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Rezension

"Easyrider in den Anden": Chevolution. Mythos und Wirkung des Ernesto Guevara (Biografie).





Ein neuer Sammelband untersucht, wie Che zum Mythos wurde und warum er bis heute immer wieder für etwas anderes stehen kann

„Ich bin kein Filmstar“, soll Ernesto „Che“ Guevara ungehalten auf die Bitte eines argentinischen Landsmanns, der ihn am Flughafen von Havanna erkannt hatte, reagiert haben. Es war das Jahr 1959, das Jahr des Siegs der Kubanischen Revolution, in dem er durch Fidel Castro zunächst zum Leiter der Abteilung für Industrialisierung im neu geschaffenen staatlichen Institut für die Agrarreform ernannt wurde. Das mediale Interesse an den Guerilleros schon zurzeit in der Sierra Maestra verhalf ihnen zu weltweiter Bekanntheit und weckte selbst in den USA Sympathie und Interesse. Sie galten den Medien als jung, verrückt, todesmutig, unkonventionell, ideologisch ungebunden und romantisch. Über sie lief gar ein Film mit dem Titel „The Story of Cubas`s Jungle Fighters“ des CBS-Reporters Robert Taber. Guevara war so bereits zu Lebzeiten eine populäre, auf den Covers großer Magazine abgelichtete Figur.

Populäre Titelfigur
Seit seinem Märtyrertod 1967 haben sich etliche Publikationen mit seiner Person und Rolle als Befreiungskämpfer, Politiker und Visionär in Lateinamerika und Afrika beschäftigt. Ende der 90er Jahre legten große Biografen wie Paco Ignacio Taibo II, Jorge G. Castañeda oder Jon Lee Anderson umfangreiche Werke vor, die auf neuen Archivmaterialien und Interviews von Zeitzeugen aufbauen. „Bemerkenswert ist jedoch, dass die Thematik der europäischen Rezeption meist eingespart oder nur am Rande behandelt wurde. Hierin liegt das Novum“, so die anspruchsvolle Zielstellung der Herausgeber des vorliegenden Buches mit dem poppig anmutenden Titel „Chevolution. Mythos und Wirkung des Ernesto Guevara“, das ein Gemeinschaftsprojekt des Vereins „Die Aussteller“ bestehend aus Studierenden größtenteils der Geschichte an der Universität Wien ist.
Der erste Teil von „Chevolution“ bietet dem Leser eine umfangreiche Darstellung der wichtigsten Stationen der Biografie Guevaras, die sich vor allem auf seine veröffentlichten Tagebücher, die er als junger Mann auf seinen beiden großen Reisen durch den lateinamerikanischen Subkontinent führte, sowie die bereits genannten neueren Biografien stützt. Entgegen der Verheißung im Untertitel fällt der zweite Teil, der dem Mythos um Ches Person und seiner Wirkung vor allem im europäischen Raum auf den Grund gehen will, knapper aus.

Ches Popularität begann in Europa mit den Studentenbewegungen der 60er Jahre. Dabei waren es seine taktischen und psychologischen Strategien in seinen Schriften zum Guerillakampf und zum Internationalismus, welche die Neue Linke in Europa und speziell in Westberlin den Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) mit Rudi Dutschke als Wortführer beeinflussten. Dutschkes Theorie des „langen Marsches“ wies starke Analogien zur „Fokustheorie“ Guevaras auf. In den Diskussionen darüber, ob Einsatz von Gewalt legitim sei, bot der von Che vertretene „militante Humanismus“, der Einsatz von Gewalt aus Nächstenliebe für die Unterdrückten, eine moralische Grundlage auf geradezu romantische Weise. Mit Auflösung des SDS 1969 ebbten größtenteils, mit Ausnahme der Stadtguerillagruppen, aus denen letztlich auch die Rote Armeefraktion (RAF) hervorging, die theoretischen Diskussionen von Ches Ideen ab - sein Bild aber blieb nach wie vor präsent.

Ikonisierung des Che
Spätestens mit Guevaras Tod begann seine kultähnliche Verehrung, für welche die Autoren verschiedene Interpretationsansätze anführen. Vorrangig von Bedeutung sind die Umstände seines Todes, dass er in Ausübung dessen starb, wofür er eintrat. Die daraus zu schlussfolgernde Konsequenz in seinem Handeln, die Übereinstimmung von Denken und Tun, bildet einen weiteren Baustein des Mythos, der Jean-Paul Sartre zu seiner berühmten Aussage über Che brachte, „der vollkommenste Mensch unserer Zeit“ gewesen zu sein. Den Studenten fiel zumal eine Identifikation mit Che leicht, da er als Sohn einer wohlhabenden, bürgerlichen Familie quasi „einer von ihnen“ war, der völlig freiwillig seinen Beitrag zur Weltrevolution leistete. Sein jugendlich in Erinnerung gebliebenes Äußeres, obwohl er bei seinem Tod bereits 39 Jahre alt war, und dessen Konservierung durch das berühmte Portrait von Alberto Korda hat sicherlich zusätzlich zu Ches Ikonisierung beigetragen. Parallelen zu anderen, ebenfalls jung gestorbenen Ikonen der 60er, wie John Lennon oder James Dean, sind augenfällig: „Irgendwo in der Psyche der sechziger und der neunziger Jahre wurde Guevaras Geschichte zum Reisebuch oder Reisefilm: Jack Kerouac auf dem Amazonas, Easy Rider in den Anden“, so Castañeda. Neben der einmaligen Übereinstimmung Ches Person mit den Idealen der Jugend der 60er bietet auch Ches Guerillakampf und Panamerikanismus als Leitbild für weitere Aufstandsbewegungen, beispielsweise die EZLN unter Subcomandante Marcos im mexikanischen Chiapas, ein wichtiges Erklärungsmuster. Für seinen Stellenwert in Kuba, einstiger Knotenpunkt des internationalen Sklavenhandels, spielt überdies tiefe Spiritualität eine enorme Rolle. So bedeutete die (im Grunde missglückte) Landung der Granma 1956 mit den Rebellen an Bord für viele die Erfüllung einer von der Vorhersehung gewollten „Sendung“. Aber auch mit klassischen Christusmotiven ist eine gewisse Ähnlichkeit vorhanden, in dessen Bild Ches Charaktereigenschaften passen. Nicht ohne Grund prägte Wolf Biermann das Wort über Che als „Jesus Christus mit der Knarre“.

Ches Ikonisierung ebnete den Weg für seine gewinnbringende Vermarktung. Die Nachfrage ist ungebrochen groß. Kordas Che mit wehendem Haar unterm Barett ins Unendliche blickend vereint in einzigartiger Weise Rebellion und Jugendlichkeit, Entschlossenheit und Entrücktheit, ohne dass diese Charakterzüge bereits Auskunft über seine politischen Ziele geben. „Durch die damit transportierten Assoziationen ist der Betrachter kaum in der Lage zu differenzieren, er wird emotional mitgerissen, ohne die Chance zu erhalten, die Inhalte konkret zu analysieren.“ Die Autoren führen als Voraussetzung für ein solches ungegenständliches Erinnerungsmoment abseits jeder genauen historischen Betrachtung durch den Konsumenten eine hochgradige Sinnentleerung der Figur selbst an. Mit dem Ziel aufzuzeigen, dass „die Bedeutung Guevaras weniger in (…) seiner Biographie begründet liegt, sondern eben mehr im Repräsentationssystem Sprache und dessen konstitutiver Funktion, Bedeutung und `Realität` zu schaffen“, bleiben jedoch die Autoren in der Analyse von semiologischen Konzepten verhaftet. In dieser Sichtweise war der Mythos Che nie ein politischer, sondern immer schon ein kultureller. In Folge der Sinnentleerung, so die weitergehende Argumentation, kann die Ikone innerhalb des neu festgelegten Bedeutungsrahmens neu aufgeladen werden, so dass beim Konsumenten eine individuelle Rezeption möglich ist ... es scheint, der „Mythos Che“ ist unsterblich.

Katja Klüßendorf, 27. Nov 2007
ID 00000003569
Baris Alakus/ Katharina Kniefacz/ Werner Reisinger (Hg.): Chevolution. Mythos und Wirkung des Ernesto Guevara, Mandelbaum Verlag, 1. Auflage, Budapest 2007, 307 S. ISBN 978-3854762270

Siehe auch:
www.mandelbaum.at





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