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Rezension

Stefan Volk - "Skandalfilme - Cineastische Aufreger gestern und heute"

Schüren Verlag, 2011
ISBN 978-3-89472-562-4



Kino wider die Tabus

Das Filmbuch Skandalfilme lässt die größten Aufreger der deutschen Kinogeschichte Revue passieren


„Ein Christ, der diesen Film besucht, auch wenn er glaubt, es ohne unmittelbare Gefahr für seine persönliche sittliche Unversehrtheit tun zu können, gibt Ärgernis und macht sich mitschuldig an einer unverantwortlichen Verherrlichung des Bösen.“ - Klare Worte des früheren Kölner Erzbischofs Joseph Kardinal Frings über den deutschen Kinofilm Die Sünderin in einem auf den 28. 2. 1951 datierten und „alsbald nach dem Empfang von allen Kanzeln in der Erzdiözese“ zu verlesendem Mahnwort. Ein kurzer Blick der Kamera auf die nackte Hildegard Knef, vor allem aber die Darstellung von Prostitution als kurzfristigem Ausweg aus den finanziellen Engpässen der Titelheldin sowie Selbstmord und Hilfe bei der Selbsttötung am Ende des Melodrams hatten kurz zuvor den größten Kulturskandal der bundesdeutschen Nachkriegszeit ausgelöst. Kinobetreiber wurde von Gläubigen bedroht, Blockaden veranstaltet und Kinos verwüstet. Alles wegen eines 3-Sekundenschwenks über einen blanken Busen. Das waren noch Zeiten!

Das Beispiel Die Sünderin, inszeniert vom ehemaligen Ufa-Star Willi Forst, der durchaus provozieren wollte, darf in einem Buch über Skandalfilme natürlich nicht fehlen. Anhand dieses und vier Dutzend anderer Einzelbeispiele aus rund hundert Jahren Filmgeschichte zeigt der Filmhistoriker Stefan Volk anschaulich, warum und wie in der Vergangenheit um moralische und sittliche Werte gerungen wurde. Volk ergänzt die teils ausführlichen Beispielbeschreibungen mit Zitaten aus zahlreichen zeitgenössischen Kritiken sowie mit kurzen filmgeschichtlichen Abrissen, was sich zu einem kurzweiligen Überblick über 100 Jahre Kultur- und Sittengeschichte Deutschlands zusammenfügt. Bei allem Unterhaltungswert macht der Rückblick oft nachdenklich, wenn deutlich wird, mit welcher Vehemenz (und auch strafrechtlich relevanten Mitteln) für und gegen Skandalfilme gefochten wurde.

Ausschreitungen und Handgreiflichkeiten waren am Ende der Kaiserzeit und während der Weimarer Republik an der Tagesordnung, als neben sittlichen Themen vor allem politische Themen für Skandale sorgten, sei es wegen vermeintlicher Verunglimpfung der Wehrmacht (Im Westen nichts Neues, 1930 von Lewis Milestone), angeblicher Verherrlichung der Monarchie (Fredericus Rex, 1922 von Arzen von Cserépy) oder kommunistischer Propaganda (Panzerkreuzer Potemkin, 1925 von Sergej Eisenstein). Nicht nur mit Verbotsanträgen bei den beiden zuständigen staatlichen Oberprüfstellen (München, Berlin), sondern auch mit Demonstrationen und Kinobesetzungen versuchten die jeweiligen politischen Gruppen die Aufführungen zu verhindern. Beispiele aus der nationalsozialistischen Diktatur lässt der Autor außen vor, denn „Skandalfilme erfordern ein Mindestmaß an Meinungsfreiheit“ – und was den Nazis als Skandal galt, wäre in der Tat ein Werk für sich. Als Beispiel für politische Zensur und Skandalisierung nennt Autor Volk stattdessen einen (Quoten-?)Film aus DDR-Produktion: Frank Beyers mit einer kräftigen Portion galliger politischer Satire angereichertes Melodram Spur der Steine stellte die Mängel im Sozialismus so offen dar, dass Claqueure von der Staatspartei SED einen Skandal herbeiführten, um den Film quasi als ruhestörend verbieten zu können. Die im bestellten Tumult untergegangene Premiere des Films im Berliner Kino International ließ Regisseur Beyer erschaudern, der solche Aufwiegelung mit Nazitum assoziierte.

„Klassische“ filmische Skandalthemen über alle Epochen hinweg waren die Darstellung von Sexualität (Ekstase, 1933 von Gustav Machatý; Die Zeit mit Monika, 1953 von Ingmar Bergman; Im Reich der Sinne, 1977 von Nagisa Oshima; Lolita, 1997 von Adrian Lyne) und insbesondere Homosexualität (Anders als die Anderen, 1919 von Richard Oswald; Die Konsequenz, 1977 von Wolfgang Petersen) sowie Gewalt (Peeping Tom, 1959 von Michael Powell; Funny Games, 1997 von Michael Haneke) – gerade auch dann, wenn die Filme besondere formale Qualitäten besaßen und die bürgerlichen Schichten erreichten. So erklärt sich auch, dass nach der allgemeinen Liberalisierung bei der Spruchpraxis der FSK (Freiwillige Selbstkontrolle), die die staatliche Filmzensur ersetzte, 1970 lange und heftig über Bergman-, Bertolucci- oder Pasolini-Filme gestritten wurde und weniger über die zahllosen Hausfrauenreport- und Lederhosen-Schundfilme, die quasi die von den liberaleren FSK- und Gesetzesvertretern geöffnete Tür in ihrem (kommerziellen) Sinne nutzten: „Einen davon zu akzeptieren, hieß sie alle hinnehmen“, schreibt dazu der Buchautor: „Widerspruch erdrückten sie mit ihrer schieren, konturlosen Masse. Man konnte sie nur en gros verdammen oder musste vor ihnen die Waffen strecken.“

Beim Durchblättern von Volks Buch fällt auf, dass die Marginalisierung des kirchlichen Einflusses auf die Freigabepraxis von Filmen keineswegs dazu führte, dass Filme mit religiösen Themen oder Bezügen keine Aufregung mehr provozieren konnten – im Gegenteil: Gerade die Adaptionen der Heilsgeschichte, Die letzte Versuchung Christi (Martin Scorsese, 1988), Passion (Mel Gibson, 2004) und sogar der assoziative und schwer zugängliche Maria und Joseph des französischen Enfant terrible Jean-Luc Godard (1985), sorgten für die größten Skandale in den 1980er und 90er Jahren – Godards Film wurde übrigens erst nach einem persönlichen Verdikt durch Johannes Paul II. in Radio Vatikan ‚verdammt‘. Die innerhalb der Kirchen viel debattierte Frage, wie viel Freiheit bzw. Fiktion bei der Darstellung biblischer Figuren und Themen erlaubt ist – die in ähnlicher Weise auch alle anderen Darstellungen historischer Ereignisse betrifft – verweist auf die unmittelbare, bisweilen manipulative Macht der (Leinwand-)Bilder, die Menschen immer wieder fasziniert und fürchten lässt.

Eine ganz zeitgemäße, multimediale Perspektive über den Einfluss von Filmen auf DVD und im Internet hätte man sich bei Volk gerne noch gewünscht, der ansonsten ein aufschlussreiches und um argumentative Ausgewogenheit bemühtes Nachschlagewerk vorgelegt hat, dessen größtes Manko das zu kleine Schriftbild ist.

Max-Peter Heyne - red. 27. Juli 2011
ID 00000005299
Stefan Volk - "Skandalfilme - Cineastische Aufreger gestern und heute"
Schüren Verlag, 2011
ISBN 978-3-89472-562-4
Paperback
320 S., zahlreiche Abb.
24,90 €



Siehe auch:
http://www.skandalfilm.net


E-Mail an den Rezensenten Max-Peter Heyne



 

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