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Rezension

Lale Akgün - „Der getürkte Reichstag - Tante Semras Sippe macht Politik“

S. Fischer 2010
ISBN 978-3-8105-0121-9


Die Psychologin und Autorin Lale Akgün ist die erste Person türkischer Abstammung, die ein Direktmandat für den Deutschen Bundestag bekam. Die SPD-Politikerin war von 2002 bis 2009 Ministerin des Bundes für ihren Wahlkreis im Kölner Südwesten. Normalerweise schreibt sie wissenschaftliche Abhandlungen über Migration und Integration, in ihrem unterhaltsamen Buch „Der getürkte Reichstag“ nimmt sie aber das teils absurde Leben im Deutschen Bundestag humorvoll aufs Korn. Dazu gehören die Geheimnisse der „Kleiderordnung“, die die Parteizugehörigkeit schon von weitem signalisieren und für die Lale Akgün eigentlich immer zu schick gekleidet ist. Das gehört sich nicht für eine volksnahe Genossin, glauben die Genossen. Häufige Besuche in Gaststätten und hoher Bierkonsum sind „Wahlkreispflege“ und für die Wahl und hoffentliche Wiederwahl unerlässlich, so bringt man ihr es bei. Dumm nur, wenn man keinen Alkohol verträgt.

Lale Akgün kommt 1962 als Neunjährige mit ihren Eltern von Istanbul nach Deutschland. Beide Eltern sind Akademiker, der Vater Zahnarzt, die Mutter Mathematikerin. Die Familie weicht schon sehr von den ungelernten Arbeitskräften ab, die man in den 60-er Jahren nach Deutschland geholt hat. Der Vater ist Atheist, die Mutter Kemalistin und insbesondere vom Laizismus, der Trennung zwischen Staat und Kirche, überzeugt. Ihre Tochter Lale muss sie in Deutschland auf eine konfessionelle Schule geben, da es keine anderen Schulen in der Nähe gibt. Die kleine Lale „adoptiert“ schnell die christlichen Feste, wie Weihnachten, Ostern und Sankt Martin - und natürlich auch den Kölner Karneval. Sie studiert Medizin und Psychologie in Marburg, wird deutsche Staatsbürgerin und SPD-Mitglied. Sie hat den Balanceakt zwischen ihrer türkische Identität und der Assimilation für sich konfliktfrei gemeistert. Damit ist sie ein Musterbeispiel für gelungene Integration. Während ihrer Zeit im Bundestag ist sie Stellvertretende Europa- und migrationspolitische Sprecherin sowie Islambeauftragte der SPD-Bundestagsfraktion.

Obwohl voll integriert, wird sie im Bundestag als Exotin gehandelt. Zierliche Person, kurzer Haarschnitt, (zu) schick gekleidet, viel Temperament, Humor und Redelust mit Sinngehalt! Was den Genossen an ihr fehlt, sind Kopftuch und ein Ehemann, der sie ständig kontrolliert. Dabei hat sie einen äußerst charmanten und liberalen Gatten, Ahmet Akgün, der allerdings vom gängigen Bild des türkischen Macho-Mannes stark abweicht, seine Frau sehr unterstützt, sie aber nicht ständig überprüft. Nach und nach gewöhnen sich die Genossen an Lale Akgün, bis das Bild eines Tages wieder ins Wanken zu geraten droht. Akgüns Familie besucht sie im Bundestag. Darunter ist ihre Tante Semra, eine „Hadschi“, denn sie hat die Pilgerfahrt nach Mekka gemacht und muss fortan allen Muslimen als Vorbild dienen. Deshalb trägt sie Kopftuch, obwohl sie eigentlich die liberalste in der Familie ist. Das sorgt im Bundestag für Aufsehen. Also doch!? Zu dieser Zeit ist Tante Semras Schwäche für Leberkäse noch unbekannt, der bekanntlich aus Schweinefleisch besteht und damit vom Speiseplan gestrichen sein müsste. In Lale Akgüns erstem Geschichtenband „Tante Semra im Leberkäseland“ (Verlag wie oben ISBN 978-3-596-18123-0) erzählt sie sehr ausführlich von ihrer Familie und deren Begegnung mit der deutschen Kultur.

In beiden Büchern bringt Akgün dem Leser ihre Verwandtschaft näher. Dazu gehören auch der türkische Macho Ali, und der deutsche Spießer Friedrich, die Männer ihrer Nichten. Ihre Tante Gül hat in zweiter Ehe auch einen Deutschen geheiratet. Mit ihm ist gar ein CDU-Mitglied in die sozialdemokratische Familienhochburg geraten. So ist die Sippe an sich schon ein multikultureller Mikrokosmos.

Seit der Wahlniederlage der SPD im Jahr 2009 arbeitet Akgün in der Staatskanzlei Düsseldorf im Ressort für Internationale Angelegenheiten und Eine-Welt-Politik. Von der Integrationsdebatte hält sie wenig. Sie glaubt, dass die nur vorgeschoben ist, um vom eigentlichen Problem der sozialen Ungerechtigkeit abzulenken. Es sind auch viele Deutsche von der Teilhabe an der Gesellschaft ausgeschlossen. Da sind Politik und Wirtschaft in der Schieflage. Vom Islam glaubt Akgün, dass dieser sich reformieren müsse. Es müssten Übersetzungen in die jeweiligen Landessprachen her und der Analphabetismus angegangen werden, damit alle Muslime den Koran selber lesen und verstehen können. Zur Zeit bereitet Akgün ein wissenschaftliches Buch zu diesem Themenbereich vor.

Mit „Tante Semra im Leberkäseland“ und „Der getürkte Reichstag“ hat sie in der Tat einen volksnahen Beitrag zum gegenseitigen Verstehen geleistet. Sie schließt mit einem Segenswunsch für die nächsten Bundestagswahlen:

„Viel Glück und viel Segen
Auf all Deinen Wegen
Mehr Netto vom Brutto
Sei auch mit dabei.“

Inschallah (So Gott will).

Helga Fitzner – red. 26. November 2010
ID 00000004952
Lale Akgün - „Lale Akgün - „Der getürkte Reichstag“
S. Fischer 2010
Hardcover
€ (D) 14,95| € (A) 15,40 | SFR 23,50
ISBN 978-3-8105-0121-9


Siehe auch:
http://www.fischerverlage.de





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