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Rezension

Andrzej Stasiuk - "Unterwegs nach Babadag"

Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall
Suhrkamp Verlag, 2005
Gebunden, 303 Seiten
22,80 Euro [D] / 23,50 Euro [A] / 41,00 sFr
ISBN 3-518-41727-4


Einen Ort für die Unendlichkeit finden

Wo, so ließe sich zu Beginn fragen, wo um alles in der Welt liegt Babadag? Die Antwort wäre wohl verhältnismäßig einfach, wenn man einen Atlas zur Hand nähme und das Mündungsgebiet der Donau genauer inspizierte. Der polnische Schriftsteller Andrzej Stasiuk widmet der Antwort in seinem kürzlich im Suhrkamp Verlag erschienenen Buch "Unterwegs nach Babadag" genau dreihundert Seiten, und doch ist am Ende nicht ganz klar, wie sie lautet.
In jeder einigermaßen gut sortierten Buchhandlung wird einem in der Reiseecke suggeriert, daß Reisen ein Ziel hat - ohne dieses Ziel hätten nämlich auch die Bücher im Regal keinen rechten Ort. Andererseits würde ein guter Buchhändler Stasiuks Buch wohl nicht in die Reiseecke stellen. Und so beschleicht einen beim Aufschlagen des Buches das Gefühl, daß es im Titel weniger auf den ein bißchen nach Tausendundeiner Nacht klingenden Ort als auf das Wörtchen "Unterwegs" ankommt. Ja, daß Babadag eine Chiffre ist für das Nirgendwo, in das jeder beim Aufbruch in die Welt geworfen wird, indem er den Weg zum Ziel erhebt.
Wenn eine - vorsichtige und sehr allgemeine - Bestimmung von Kunst ist, etwas mit der größten Selbstverständlichkeit zu tun, was keinem ersichtlichen Zweck dient, etwa zu reisen, ohne irgendwo anzukommen, dann ist Stasiuk als Künstler anzusprechen. Und seine Kunst besteht darin, scheinbar ohne Motivation und Absicht durch die geographisch wie mental abgelegenen Gebiete Ost- und Südosteuropas, fern der Metropolen, zu reisen - und darüber zu berichten.
Kontinuität des Zerfalls

In "Unterwegs nach Babadag" ist eine Auswahl seiner Berichte von den endlosen Fahrten durch die östliche Slowakei, die ungarische Puszta und die Theißebene, durch die vor sich hin rottenden Industriegebiete Nordrumäniens und das von den Sachsen verlassene Siebenbürgen versammelt. Wer von dem Buch allerdings aufregende Berichte, illustrative Landschaftstableaus oder informative Reisetips erwartet, wird wohl schon durch das immer wieder bekundete Interesse enttäuscht werden, sich von den glanzvollen Aufbauleistungen fernzuhalten, welche die früheren Ostblockstaaten Mitteleuropas als Zeichen ihrer Anschlußfähigkeit gerne hervorheben. "Alles, was neu ist, erinnert an einen Film und hat nichts mit dem zu tun, was war", schreibt Stasiuk in dem rund 100 Seiten langen Essay, der dem Buch den Titel gab. "Deshalb ziehe ich das Alte vor und wähle den Zerfall, dessen Kontinuität nicht zu unterschätzen ist."
Allerdings kann sich, wer Stasiuks vorangegangene Bücher, die sich mit dem Thema Reisen beschäftigen, kennt, auf eine schöne Fortsetzung freuen. In "Die Welt hinter Dukla" (Suhrkamp 2000), einer Art Gedankenbilderbuch über die Beskidenregion am nördlichen Karpatenrand, wo der gebürtige Warschauer seit 20 Jahren lebt, war es noch die eigene Lebensumgebung, der er ihre Schönheit durch langsame und lakonische Landschaftsbetrachtungen entlocken wollte. Das Substrat seines "Logbuchs" in dem gemeinsam mit Juri Andruchowytsch verfaßten Manifest "Mein Europa" (2004, edition suhrkamp Nr. 2370) stellten bereits ausgiebige Erkundungen der Slowakei dar, aus denen er eine in althabsburgischen Geist und ein zeitgemäßes Mitteleuropadenken getauchte "Geopoetik" ableiten wollte.
Inzwischen scheint ihm - geographisch wie "geopoetisch" - Rumänien eine Herzensangelegenheit geworden zu sein. Mehrere kürzere Berichte im ersten Teil des Buches beschäftigen sich mit Aufenthalten in Siebenbürgen, den Karpaten, dem Donaudelta. Es sind zunächst verhältnismäßig kurze Texte, für die das Etikett "Reiseimpressionen" noch immer zu weit griffe. Lineare Weg- oder Ereignisbeschreibungen gibt es hier nicht, vielmehr wachsen die Orte plötzlich mitten aus der Erinnerung - Straßenkreuzungen, Friedhöfe, eine Nacht in einem schäbigen Hotel, zahllose gerauchte Zigaretten, geleerte Schnapsgläser und Kaffeetassen hinterlassen auch beim Leser ihren Nachgeschmack. Und so verstärkt sich allmählich die Ahnung, daß die von Stasiuk gezeichneten und durchlebten Landschaften in ihrer existentiellen, fast brutalen Nüchternheit nicht wirklich faßbar sind.
Nur ein Vorwand

Es wimmelt nur so von schneebedeckten oder staubigen Dörfern, in denen der Autor sich mit seinen gelegentlichen schattenhaften Reisegefährten etwa auf die Suche nach dem Grab eines polnischstämmigen Bauernführers macht. "Ich hatte hier und da herumgefragt, denn ich brauchte einen Vorwand, um ans Ende der Welt zu fahren." Was er dort, in dem kleinen bukowinischen Dörfchen Vicsani finden wird, ist letztlich egal, "denn während der Reise verwandelt sich Geschichte unablässig in Legende".
Emil Cioran, der rumänische Dichter, der die meiste Zeit seines Lebens in Frankreich lebte, ist ein anderer Kompagnon für Stasiuk; zumindest in Zitaten begleitet er ihn bei seinem Besuch im Geburtsort Rasinari. Man merkt hier ganz nebenbei auch, daß viele der Texte, aus denen sich der erste Teil des Buches zusammensetzt, für Zeitschriften und die Feuilletons von Zeitungen verfaßt wurden - in Deutschland sind sie vor allem in der FAZ und der Süddeutschen Zeitung erschienen.
Doch die verwunderte Frage nach dem Sinn, nach der künstlerischen Absicht von Stasiuks Reisetexten bleibt bestehen. Nein, es geht ihm nicht um Rumänien als ein bestimmtes, von der Moderne verlassenes Land, um Orte wie Sinistra, Rasinari oder Baia Mare. Ausgiebig beschreibt er in seiner "Reise über Ostungarn in die Ukraine" das Fahren in alten ungarischen Zügen, die nach unergründlichen Fahrplänen die ungarische Tiefebene durchmessen. Orte wie Gönc oder Tokaj tauchen auf, werden rätselhaft genau in einer Morgen- oder Abendstimmung beschrieben, werden auch in anderen Texten immer wieder erwähnt und werden so zu einem festen Bestandteil von Stasiuks Kosmos.
Das Flüchtige festhalten

Dann wieder ist der Autor mit seinem Wagen unterwegs. Eben noch in der Slowakei begegnen wir ihm im nächsten Satz in Ungarn oder Siebenbürgen wieder, die Empfindungen bleiben, nur die Namen der Weine, Schnäpse und Zigaretten ändern sich - Tokajer, Körte Palinka, Ciuc, Carpati, Tirana. Das Erleben, das in jedem Satz steckt, ist naiv und kindlich, und zugleich wirken die Dinge, die Städte und die Menschen in der trägen Gleichmut ihrer Verrichtungen so alt wie die Welt selber.
Es ist nicht die Absicht von Andrzej Stasiuk, seine Leser irgendwo hinzuführen, ihnen irgendetwas vorzugaukeln. Die Texte setzen dort ein, wo die flackernde Erinnerung des Autors eine Zäsur setzt. Längere erzählerische, von einer Parabel gelenkte Passagen wie die Begebenheit mit einem hilfsbereiten rumänischen Taxifahrer sind eher die Ausnahme. Wieder und wieder, so scheint es, rennt Stasiuk gegen die unhintergehbare Tatsache an, daß jeder Augenblick, jedes Ding, das er zu fassen versucht, sich wieder verflüchtigt. Und so halluziniert er an einer Stelle für diese Dinge ein "Reservat" - einen "Naturpark, auf den das ewige Licht fällt". Denn "mein Herz stirbt, sobald ich etwas aus den Augen verliere, sobald etwas hinter der Kurve oder in der Dunkelheit verschwindet, und ich kann mich nie von dem Gedanken befreien, daß es für immer untergegangen ist und ich der einzige war, der es gesehen hat".
An einer Stelle wird beschrieben, wie Stasiuk und seine Begleiter eine Runde von Zigeunern in einer bestimmten Vorabendstimmung fotografieren wollen. Doch über den Verhandlungen über die Vergütung für das gestellte Foto - Zigaretten oder Geld - ist die Sonne verschwunden, das Foto nicht mehr möglich. Auf Zigeuner (der Autor ist kein Mann politischer Korrektheit) trifft man bei Stasiuk häufig. Das mag daran liegen, daß in den von ihm bereisten Ländern viele Roma leben. Doch bedeuten sie mehr für ihn, ja er sucht regelrecht nach ihnen, da sie dem allgegenwärtigen Zerfall, in dem sie leben, mit Desinteresse, ja Verachtung begegnen - wie die Kühe, die er auf den verseuchten Wiesen von Baia Mare weiden sieht.
"Siebzig Jahre für die Katz"

Als wollte er sein Buch mit irgendetwas krönen, finden sich unter den Texten auch zwei Miniaturen über einen Besuch in Albanien und in Moldawien - wohl die Länder, die in ihrer postsowjetischen Nischenexistenz dem gegenwärtigen Europa, dessen Teil sie sind, am exotischsten erscheinen. Hier wirkt Stasiuks ästhetisches Programm des sinnlosen Reisens am plakativsten, und trotzdem findet er einen Ton, der enthüllt, aber nicht bloßstellt. Etwa wenn er die verzweifelte Gastfreundschaft einer Familie in einem moldauischen LPG-Dorf beschreibt, in dem es nichts gibt als Ödnis, völlig ohne Illusionen. "Baurci war das wahrhaftige Ende der Revolution. So sah es aus. Es war nichts Brauchbares geblieben, nichts, was irgendeinen Wert gehabt hätte. Siebzig Jahre für die Katz."
Albanien erscheint dagegen auch fünfzehn Jahre nach dem Ende des Ostblocks noch immer als hermetisch abgeschlossenes Land, das der langjährige Diktator Enver Hoxha mit einem Kordon aus sechshunderttausend Betonbunkern gegen den Rest der Welt abschotten ließ. In ihrem Schatten stehen die heruntergekommenen Städte, die vom Tourismus vergessenen Kastelle. Mit Karl May hat das alles nichts mehr zu tun. Als das "Unbewußte unseres Kontinents" bezeichnet Stasiuk Albanien und schlägt vor, daß alle, die sich Europäer nennen wollen, dort hinfahren sollten - als eine Art "Initiationsritus".
Es geht immer weiter

Wo liegt nun aber Babadag? Es ist nicht von der Hand zu weisen: Stasiuk bleibt uns die Antwort auf diese Frage schuldig. Es gibt Stellen, da wirkt das Buch wie eine große Kollage aus Namen - Babadag, Tulcea, Sulina, Sfîntu Gheorghe: Alles Orte, an denen etwas hängt, was jedoch kaum richtig beim Leser ankommt, da geht es schon weiter, mit Bus, Bahn oder Boot, eine neue Impression verdrängt die vorangegangene, oder es taucht ein noch skurrilerer Typ auf, mit dem es an der Zeit ist, wieder einen Kaffee oder einen Schoppen zu trinken.
Manchmal hat es den Anschein, als habe Stasiuk panische Angst davor, zum Punkt zu kommen. Das ermüdet. Und doch ist "Unterwegs nach Babadag" nichts anderes als der Ort, in dem die "Angst", von der der Autor gleich zu Beginn schreibt, die "Furcht vor der Unendlichkeit" eingehegt ist. Und ganz nebenbei stellt das Buch eine Fundgrube für Gedanken und Aphorismen des Unterwegsseins dar.
Wer nach der Lektüre noch immer nach Babadag sucht, mag nun endlich den Atlas zur Hand nehmen. Oder er macht sich gleich selber auf den Weg.


p.w. – red. / 5. Januar 2006
ID 00000002189


Siehe auch:
http://www.kultura-extra.de/literatur/literatur/rezensionen/rezension_mein_europa.php




 

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