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Rezension

Wolfgang Herles - "Die Dirigentin"

Roman
S. Fischer, 2011
ISBN 978-3-10-033187-8


Entsprechend dem Leitmotiv der Rheingoldoper von Richard Wagner dreht sich das zentrale Thema des Romans Die Dirigentin von Wolfgang Herles um Macht und Liebe. Und angelehnt an den vier Szenen der Oper ist auch der Roman in vier Teile gegliedert, die vorangestellt immer ein Zitat aus den einzelnen Szenen des Rheingolds beinhalten.

Der Protagonist Stein, Staatsminister a. D., wurde von der bis dahin von ihm geschätzten Kanzlerin entmachtet. Enttäuscht, ihr Vertrauen verloren zu haben und enttäuscht darüber, nicht mehr im Amt zu sein, flüchtet er sich in seine Leidenschaft - die Musik.

Er besucht die Oper in Salzburg und wird dort auf die berühmte Dirigentin Maria Bensson aufmerksam. Da er Gefallen an ihr gefunden hat, lässt er nichts unversucht, sie kennen zu lernen. Nach einem Auftritt der Dirigentin reiht er sich ein in die Runde ihrer Bewunderer und gratuliert ihr zur gelungen Aufführung. Ab diesem Zeitpunkt drehen sich seine Gedanken immer mehr um Maria Bensson. Er reist ihr nach bis nach Milano und träumt von einem Leben mit ihr. Er sieht sich in der Rolle ihres Vertrauten, ihres Geliebten und ihres Agenten. Vor allem die Rolle des Geliebten nimmt ihn mehr und mehr gefangen. Auch deswegen, weil es ihm gelingt, mit der Dirigentin eine für ihn (!) bedeutende Beziehung aufzubauen.

Was die Dirigentin Maria Bensson von ihm denkt, was sie überhaupt denkt, erfährt der Leser nur über E-Mails die sie an eine Frau richtet, die sie mit „Leilah, ma chérie“ anspricht. Eine Antwort von Leilah bleibt dem Leser jedoch verwährt.

Gewöhnt daran, dass er ihr nachreist, und mit dem Wissen, dass er Staatsminister ist, lässt sich Maria Bensson immer öfter von ihm einladen. Im Gegenzug hierfür gibt sie ihm Einblicke in das Leben einer Dirigentin. Steins Schwärmereien für diese Frau, die seine Leidenschaft für Musik teilt und die es in scheinbar müheloser Art versteht, ein Orchester zu beherrschen, nehmen immer mehr zu. Fast pubertär, vielleicht aber auch aus mangelnder Fähigkeit mit Frauen umgehen zu können, versucht er Maria Bensson für sich zu gewinnen. Er schickt ihr Nachrichten auf ihr Handy und kann Stunden damit zubringen, auf Antwort von ihr zu warten und sich seinen Fantasien hingeben. Die Wahrheit will er - ein von Liebe Betrunkener - aber nicht sehen.

Als er von ihrem neuen Projekt, die Oper Rheingold zu dirigieren, erfährt und er von ihr eingeladen wird, den Proben beizuwohnen, wird er immer mehr in den Sog dieser Frau gezogen. Die Dirigentin, vorgeblich unzufrieden mit der Inszenierung, vertraut Stein ihre Bedenken an. Was er nicht erkennen will, ist, dass Maria Bensson einen ehrgeizigen Plan hat. Sie will an die Macht und hierfür scheint ihr jedes Mittel recht. Sie bittet ihn daher, dass er sie der Kanzlerin vorstellt. Obwohl Stein, zumindest dem Anschein nach, mit der Kanzlerin abgeschlossen hat, kann er ihr diesen Gefallen nicht verwähren und ermöglicht ein Zusammentreffen. Was ihn dabei allerdings erwartet, kommt einer zweiten Entmachtung gleich, mit der er nicht gerechnet hat.

*


In dem Roman Die Dirigentin hat es der Leser mit Charakteren zu tun, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Trotzdem haben sie aber vieles gemeinsam. Die Kanzlerin, namens Böckler, wird aus der Perspektive Steins dargestellt. Berechnend, unterkühlt und zu allem aber auch zu nichts bereit, wenn es sein muss. Begehrenswert an ihr ist für Stein die Macht, die sie ausübt. Ihre weibliche Seite ist für Stein quasi nicht vorhanden. Allein die Vorstellung, sie als Frau wahrzunehmen, lässt ihn schaudern. Maria Bensson scheint für Stein das Gegenstück zu sein. Für ihn ist sie intelligent und klug, mit einem Sinn für das Schöne und einem gewissen Sexappeal durch ihre Berühmtheit. Dass sie Eigenschaften besitzt, die der Kanzlerin sehr ähnlich sind, sieht er nicht. Stein, entmannt durch den Machtverlust (vollzogen von einer Frau), ist sich seiner selbst bis zum Schluss nicht bewusst. Er deutet jede Begebenheit, gleich ob es die Vergangenheit oder Zukunft betrifft, falsch. Die müden Augen werden ihm erst im letzten Teil der vierten Szene des Rheingolds geöffnet.

Wolfgang Herles hat mit der Dirigentin einen Roman geschaffen, der mit dem Protagonisten mitfühlen lässt, aber auch an dessen Realitätssinn zweifeln lässt. Die Themen Macht und Liebe wurden gut miteinander verbunden, Politik und Musik aber nur am Rande gestreift.


Andrea Tagschütz - red. 13. Juli 2011
ID 5282
Wolfgang Herles - "Die Dirigentin"
Gebunden, 240 S.
S. Fischer Verlag
ISBN: 978-3-10-033187-8
€ (D) 18,95 | € (A) 19,50 | SFR 27,50



Siehe auch:
http://www.fischerverlage.de


Post an die Rezensentin andrea.tagschuetz@kultura-extra.de



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