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Rezension

Sid Jacobson & Ernie Colón - »Anne Frank. Die Comic-Biografie«

Carlsen 2010
ISBN 978-3-551-79185-6



Grafischer Journalismus

Amerikanisches Autorenduo veröffentlicht Anne Franks Lebensgeschichte als »Comic-Biografie«

Das gedruckte Buch und die Tageszeitungen, so wird derzeit häufig lamentiert, seien in der Krise, vor allem die Jugend lese nicht mehr. Das stimmt in dieser absoluten Aussage natürlich nicht, richtig daran ist jedoch, dass sich das Leseverhalten vor allem junger Menschen entscheidend geändert hat. In Japan gibt es mit Manga no Shimbun seit kurzem schon die erste Tageszeitung in Sprechblasen. Wen wundert es, dass nun auch das Amsterdamer Anne Frank Haus zum 50. Jahrestag seiner Gründung entschieden hat, Annes Leben noch einmal auf innovative Art in Wort und Bild zu präsentieren. Entstanden ist ein Werk von 160 Seiten, das in den USA als »Graphic Biography«, in den Niederlanden als »Grafische Biografie« und jetzt auch bei uns – als »Comic Biografie« – im Hamburger Carlsen Verlag erschienen ist. Am 10. November wurde es in der Berliner Botschaft des Königreichs der Niederlande im Rahmen der vom Botschaftsrat für Presse und Kultur (Dr. Bart Hofstede) eröffneten Buchpremiere in Anwesenheit des Autors Sid Jacobson vorgestellt und in Auszügen von der Schauspielerin Olivia Gräser und dem Synchronsprecher Oliver Rohrbeck vorgelesen.

Im bis auf den letzten Platz gefüllten Saal fiel auf, dass es kaum junge Menschen gab, die der vom Moderator Andreas Platthaus souverän in deutscher und englischer Sprache geleiteten Podiumsdiskussion mit Menno Metselaar (dem Projektleiter des Anne-Frank-Hauses in Amsterdam), Thomas Heppener (dem Direktor des Anne- Frank-Zentrums Berlin), Klaus Humann (dem Vertreter des Carlsen Verlags) und dem Journalisten Klaus Schikowski (einem ausgewiesenen Comic-Kenner) folgten. Verlag und Werbeagentur hatten offenbar jugendliche Blogger nicht mit Einladungen und Informationen versorgt – they missed their chance!


Zum Buch:

Wohl zur Verdeutlichung taucht im deutschen Titel das Wort Comic auf. Amerikanische und holländische Leser wissen offenbar, was eine Graphic Biography ist – analog gebildet zur Graphic Novel, selbst wenn diese nicht klar definiert und ihr Ursprung nicht jedem bekannt ist. Will Eisner, den die FAZ in dessen Todesjahr (2005) »Amerikas wichtigsten Zeichner« nannte, bereitete mit mehrseitigen Zeitungscomics der 1940er und 1950er Jahre den Weg für regelmäßig publizierte Comichefte. Seine 1978 edierte Sammlung A Contract with God – auf deutsch in diesem Jahr als Ein Vertrag mit Gott erschienen – wird demnächst sogar verfilmt. Sie enthält holzschnittartige Bildergeschichten über einen alten Juden namens Frimme Hersh, der in einem Mietshaus an der Dropsie Avenue 55 in der New Yorker Bronx wohnt. Eisner wählte für sie (auf dem Deckblatt und im Vorwort) – wie vor ihm bereits Richard Corben und George Metzger für ihre Horror- und Fantasygeschichten – den Terminus Graphic Novel, um sie von gängigen Comic Books abzusetzen. Aviva Rothschild hat 1995 in ihrer Monografie Graphic Novels: A Bibliographic Guide to Book-Length Comics angedeutet, das neue Genre meine nicht die wöchentlichen Wegwerfhefte, sondern umfangreichere gebundene Bücher, denen man eher niveauvolle Inhalte mit komplexer Erzählstruktur zutraut.

Diese formalen und qualitativen Ansprüche erfüllt das vorliegende Werk zweifellos. Aber während der Eisner-Bewunderer Art Spiegelman in seiner Graphic Novel Maus (2008) Tiermetaphorik bemüht, ist diese Biografie authentisch, weil sie historischen Vorgaben präzise folgt. Sie schildert das Leben von Anne Franks Eltern Otto und Edith; die frühen Jahre der Schwestern Anne und Margot in Frankfurt; den Beginn der Naziherrschaft; die Emigration der Familie nach Amsterdam; die Besatzungsjahre; das zweijährige Verstecken (erst am Merwedeplein, dann im Hinterhaus der Prinsengracht 263); Verrat, Verhaftung, Deportation und Typhus-Tod der fast Sechzehnjährigen in Bergen-Belsen – 14 Tage, bevor alliierte Truppen das KZ befreiten. Das Buch endet mit der am 3. Juni 1945 erfolgten Rückkehr des Vaters (der allein aus der Gruppe von acht Menschen die Schoa überlebte), dessen Herausgabe von Annes Tagebuch (Het Achterhuis, 1947) sowie der Eröffnung des Anne Frank Hauses am 3. Mai 1960.

Texter Sid Jacobson und Zeichner Ernie Colón sind international u. a. bekannt durch die Biografie Che Guevaras –– Che: A Graphic Biography (2009) – sowie Bücher zu den Terroranschlägen vom 11. September 2001 in den USA: The 9/11 Report: A Graphic Adaption (2006; dt. The 9/11 Report: Die Comic-Adaption, 2007) und After 9/11: America’s War on Terror (2001– ) (2008). Wie dort, vermitteln auch die sanft kolorierten Zeichnungen der Frank-Biografie mit kontrastreichen Strichen keine Trivialliteratur à la Superman oder fröhliche Tim-und-Struppi-Atmosphäre. Sie sind von respektvoller Sachlichkeit, wie man sie aus Skizzen zu Gerichtsreportagen kennt, allein bei den Bildern von Hitler und Göring verspürt man den Hauch eines satirischen Kommentars.

Detailreiche Erklärungen und Dialoge sind fugenlos in scharf konturierte Bilder eingepasst. Unterstützt von Historikern haben die engagierten Autoren eine akribisch recherchierte Ergänzung zur Anne-Frank-Literatur vorgelegt. Es war – wie sie bekunden: «Eine Krönung unserer Karriere.« Annes Leben und Werk sind in Romanen, im Fernsehen, als japanischer Zeichentrickfilm, als Drama, auf Opern- und Musicalbühnen, als Tanztheater und in etlichen Schriften gewürdigt worden, zuletzt 2009 in Francine Proses feinfühligem Buch Anne Frank: The Book, The Life, The Afterlife. Als unwürdig darf man dagegen den Roman Annexed (2010) bezeichnen, in dem Anne von der britischen Autorin Sharon Dogar eine sexuelle Beziehung zu Peter van Pels angedichtet wird, der sich mit seiner Familie ebenfalls bis August 1944 im Amsterdamer Hinterhaus versteckt hatte.

Grundsätzlich ist die Frage berechtigt: Darf man die Erfahrungen mit den Freveln der NS-Zeit in Comics und Cartoons verarbeiten? Das Autorenduo hat diese Frage positiv beantwortet und war der Meinung, mit dem Zeichenstift könne man über die Begrenzungen der Fotografie weit hinausgehen, nachempfinden, was niemand wirklich miterlebt hat. Beiden ist das freilich schwergefallen. »Als ich las, dass Anne im Jahre 1929 geboren wurde, war das eine beklemmende Sache für mich«, sagte der 81-jährige Jacobson. »Ich musste immer daran denken, dass sie heute genauso alt wäre wie ich und dass diesem jungen Mädchen das Leben verwehrt wurde, das mir vergönnt war.« Auch der 1931 geborene Colón sei »innerlich tief bewegt gewesen, ganz besonders, als er die KZ-Szenen gezeichnet hat, das war nicht leicht für ihn“.


Christoph Gutknecht - 14. November 2010
ID 00000004933
Sid Jacobson und Ernie Colón - »Anne Frank: Die Comic Biografie.«
Carlsen-Verlag 2010
Hardcover
17,5 x 24,6 cm
160 S.
16,90 € (D) / 17,40 € (A) / sFr 26,90
ISBN 978-3-551-79185-6


Siehe auch:
http://www.carlsencomics.de


http://www.uni-hamburg.de/iaa/gutknecht.html



 

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