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Rezension

Jürgen Kleindienst (Hg.): Nichts führt zurück. Flucht und Vertreibung

29 Geschichten und Berichte von Zeitzeugen.
Zeitgut Verlag, Berlin - Stark erweiterte Auflage 2007 - 320 Seiten mit vielen Fotos, Bilddokumenten und Karten, doppelseitige Karte mit Vor- und Nachsatz, gebunden.
ISBN 3-86614-133-5 9,95 Euro


Der Zeitgut Verlag hat es sich zur wichtigen Aufgabe gemacht, authentische Dokumente deutscher Geschichte des 20. Jahrhunderts zu sammeln und dadurch vor dem Vergessen zu bewahren. Die von ihm herausgegebene Sammlung von Zeitzeugentexten umfasst den Zeitraum von 1914 bis 1989 – vom Ersten Weltkrieg über Drittes Reich, Zweiten Weltkrieg, Nachkriegszeit, Wirtschaftswunder, Deutschland diesseits und jenseits der „Mauer“, bis zur „Wende“ 1989. Diese Bücher mit Erinnerungen Betroffener sind unersetzlich, um die dramatischen Epochen unserer Geschichte lebendig zu erhalten und nachfolgenden Generationen begreiflich zu machen (z. B. im Geschichtsunterricht der Schulen).

Im vorliegenden Band sind Erinnerungen aus den Jahren 1944–1955 gesammelt, die sich auf Flucht, Vertreibung und Neuansiedlung am Ende des Zweiten Weltkriegs befassen. Diese Texte zu sammeln war auch höchste Zeit, denn die Menschen, die von den Ereignissen betroffen waren, sind inzwischen alt und werden bald nicht mehr als „Zeitzeugen“ zur Verfügung stehen. Ich selbst gehöre der „Kriegsgeneration“ an (geboren 1939 in Nordböhmen) und habe die Vertreibung im Frühjahr 1946 als 6-jähriges Kind bereits einigermaßen bewusst miterlebt. Später Geborene können sich wohl kaum mehr erinnern.

29 ZeitzeugInnen lassen uns in „Nichts führt zurück“ an ihren Erinnerungen teilnehmen. Sie gehören überwiegend den 1920er und 1930er Jahrgängen an. Altersmäßig aus dem Rahmen fallen die beiden Ältesten – Jahrgang 1897 und 1913 -, die beide verstorben sind. Die jüngste „Zeitzeugin“ ist 1942 geboren. Alle stammen aus den ehemals von Deutschen besiedelten Ostgebieten Pommern, Danzig, Ost- und Westpreußen und Schlesien – meine Heimat, das „Sudetenland“, ist leider nicht vertreten.

Beim Lesen der gerade wegen ihrer schlichten und ungekünstelten Sprache ergreifenden Berichte dieser Menschen, die damals Kinder oder Jugendliche waren, sind mir immer wieder die Tränen gekommen: Erinnerungen an eigene Erlebnisse wurden wach. Es waren Kinder, die durch die Folgen eines wahnwitzigen Krieges ihrer Kindheit beraubt wurden. Anstelle von sorglosem Spiel und geschütztem Erkunden der Welt waren sie bei Flucht und Vertreibung Gefahren ausgesetzt, die sie zum Glück oft noch nicht ganz verstanden haben. Sie haben gehungert und gefroren. Manche mussten nach dem Tod der Eltern für jüngere Geschwister sorgen. Statt in die Schule zu gehen, arbeiteten sie gegen Naturalien in der Landwirtschaft. Wie anders wäre mancher Lebensweg in geordneten Verhältnissen verlaufen! Denn mit Flucht oder Vertreibung waren ja die Leiden noch längst nicht zu Ende: In der „neuen Heimat“ wurde man nicht unbedingt freundlich aufgenommen und musste in einem Klima von Misstrauen und Feindseligkeit bei Null anfangen, sich neue Lebensgrundlagen schaffen. Doch oft wurden durch all diese Widrigkeiten ungeahnte Kräfte und Fähigkeiten freigesetzt, die zu erstaunlichen Entwicklungen führten.

Niemand scherte sich um die Traumata, die diese Kinder von damals davontrugen. Erst jetzt ist man langsam so weit, sich über die „Kriegskinder“ Gedanken zu machen und spätere Verhaltensweisen mit den frühen Erlebnissen in Zusammenhang zu bringen. Heute sind sofort Psychologen zur Stelle, die sich um die Menschen kümmern, die Unfälle oder sonstige Katastrophen hautnah miterleben mussten. Wer hat die Kinder damals betreut und ihnen geholfen, all die Schrecknisse zu verarbeiten? Die Starken haben es überlebt – sind vielleicht sogar daran gewachsen. Doch um welchen Preis?

Deshalb sind „Zeitzeugentexte“ wie das vorliegende Buch so wichtig: Sie sollen helfen, dass die Erinnerung an diese schrecklichen Zeiten lebendig bleibt und nicht verloren geht. Vielleicht lassen sich dann Katastrophen wie die beiden Weltkriege und ihre Folgen in Zukunft eher vermeiden – falls die Menschen irgendwann einmal in der Lage sein sollten, aus ihrer Geschichte zu lernen!




Armgard Dohmel - red. / 13. Juni 2007
ID 00000003291


Siehe auch:
http://www.zeitgut.com





 

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