
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