A. L. Kennedy
Hat nichts zu tun mit Liebe
Erzählungen.
Aus dem Englischen von Ingo Herzke
144 Seiten, broschiert
Preis: 9,90 EUR (D)
ISBN 3-8031-2463-8
Erschienen im Verlag Klaus Wagenbach,
Berlin (WAT 463)
1. Auflage 2003
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"Familien wie wir halten zusammen, was immer auch geschieht." Dieser Satz
am Ende einer Erzählung der schottischen Autorin A. L. Kennedy könnte auch das
Kredo eines verschlungenen Familienromans bilden, wenn sich am Schluß die
verfeindeten Familienmitglieder zu Tränen gerührt in die Arme fallen.
Und so wäre auch "Die liebe Familie", eine von neun Geschichten des Erzählungsbandes
Hat nichts zu tun mit Liebe, der kürzlich im Verlag Klaus Wagenbach erschienen
ist, nur eine schlichte Huldigung an das ländliche Amerika - wenn, ja wenn der
liebende Familienvater nicht ein passionierter Freizeitkiller wäre, der neben
seinem ehrlichen Job als Automechaniker in einer Provinzstadt des mittleren Westens
namenlose Landstreicher zerstückelt. Es ist der schlichte, unaufgeregte Ton mit
seinen alltagsreligiösen Einsprengseln, in dem die Mutter in einem langen Brief
ihrer Tochter die wahre Identität des vermeintlichen Vaters schildert - den echten
hat sie nämlich schon längst um die Ecke gebracht -, der Kennedys Erzählung zu
einem Stück schwarzen Humors zwischen Jonathan Swift und den Coen Brothers werden
läßt.
Derselbe abgeklärte Tonfall durchzieht in unterschiedlichen Färbungen alle Erzählungen
dieses Bandes. Es ist eine verschobene Welt, der Kennedy ihre Stimme leiht, in
der subkutan gelitten wird, während die Oberfläche strahlt - im hellen Licht eines
römischen Wochenendtrips in "Unauslöschlich", im Massageöl eines professionellen
Körperkneters, unter dessen geübten Händen eine Frau "Ersatz-Befriedigung" nach
einer gescheiterten Liebesbeziehung findet.
Doch das selbstverständliche Hinweggleiten über die Untiefen seelischer Verstörung,
die zum Beispiel das Paar in der Titelgeschichte "Hat nichts zu tun mit Liebe" zu
regelmäßigen Treffen auf Beerdigungen anregt, verstört auch den Leser ein wenig.
Höhepunkte, plötzliche Sprünge oder überraschende Wendungen erwartet man vergebens.
Stattdessen zieht die 1965 in Dundee geborene A. L. Kennedy, die bereits mit Romanen
wie Alles, was du brauchst und Gleissendes Glück dem deutschen Leser
ins Bewußtsein gerückt ist, die Daumenschrauben immer fester an. Man muß den Texten
ein wenig Zeit geben, erst dann entfalten sie ihre ganze Kraft und Schärfe.
Die neun Erzählungen aus den Jahren 1994 bis 2002 sind ein Stück gerissenster
Erzählkunst, das vielleicht eine Spur zu manieriert daherkommt. Ein schönes
Kopfkissenbuch in einer - wie immer bei Wagenbach - ansprechenden Taschenbuchausstattung,
nach dessen Genuß man sich ruhig gesagt sein lassen kann, was die Mördermutter
ihrer braven Tochter mit auf den Weg gibt: "Angenehme Träume und gute Nacht."
p.w./red., 31. Dezember 2003
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