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Rezension

Tanja Dückers – „Der längste Tag des Jahres“

Roman
Aufbau Verlag, Berlin 2006
Gebunden mit Schutzumschlag, 213 Seiten
18,90 Euro / 34,30 sFr
ISBN 3-351-03068-1



Out of Fürstenfeldbruck

Tanja Dückers hat ein neues Buch geschrieben. Es spielt am 21. Juni des Jahres 2003. Das ist der Tag, an dem der Hobbyzoologe und ehemalige Zootierhändler Paul Kadereit in seinem Bienenhaus tot zusammenbricht, und zugleich die Voraussetzung für Dückers’ Roman: „Der längste Tag des Jahres“ berichtet aus der Sicht der fünf erwachsenen Kinder, wie der Tod des Vaters in ihr Leben kommt.
Dieser Tod ist ein schlichter Fakt, der sich in einer Traueranzeige zusammenfassen läßt, die sogar gegen Ende zitiert wird. Was die Autorin nun tut, um diesen Tod mit literarischem Leben zu erfüllen, könnte man auch als eine fiktionale Art von psychologischer Geschichtsschreibung bezeichnen. Der Roman besteht aus fünf Momentaufnahmen, die das jeweilige Leben von Sylvia, David, Anna, Bennie und Thomas zum Zeitpunkt des Todes wie durch ein Prisma betrachten und so auf den zweiten Blick zu Charakterportraits werden. Es ist das Besondere dieses Buches, daß nicht das Ende eines Lebens, sondern derer fünf im Spiegel dieses Lebensendes erzählt werden.

Wie paßt der Tod ins Leben?


Tanja Dückers hat sich also viel vorgenommen. Schon in ihrem letzten, ebenfalls im Berliner Aufbau Verlag erschienenen Roman „Himmelskörper“ hat sie eine Familiengeschichte erzählt, über mehrere Generationen sogar. Die alltägliche Verstrickung der Großeltern in die nationalsozialistische Gesellschaft und ihre Flucht aus Ostpreußen entwickelt ihre Tragik durch Gleichgültigkeit und Verdrängung vor allem in der Generation der Kinder dieser Großeltern. Die Anthologie „Stadt Land Krieg“, die Dückers 2004 zusammen mit Verena Carl herausgegeben hat, versuchte ebenfalls, die neue Ernsthaftigkeit der Enkel zu bündeln.
In „Der längste Tag des Jahres“ ist die Problematik eine allgemeinere. Wie paßt der Tod ins Leben? lautet die Frage, die das Buch aufwirft. Und wie läßt sich das ganze Leben in dem einen Augenblick zusammenfassen, in dem der Tod auch bei der Familie ankommt?
Dückers entwickelt mit viel requisitorischem Aufwand Szenarien der Alltäglichkeit, um die nötige Fallhöhe zu bekommen. Da wird, wie bei Sohn Bennie, im Chaos des Umzugs gerade ein Schrank gestrichen, als das Telefon klingelt. Sylvia, die älteste Tochter, gibt ihrer eigenen Tochter – verbotenerweise – eine Fahrstunde, um sie für die Fahrprüfung fit zu machen, und bringt es nach dem Anruf ihrer Mutter nicht übers Herz, ihrer Familie die traurige Nachricht zu übermitteln.
Kapitelüberschriften wie „Der Schrank“, „Die Fahrstunde“ oder „Im Garten“ spiegeln diese Alltäglichkeit wider, aus der Dückers die verschiedenen Persönlichkeiten der Geschwister entfaltet. So entsteht vor dem Auge des Lesers allmählich das Portrait einer Familie: die beiden Töchter, die ein zwar von Anfechtungen nicht freies, aber bodenständiges Familienleben in einer bayerischen Kleinstadt führen, wo die Familie Kadereit beheimatet ist. Ihnen stehen die unsteten, künstlerisch orientierten Söhne gegenüber, die als wenig erfolgreicher, exzentrischer Schauspieler oder als armer Galerist im fernen Berlin ihr Leben fristen.
Aus den Erinnerungen der Kinder an Vaters Laden und an hilflose Familienszenen, an die allgegenwärtigen Terrarien und den Lieblingswaran, „Overlord“ genannt – nach dem Codewort für den „längsten Tag“ des Jahres 1944, die alliierte Landung in der Normandie –, bekommt auch das Bild eines eher scheuen Familienoberhauptes und Tierliebhabers, der sein Hobby zum Beruf gemacht hat, Konturen. Der verstorbene Vater Paul erscheint so als prototypischer, altbundesrepublikanischer Machertyp, der Amerikafreundlichkeit und Wirtschaftswunderdenken weniger reflektiert als verinnerlicht und in Schaffenskraft umgemünzt hat. Als seine Zoohandlung mangels Nachfrage schließen muß, ist er ein gebrochener Mann, sein plötzlicher Tod mit gerade erst 62 Jahren im Jahr nach der Pleite erscheint in der Logik der Erzählung als geradezu zwingend.

„Warum lebe ich dieses Leben und kein anderes?“


Und doch bleibt der Verstorbene merkwürdig blaß. Auch die Lebensentwürfe der ersten vier Geschwister entbehren nicht einer gewissen Holzschnittartigkeit. Das mag daran liegen, daß Dückers dem Kosmos Familie unbedingt eine gewisse Geschlossenheit geben will, es läßt jedoch auch die Konstruiertheit des Romans an einigen Stellen durchschimmern.
Warum muß das Setting für die ganze Saga unbedingt die bayerische Kreisstadt Fürstenfeldbruck sein? Weil sich keine schönere deutsche Provinz denken läßt und weil Katholiken immer viele Kinder haben? Und warum müssen die Kinder der emanzipierten Psychologin Anna unbedingt als „kleine Anarchisten“ durch die Kulisse toben und mit der Gewißheit von Playmobilmännchen alle Klischees verzärtelter Wohlstandskinder erfüllen? Selbst der notorische, freudlose Geschlechtsverkehr, mit dem David den Trauertag im Kapitel mit dem etwas angestrengten Titel „Das Kopfkissen“ ausklingen läßt, steigert weniger die melancholische Stimmung des Romans, als daß er deutlich macht, daß da noch etwas fehlt.
Die Leselaune wächst indessen, und man muß der Autorin ihr Gespür für eine gelungene Dramaturgie des Textes zugute halten. Schließlich gibt es da ja noch das fünfte und jüngste Kind, Thomas, genannt Tommy, und es ist nicht ganz von ungefähr, daß ihm das letzte und längste Kapitel gewidmet ist. Hier kann sich die fragmentarische Erzählung endlich entfalten. Tommy, der zurückhaltende Strebertyp – in diesen Qualitäten seinem Vater von allen fünf Geschwistern wohl am ähnlichsten – hat sich treiben lassen, quer durch die Welt und ist mit Lebensgefährtin Chantal und Sami, seinem siebenjährigen „Wüstensohn“, am Ende in einer Wohnwagensiedlung in der kalifornischen Mojave-Wüste gelandet: zunächst als Ingenieur mit Aussteigertendenzen, zuletzt als desillusionierter Kartograph von desert sites.
Dückers geht diesen Abschnitt in ihrem Roman von vornherein auffällig anders an. Der Rechtfertigungsgestus, der sich bei vielen jüngeren Schriftstellern findet und der stets die Frage „Warum lebe ich dieses Leben und kein anderes?“ beantworten zu wollen scheint, ist hier gemildert. Im Kapitel „Die Wüste“ widmet sie sich ganz dem Gegenstand an sich: Joshua Trees und Kakteengewächse, ein Friedhof aus Flugzeugwracks, staubige Wohnwagenkolonien, melancholische Menschen und Müll – das alles sind Facetten einer äußerst reduzierten Lebenswelt, die nichts mehr zu tun hat mit dem Traum von der amerikanischen Wüste, dem noch Vater Paul huldigte.
Es ist eine eigentümliche Realität, und Dückers versteigt sich sogar darein, ihr in der Sekte der Sun People, zu deren atheistisch-kosmischem Buddhismus sich Thomas hingezogen fühlt, eine ästhetische, ja philosophische Note zu verleihen. Zur rituellen Zelebration ihres Sonnenkultes am längsten Tag des Jahres baut er sogar eine Metallpyramide, die seine sämtlichen Ersparnisse auffrißt, ihn endgültig an die Wüste bindet.

Versuch über das Erwachsenwerden


Und doch kann das alles nur so lange funktionieren, wie der Sohn noch nichts vom Tod seines Vaters weiß. Als ihn die Nachricht am Ende – mit zweimonatiger Verspätung – erreicht, ist die innere Ruhe gestört, da das „Zentralgestirn“ uneinholbar entschwunden ist, und es bleibt nichts als Einsamkeit.
Es würde zu weit führen, den vielen Betrachtungen über die Wüste im Detail nachzugehen, die Dückers anstellt. Sie konnte sich während eines Autorenstipendiums in Kalifornien offenbar intensiv in ihren Gegenstand hineindenken, was dem Buch gut getan hat. Auch die Tendenzen zur künstlerischen Überhöhung, die übrigens schon in „Himmelskörper“ spürbar waren, die Apotheose, die beispielsweise die Land Art im Buch erfährt, dominieren nicht alles. Es scheint, als habe auch Tanja Dückers nicht ganz Woody Allens New Yorker „Stadtneurotiker“ vergessen können, den die Exaltiertheit der amerikanischen Westküstenbewohner bei jedem Besuch in Los Angeles aufs neue krank macht.
So findet der Roman mit einem relaxten Telefonat der beiden Brüder Thomas und Bennie zu einem schönen, melancholischen Ende. Ob man nun das „Wohnzimmer-Abenteurertum“, vor dem der jüngste Sohn einmal floh, kritisiert oder einfach nicht ganz ernst nimmt: beide kommen nicht umhin zuzugeben, daß sie irgendwie im Leben angekommen sind.
Es bleiben allerdings auch einige Fragen offen. Welche Rolle kommt zum Beispiel der Witwe und Mutter jener fünf Kinder zu, deren Leben hier ausführlich an der Tatsache eines Todes gemessen wird? Als Leser ist man geneigt, in ihr mehr zu vermuten als eine Katia Mann - die Erfüllungsgehilfin eines leicht verschrobenen Familienvaters.
„Der längste Tag des Jahres“ ist ein Roman, der ganz im Jetzt steht, er ist ein Versuch über das Erwachsenwerden, dem der angestrengte Szene-Ton ebenso fehlt wie die aufklärerische Geste, mit der die deutsche Vergangenheit auf heutige Probleme hin ausgeleuchtet wird. Es ist ein stiller, leicht lakonischer Roman, und genau das macht ihn lesenswert.


p.w. – red. / 7. Mai 2006
ID 00000002383
Von Tanja Dückers sind beim Aubau Verlag Berlin bislang "Spielzone" (Roman, 1999), "Café Brazil" (Erzählungen, 2001), "Himmelskörper" (Roman, 2003) sowie zusammen mit Verena Carl die Anthologie "Stadt Land Krieg" (2004) erschienen.

Siehe auch:
http://www.aufbau-verlag.de




 

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