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Rezension

Edgardo Cozarinsky – „Die Braut aus Odessa“

Erzählungen. Aus dem Spanischen von Sabine Giersberg
Klaus Wagenbach Verlag, Berlin
Quartbuch, gebunden, 160 Seiten
17,50 Euro [D] / 18,– Euro [A] / 31,10 sFr
ISBN: 3-8031-3197-9
1. Auflage 23.08.2005


Verwirrender Abglanz des Verlusts

Es hat den Anschein, als hätte der argentinische Schriftsteller Edgardo Cozarinsky seine schöne und verwirrende Erzählung „Emigrantenhotel“ nur für die Enkelgeneration geschrieben. Für diejenigen, deren Großeltern im Zweiten Weltkrieg entweder gekämpft haben oder – um es ganz allgemein auszudrücken – unter den Repressalien des Krieges zu leiden hatten. Dazu zählten auch diejenigen, die fliehen und ihre Heimat aufgeben, die emigrieren mußten – und so ist es auch nicht verwunderlich, daß man dieses leise „Casablanca“-Gefühl, das einen schon bei der ersten, titelgebenden Erzählung des kürzlich bei Klaus Wagenbach erschienenen „QuartbuchsDie Braut aus Odessa befällt, nicht mehr loswird.
Cozarinsky, 1939 in Buenos Aires geboren, stammt, wie sein Name und der Klappentext verraten, selber aus einer Einwandererfamilie, in seinem Fall aus Rußland. Der Schriftsteller und Filmemacher lebt aber seit den politischen Wirren in der Folge von Peróns Tod 1974 in Paris – auch eine Stadt des Exils, denkt man an Joseph Roth, Billy Wilder und all die anderen, die dort bis zu ihrer endgültigen Emigration oder auch ihrem Tod Zuflucht gesucht hatten. Und es zeigt den Wandel der Zeiten, wenn ein Intellektueller aus der Neuen Welt wegen einer Diktatur in seinem eigenen Land ins Exil in eine europäische Metropole geht, die 1940 von der deutschen Wehrmacht überrannt worden war.

Auf beiden Seiten des Atlantiks

So sind die geographischen Gegebenheiten des Bändchens quasi vorprogrammiert: ein Paris, das in Momentaufnahmen kurz aufblitzt, ein melancholisches und zugleich hektisches Buenos Aires der 50er Jahre, ein nostalgisches der späten 30er, ein eigentümliches Lissabon, das Anfang der 40er Jahre so manchem Intellektuellen zum Sprung über den Atlantik verhalf, das jedoch ungleich mehr dieser Flüchtlinge aufsog und scheinbar nie mehr freigab. Und nicht zuletzt, sozusagen der Nabel des ganzen Buches: Odessa, von wo aus die Reise in die Neue Welt beginnt – wenn auch die Protagonisten nicht ganz diejenigen sind, auf die ihre Pässe ausgestellt sind.
Das Motiv des Verlusts und der Suche nach der Identität, die vornehmlich von der Kinder- und eben der Enkelgeneration getragen wird, durchzieht die meisten Erzählungen. Dabei kann man nicht einmal von Verlust sprechen: Der junge Kiewer Jude Daniel Aisenson steht auf der Eisensteinschen Freitreppe in Odessa; er hat eine Passage nach Südamerika für sich und seine Frau Rifka Bronfmann, mit der er verheiratet wurde. Aber Rifka will nicht mitkommen. Statt dessen lernt Daniel bald darauf eine junge Frau kennen, die es satt hat, als „Schickse“ von ihrer jüdischen Chefin schikaniert zu werden. Was tun die beiden? Reisen kurzentschlossen als Ehepaar nach Argentinien und haben zehn Kinder miteinander. Das, was sie einmal waren, lassen sie hinter sich, ihre Geschichte ist für ihr neues Leben nicht wichtig – pikant bleibt sie für die jüdische Entourage dennoch, da die Mutter der zehn Kinder eigentlich Christin ist, ihre Sprößlinge sind also im eigentlichen Sinne keine Juden.
Man merkt allerdings vielen Figuren aus Cozarinskys Erzählungen auch an, daß sie dagegen ankämpfen, ihre Identität für immer zu verlieren. Der alternde Wiener Pianist zum Beispiel, der in den besseren Hotels von Buenos Aires Soireen begleitet, erträgt, angeregt durch anonyme Zettel, auf denen er dazu aufgefordert wird, bestimmte Melodien aus seiner Heimat zu spielen, dieses Emigrantenschicksal nicht länger. Er schifft sich, ausgerechnet im Schicksalsjahr 1939, wieder nach Europa ein – und das, obwohl er in Argentinien vor den Schrecken des Weltkriegs weitgehend sicher gewesen wäre. Schließlich hat sich selbst das deutsche Panzerschiff „Graf Spee“, das es im Dezember 1939 bis in die Bucht des Rio de la Plata geschafft hatte, dort selbst versenkt.

Ein Nachleben in Form von Literatur

Cozarinsky ist in manchem, vor allem indem er stets das sicher geglaubte Eigene, die Persönlichkeit oder eben die Identität seiner Figuren infragestellt, ganz Nachgeborener von Borges und Zeitgenosse eines Ricardo Piglia. Doch wenn der Autor in seinen Erzählungen über die „Literatur“ – so der Titel einer Geschichte – handelt, so ist diese nicht allgemein gefaßt, sondern immer als menschliches Schicksal durch eine Emigrantin oder einen Emigranten vermittelt, einen Verstoßenen, Unverstandenen also, der ein unbeachtetes und, wie die alte Russin aus „Literatur“, auf sprachlicher Ebene nicht verstehbares Leben führt: „ihn kann man nur auf Russisch goutieren“, pflegt sie über Puschkin zu sagen.
Ist nun das Interesse der jüngeren Generation, so sie noch nicht durch neueste Kommunikationsformen schier um den Verstand gebracht worden ist, mit dem Aussterben der Zeitzeugen naiv oder gar anmaßend? Die kennzeichnende Erfahrung des jungen Nachkommens einer deutsch-amerikanisch-jüdisch-israelisch-argentinischen Beziehung in „Emigrantenhotel“, der letzten und längsten der sieben Erzählungen von Die Braut aus Odessa, mag frustrierend sein: je mehr er sich den Ereignissen ‚damals in Lissabon‘ nähert, desto mehr entziehen sie sich.
Zugleich ist, was er tut, beruhigend, weil er in dem Leben Fuß faßt, das seinen Eltern und Großeltern nicht beschieden war – eben weil es für ihn Literatur ist: „Manchmal glaube ich, meine Großeltern haben auf pseudo-heroische Weise und meine Eltern in fast grotesker Nachahmung für mich jegliche Neugier erschöpft, Abenteuer zu erleben, ich lese sie lieber.“


p.w. – red. / 2. September 2005
ID 2049


Siehe auch:
http://www.wagenbach.de




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