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Spezieller
Blickwinkel
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Bewertung:
1940 schwappte eine riesige Flüchtlingswelle in die noch nicht besetzten Gebiete Frankreichs, nachdem der Großteil Mitteleuropas vom Deutschen Reich besetzt worden war. Portugal galt als eines der Länder mit Chancen auf eine Zuflucht, und Lissabon war der letzte freie Westhafen.
Aristides de Sousa Mendes, portugiesischer Generalkonsul in Bordeaux, rettete tausenden Menschen verschiedener Nationalitäten, darunter sehr vielen Juden, das Leben, indem er diesen auf eigene Verantwortung Visa ausstellte, mit denen sie nach Portugal gelangen konnten. Bisher war mir dieser Mann leider völlig unbekannt, was sich durch die Lektüre des Buches nun ändert.
Alexander Smoltczyk berichtete bereits 2020 im Magazin Der Spiegel über die Reise von Nachkommen der durch Aristides de Sousa Mendes Geretteten nach Lissabon, die er begleitete. Der Autor seines jüngsten Buches Lissabon 1941 ist ein intimer Portugalkenner. Er hat die besondere Rolle dieses Landes während des Zweiten Weltkriegs, insbesondere die von Lissabon, genauestens recherchiert und mit Quellenangaben und Zitaten belegt. Und so erfahren wir nicht nur von Aristides de Sousa Mendes, der von Diktator Salazar wegen Befehlsverweigerung von sämtlichen Ämtern und Bezügen ausgeschlossen wurde, wir erfahren auch über die Menschen, die Dank der Visa nach Lissabon gelangen konnten.
Viele von ihnen sind uns bekannt, da sie politisch oder künstlerisch eine bedeutende Rolle spielten. So verließen über Lissabon Otto von Habsburg, Salvador Dali, Heinrich Mann, Hannah Arendt, Marc Chagall, Peggy Guggenheim, Lion Feuchtwanger, Alfred Döblin, Antoine de Saint-Exupéry, Jean Renoir, Arthur Koestler, Man Ray, der ehemalige König von England Edward VIII. und seine Frau Wallis Simson sowie Ian Fleming Europa. Die Situation in der überfüllten Stadt wird im Buch als ein Warteraum zwischen Himmel und Hölle beschrieben, in dem sich die Spione tummelten.
"1941 wird das Land der Spione, der Spitzel und Agenten werden, mit Lissabon als ihrem Sammelpunkt. „Sobald du in ein Hotel oder eine Bar gingst, konntest du damit rechnen, dass mindestens vier Leute dir zuraunten: 'Ich bin der Chef vom Britischen Geheimdienst in Portugal.' So erinnert sich ein britischer Marineattaché an das Lissabon dieses Jahres. Man durfte davon ausgehen, dass das Gepäck mehrmals täglich durchsucht wird und sich überall hilfsbereite Menschen finden, die gegen eine kleine Aufmerksamkeit den Abdruck eines Zimmerschlüssels in einem Stück Seife besorgen. Die Stadt hatte die gleiche magnetische Wirkung auf Abenteurer und Glückssucher wie sie, als Europas 'Exit'-Zeichen, die Flüchtlinge anzog. Schillernde Figuren wie Hans Müssig, Dušan Popov, Paul Georg Fidrmuc - oder Joan Pujol Garcia." (S. 275)
Kein Wunder also, dass Ian Fleming wusste, wie sein Held James Bond erfolgreich seine Spionagetätigkeit aufnahm. Szenen, wie sie sich im Spielcasino oder den unterschiedlichen Cafés abspielten, hat er selbst erlebt. Unter den Agenten und Doppelagenten war damals auch Josephine Baker. Die weltbekannte Unterhaltungskünstlerin spionierte für Frankreich und die Resistance. Sie nutze ihre Popularität und ihren Charme, um wichtige Informationen zu transportieren. Statt ihre Papiere akribisch zu kontrollieren, baten die entsprechenden Beamten eher um Autogramme, und so blieb sie unentdeckt.
Doch es ging nicht nur um strategisch wichtige Informationen. Portugal war zu dieser Zeit auch der wichtigste Lieferant für Wolfram in Europa und verkaufte den kriegswichtigen Rohstoff zeitgleich an die Alliierten und an das Deutsche Reich. Außerdem tobte unter den Kriegsteilnehmern ein Konkurrenzkampf um Ölsardinen. Die in Blechdosen verpackten kalorienhaltigen Fische dienten als ideale Versorgung der kämpfenden Truppen. Und so gab es in Lissabon um den Diktator António de Oliveira Salazar ein wichtiges Ringen der verfeindeten Mächte, trotzdem nahm Portugal nicht am Zweiten Weltkrieg teil. All dies spiegelt das Buch wider und ermöglicht gleichzeitig einen zeithistorischen Blick auf die komplizierte Kriegssituation von 1941. Das Buch ist über weite Strecken kurzweilig zu lesen und liefert gut recherchierte Fakten aus diesem speziellen Blickwinkel.
Ellen Norten - 1. November 2026 ID 16125
dtv-Link zum Sachbuch
Lissabon 1941
Post an Dr. Ellen Norten
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