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Rezension

"Paris - Eine literarische Einladung"

Hrsg. von Karin Uttendörfer und Annette Wassermann
Mit Illustrationen von Franziska Neubert
Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2007
Rotes Leinen, Fadenheftung (SALTO Nr. 145)
144 Seiten
15,90 Euro [D] / 16,40 Euro [A] / 28,50 sFr

ISBN: 978-3-8031-1244-6


Und der Himmel ist grau

Paris also. Paris? Es soll Menschen geben, die die Hauptstadt Frankreichs noch niemals zu Gesicht bekommen haben. Und doch haben sie alle eine Vorstellung von Paris – frei nach Kurt Tucholsky, der seinem Pyrenäenbuch ein Zitat von Richard Dorgelès vorangestellt hat, laut dem wir alle der festen Überzeugung sind, daß der Himmel über den Tropen von einem tiefen Azurblau ist – auch wenn er in Wirklichkeit grau ist. Das Grau verschwindet hinter dem Blau der Vorstellung.
Wollen wir wirklich wissen, was oder wie Paris ist? Nein, denn unsere Träume und Sehnsüchte sind uns heilig. Aber wenn man uns nun schon so eine schöne Handreichung gibt wie den jüngsten Band aus der roten SALTO-Reihe des Berliner Verlags Klaus Wagenbach, der eine „literarische Einladung“ nach Paris verspricht?

Noch bevor wir das Büchlein aufschlagen, können wir uns ganz dem Illusionsraum hingeben, der sich bei der Erwähnung der französischen Hauptstadt auftut: auf dem Einbandfoto steht der nächtliche Eiffelturm festlich erleuchtet neben der dunklen Seine, in der sich die schimmernden Lichter der Stadt spiegeln. Die zu Spuren gezogenen Rücklichter der Autos im Vordergrund verraten eine effektvolle Langzeitbelichtung. Der Himmel ist wirklich blau, denken wir selig – und beginnen endlich zu lesen.
Das Schöne an literarischen Texten ist ja: sie lassen sich zwar wohl aufbereitet und, in unserem Fall, mit hübschen Illustrationen von Franziska Neubert versehen zwischen die formschönen Deckel einer Paris-Anthologie zwingen und auch vermarkten –, aber wenn man sie liest, entziehen sie sich. Dann haben sie ihren eigenen Dickkopf. Dann stellt man fest, daß in den Beiträgen zeitgenössischer französischer Autoren, aus denen der Band besteht, vor allem Straßen und Örtlichkeiten im Vordergrund stehen. Bisweilen geht es sogar nur um einzelne Häuser wie in Patrick Modianos kurzem Text, der einer Suchanzeige von 1941 in der Nähe der Porte de Clignancourt nachhängt, oder um kleine Stadtviertel wie Didier Daeninckx’ Belleville, das seine vorstädtischen Konturen im Geflecht der Straßen des 20. Arrondissements im Laufe der Zeit immer mehr zu verlieren scheint. Und man wird – wohlformuliert natürlich! – dazu gezwungen, sich diesen Raum selber zu erschließen.
Der eigentliche Tenor der vielen melancholischen Stadtspaziergänge, aus denen weite Teile des 144 Seiten starken Bändchens bestehen, ist denn auch das Baudelairesche „Paris change!“, der immerwährende Übergang einer Stadt von einer Epoche in die nächste, der sich innerhalb eines Autorenlebens reflexiv ermessen läßt. Melancholisch sind diese Beiträge nicht per se, doch oftmals liefert die beschriebene Szenerie genügend rätselhaftes Material, so daß sich besagte Wirkung einstellt. Und noch eine Entdeckung: dieses Material findet sich vor allem an den Rändern der Stadt. Ob es Absicht war oder nicht, Fakt ist, daß weniger die unmittelbare, von Baron Haussmann Ende des 19. Jahrhunderts kahlgeschlagene Innenstadt in den Blick des Lesers rückt als der Pariser Norden und Osten. Mit Jean Rolin etwa lassen wir unweit des nördlichen Périphérique die Gegensätze des Boulevard Ney voll auf uns wirken – einschließlich des Freudentaumels um die gewonnene Weltmeisterschaft von 1998. Mit Eric Hazan gelangen wir weiter in den 18. Stadtbezirk hinein, in dessen Herz das legendäre Montmartre liegt, das in der minutiösen Beschreibung von Hazan wie ein kleiner Kosmos in sich erscheint. Dabei stolpert man vielleicht über eine winzige Straße, in der man selber mal ein kleines Hotel bewohnt hat, und möchte plötzlich alles wissen, im Idealfall mit dem Stadtplan auf den Knien.
Daß hinter der Auswahl und Abfolge der Texte eine gewisse geographische Absicht steckt, bemerkt man übrigens bei genauerer Inspektion des Inhaltsverzeichnisses. Es ist nicht nur die besondere Mischung aus Autobiographie und Reportage, aus Fiktion und flânerie, die das Buch zusammenhält. Da findet sich ein verschwitztes Houellebecq-Gedicht neben Véronique Olmis feinfühliger Betrachtung eines Paares, das im Jardin du Luxembourg im Regen steht. Sogar der Liedtext von „Les Champs-Elysées“, des berühmten Gassenhauers von Joe Dassin, ist den Herausgeberinnen ein paar Seiten wert – er gehört eben dazu. Auch steht Jacques Roubauds humoristisch-absurdes Prosagedicht „Die Pariser Arrondissements“ nicht von ungefähr am Beginn der Anthologie. So wie sich die 20 Stadtbezirke schneckenhausförmig von der Ile de la Cité zu den Rändern hin ausbreiten, kommt das Bändchen einem großangelegten Spaziergang gleich. Er beginnt auf der rive gauche im mondänen Viertel Saint-Germain südlich der Seine und erstreckt sich im Uhrzeigersinn über die nördlichen Bezirke, bis er nach unzähligen Abstechern, Zickzackrouten und auch einigen – ortlosen? – Metrofahrten wieder ungefähr dort endet, wo es losging.
Problematisch bei solcherart Textsammlungen, die ihre Substanz vor allem aus der Magie des Ortes ziehen, ist freilich, daß das Bändchen für Paris-Unkundige weniger eine, par exemple, Fibel für Verliebte darstellt – das freilich auch, und man kann sich herrlich mit Anna Gavalda von einem soignierten Herrn beinahe verführen lassen – als eine Kollage aus lauter Orts- und Straßennamen. Aber selbst die haben ja so ihren Reiz, für Stadtplanprofis erst recht, und manche Autoren, besonders die experimentierfreudigen Anhänger der „Werkstatt für potentielle Literatur, kurz OuLiPo, machen aus der Not eine Tugend. Wer also den Leitfossilien der Touristenstadt mißtraut und sich nicht mit Sébastien Lapaques „Sturm auf den Eiffelturm“ zufrieden geben will, kann sich immer noch von Georges Perec eine Aufstellung der bedeutungslosen Vorkommnisse auf der Place Saint-Sulpice an einem Oktobertag des Jahres 1974 geben lassen oder mit Raymond Queneau Stilübungen in einem Autobus der Linie S an der Gare Saint-Lazare machen.
Obwohl in den Pariser Quartiers schon fast sprichwörtlich eine ganze Welt zuhause ist, so ist es doch schade, daß sich die Auswahl der Texte auf das eigentliche Paris in den Grenzen des Départements „Seine“ beschränkt. Ein bißchen Aufmischung von den Rändern jenseits des Autobahnrings her hätte der Sammlung gut getan. Die Perspektive des arabischen oder afrikanischen Paris etwa findet sich nirgends. Wo wohnen all die Zugezogenen aus dem krisengeschüttelten Nachkriegs-Frankreich mit seinem zerfallenden Kolonialreich, die den Großteil der 9 Millionen Einwohner der Metropole ausmachen, wenn nicht in der banlieue? Wenn auch diese auf der einen Seite inzwischen vielfach zum sozialen Brennpunkt geworden ist, – wo ließe sich andererseits eine trefflichere Vorstadtödnis à la petit bourgeois finden als in dem von Emmanuel Bove verewigten Bécon-les-Bruyères?

Dennoch – eine gelungene „literarische Einladung“, eben weil sie nicht zuviel auf einmal will. Sie zieht die Aufmerksamkeit des Lesers auf sich, aber es bleibt ihm überlassen, ob er Michel Tourniers Hotelgeschichten von der Ile Saint-Louis oder Marguerite Duras’ zwinkeräugige Minireportage über „Tourismus in Paris 1957“ für bare Münze hält oder nicht. Als Panoptikum en miniature taugt dieses SALTO allemal – man könnte auch sagen: der Himmel darin ist ziemlich grau. Wer hingegen nach der Lektüre noch immer von einem blauen Himmel schwärmt, nun, der muß es wohl mit den Augen haben.


p.w. – red. / 24. April 2007
ID 00000003183


Siehe auch:
http://www.wagenbach.de





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