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Feuilleton


Schaubühne Leipzig, Sonntag 13. November 2005

Reden ist Silber, Vergeblichkeit Goldt

Max Goldt in der Schaubühne


Es fing an mit dem Wochenende in Daniels und Katharinas Wohnung. Zum Inventar gehörte ein sorglos liegen gelassenes Buch auf der Kommode im Flur. Es enthielt einen Text, der etwas mit einer Schallplatte und einem Stoffbeutel zu tun hatte und mich zum Tränenlachen brachte. Das also war Max Goldt. Den Namen merkte ich mir und entdeckte auch bald ein Plakat in der Stadt, auf dem eine Lesung von ihm in der Schaubühne angekündigt wurde. Ich war vermutlich die erste, mindestens aber die zwanzigste, die sich eine Karte besorgte. Freute mich auf einen heiteren Abend und warb noch eine charmante Begleitung für die Veranstaltung an.

Selten – auβer zur euroszene - die Schaubühne so voll gesehen; auch der letzte eilig aufgestellte Klappstuhl ist besetzt. Das Publikum querbeet, Selbstverwirklichungsbrillen finden sich genauso wie LVZ-Leser. Kaum erscheint Goldt im braunen Cordjacket, jubelt das Haus und lacht affektiert auf. Ich wähne mich in einem Bill-Cosby-Verschnitt und suche auf der Bühne nach dem „lachen - jetzt“-Schild. Matthias Ernst alias Max Goldt beginnt im Schein der Schreibtischlampe zu lesen. Das Publikum ist vom zweiten Satz an hochgradig amüsiert. Warum, weiß ich allerdings nicht. Grund zum Lachen gab´s noch keinen. Aber da bin ich nicht die einzig Ahnungslose, die Neuen Züricher Zeitung bemerkte schon vor einigen Jahren: „das meist jugendliche Publikum geht von Anfang an begeistert mit und lacht sogar wesentlich öfter, als der Text es nahe legen würde.“ Na, Gott sei Dank, dass das noch jemand feststellt. Wie auch immer, ich beschließe, objektiv bei der Sache zu bleiben. Es fällt mir schwer, denn die vor mir sitzenden weiblichen Fans wiederholen sich gegenseitig stets noch einmal die „lustigsten“ Stellen.
Herr Goldt liest vor aus unansehnlichen Abenteuern auf Malta, erzählt vom Deutschen als dem Dorftrottel unter den Sprachen und „vermutet einfach mal ganz locker drauflos“. Trotz teilweise ganz netter Passagen bin ich enttäuscht nach dieser Lektüre des Buches bei Katharina und Daniel. In diesem gediegenen, väterlich-wohlwollenden Tonfall wollen mir die Texte so gar nicht gefallen. Leichtigkeit ist das Gegenteil. Überhaupt hatte ich mir den Vater der Pop-Literatur anders vorgestellt. Selbstironischer irgendwie. Aber dann dieses glänzenden Gesicht mit den vollen Wangen, dieser altwienerische Gestikus, der Wohlstandsbauch. Als sei Goldt die gestaltgewordene Figur des Baulöwen, den er in seiner Sanatoriumsgeschichte auf dem Weg zu Sauna trifft, der gütig nach allen Seiten grüßt und seinen Bademantel wie einen Hermelin trägt - gerade so, als sei er der Besitzer des Anwesens. Und genau das ist Goldt eben nicht; er mag sich sehr viel Mühe geben, aber er ist nicht der groβe Dompteur der deutschen Sprache, nein.
Es gibt die ein oder andere komische Situation in seinen Geschichten; ich lache in diesen reichlichen zwei Stunden genau einmal herzlich, nämlich als der angetrunkene junge Mann auf der Oberschichts-Party mit dem Ledergürtel auf die Dessertschalen einpeitscht mit dem Schrei: „Mitten in der Nacht Kompott essen, das könnt’er!“ In der Pause mache ich den Test: Lese am Buchstand ein paar Seiten Goldt quer, und in mir breitet sich ein großes Grinsen aus. Also liegt’s doch an der Vortragsweise. Oder einfach an einer Überfülle der Texte. Zu Anfang des zweites Leseteils verhängt mein Kopf ein „Do not disturb“-Schild und will partout keine fünfzeiligen Sätze mehr hören. Ist das Stil oder eine schlechte Angewohnheit? Ich muss mich extrem konzentrieren, um im monotonen Auf und Ab der Leserstimme nicht einzuschlafen, wie man es in einem Zug tut, der ohne zu halten oder zu beschleunigen vor sich hin schuckelt. Goldts Texte zeichnen sich angeblich durch Wortwitz, hohe sprachliche Eleganz und die Kunst der Abschweifung aus. Nun, die skurrile Reihung skurriler Worte auf Biegen und Brechen killt schon mal den Witz, bevor er eine Chance hat. Das Benutzen seltener Ausdrücke in der Kombination mit Fremdwörtern grenzt hier an sprachliche Vergewaltigung, und Abweichung – also, man kann’s auch übertreiben. Als Goldt in seinem letzten Text von der „Weiterleiterei“ auf die „Weiterreiterei“ kommt, scheinen selbst hartgesottene Fans nach dem Lachen wühlen zu müssen. Leider driftet Goldt zunehmend in die pure Blödelei ab und produziert teilweise richtiggehend schiefe Bilder. Unter einem „stolzen Kichern“ kann ich mir jedenfalls nichts vorstellen. Und es gibt eben Belanglosigkeiten, die sich durch wiederholtes Bearbeiten nicht als bedeutend sondern nur als umso belangloser herausstellen. In einem unvollendeten Text bezieht er sich gar auf sich selbst mit „dem Vater dieser Zeilen“. Vater ja, Großvater sogar, wenn man so will. Und eigentlich bin ich gegen dieses Wort, aber „pseudo-intellektuell“ trifft wohl hier sowohl Autor als auch Publikum. „Borniertheit ist immer laut erstaunt“. Oder laut erfreut?
Mein Schreibblock ist nach diesen Stunden jedenfalls mit Zeichnungen übersät, was sich durchaus proportional zum Spannungsgrad verhält. Auf dem Heimweg muss ich augenblicklich das Autoradio ausmachen; die Stimme des Sprechers attackiert mein Gehirn schmerzhaft, ich kann heute nichts mehr hören, was verlesen wird. Ob das das Ziel eines selbsternannten Sprachjongleurs ist?


Sarie Teichfischer - red. / 15. November 2005
ID 2126

Weitere Infos siehe auch: http://www.schaubuehne.com/






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