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Rezension

Petr Borkovec – "Amselfassade". Berlin-Notate

Aus dem Tschechischen von Christa Rothmeier
Friedenauer Presse, Berlin 2006
32 Seiten, fadengeheftete Broschur
(Friedenauer Presse-Druck)
9,50 Euro [D] / 9,80 Euro [A] / 17,10 sFr
ISBN: 978-3-932109-48-5



„Der Film und die Straße sind lang“

Lustvoll okkupiere ich alle Orte und keinen. Wie irgendein jüngerer, dreister Gott. Ich wechsle die Masken. Und habe Zeit.
(Aus „Nacktheit und die Falten von Stoff“)

Ein Jahr hat Petr Borkovec mit einem Stipendium in Berlin verbracht, als writer in residence des DAAD-Künstlerprogramms. Was ist dabei herausgekommen?
Wer die honorige Wiener Edition Korrespondenzen kennt, wird wissen, daß mit Fünfter November und andere Tage dort kürzlich ein neuer Gedichtband von Borkovec erschienen ist, inzwischen sein fünfter in deutscher Sprache. Und wer das Berliner Kulturleben verfolgt, dem wird der 1970 im mittelböhmischen Louòovice pod Blaníkem geborene Lyriker schon einmal als Gast in der DAAD-Galerie in der Zimmerstraße und im Literarischen Colloquium am Wannsee begegnet sein. Die Probleme einer Existenz als Schriftsteller führen nicht selten dazu, daß Angehörige von besagter Berufsgruppe, wenn sie denn eines der raren und begehrten Stipendien ergattern, sich auf die Basisarbeit, das Sammeln, Redigieren und Publizieren konzentrieren. Und so stammen denn auch die jüngst auf Deutsch erschienenen Gedichte aus Fünfter November bereits aus den 1990er Jahren. Was unmittelbar „herausgekommen“ ist bei seinem Berliner Jahr, könnte man, dieser Logik folgend, eher als ‚Abfallprodukte‘ dieser so immens wichtigen Editionsarbeit bezeichnen. Und die sind nicht eben leicht aufzuspüren.
Umso erfreulicher ist es daher, daß neben Borkovec’ Büchern voller herber und verwunschener Gedichte nun auch eine kleine Sammlung von Texten aus seinem Berliner Jahr unter dem Titel Amselfassade in Katharina Wagenbach-Wolffs schönen Friedenauer Presse-Drucken erschienen ist. Diese „Berlin-Notate“, als die sie der Untertitel kategorisiert, sind allerdings mehr als festgehaltene Beobachtungen und Gedanken einer – zumindest ein Jahr lang – gesicherten Schriftstellerexistenz. Auffällig ist, daß das schmale, wie auch schon die übrigen von Christa Rothmeier übersetzte Bändchen vor allem Prosatexte enthält. Doch wer nun auf Erklärungen hofft, wird enttäuscht werden. Es wird vielmehr sichtbar, daß auch in seiner Prosa bereits viele Elemente von Borkovec’ deskriptiver, assoziativer Poesie mit ihrer doch auch strengen Ästhetik enthalten sind. Insofern sind die Berlin-Texte Einstiegsluken in eine verschwommene, ungreifbare Welt, ein löchriges Mosaik versprengter Erfahrungen, in dem sich kein Steinchen zum Ganzen fügt, das einen aber trotz allem in sich hineinzieht.
Vielleicht liegt es an den Sprüngen, die der Text macht? Von der in kleinen Spiegeln reflektierten Behausung am Ende des Kurfürstendamms zu einer beobachteten Beterin, die auch schon frühere Stipendiaten verewigt haben, und weiter zu den stehenden Gewässern und kleinen Plätzen des Berliner Westens sind es nur ein paar Zeilen. Da geht es vom zufrierenden Lietzensee die lange, stetig ihr Gesicht verändernde Kantstraße entlang bis hinein in ein großes Parkhaus. Oder es wird der nachmittägliche Kampf einer Krähe um einen angeschwemmten Barsch am Schwimmstrand des Wannsees minutiös beschrieben. Aber die sichtbare Welt, das „Berlin“ jener Notate, dient eher als Anlaß, die Gedanken ins Kraut schießen zu lassen, wie zum Beispiel im Hadern mit dem erwarteten Wintereinbruch in „Vor dem Schnee“. Oder es wird wie in "Alba" aus dem Rascheln mit dem Stadtplan – „wie eine Geliebte mit dem entfalteten Tüchlein“ – die metaphorische Konsequenz gezogen: „Ich bin eine Frau.“ In einem anderen Text wird das Ich sogar zum Fisch, der sich mit einer Schwalbe um eine Fliege streitet und von einem Jungen schließlich aus dem Wasser gezogen wird. Fische, Brunnen, Aquarien, das Meer – Wasser ist überall. Da guckt der „halbe Kopf eines finster blickenden Wassergottes“ aus einem Brunnen am Henriettenplatz hervor, da reicht die Assoziationskette von einem Aquarium, vor dem der Autor mit seinen Töchtern steht, bis zum Stelenfeld für die ermordeten Juden am Brandenburger Tor, und in dem Gedicht „Die Insel Usedom“, die knappe Skizze eines Strandes, die wie ein Seestilleben wirkt, ist das Meer gerade dabei, einen „zerfressenen Fisch“ an Land abzustoßen.
Es sind vor allem Prosatexte, die in Amselfassade versammelt sind, doch bringen die wenigen Gedichte die vielen aufflackernden Orte des alltäglichen Lebens, die der Autor, man merkt es ihm an, lustvoll okkupiert, in noch prägnanteren Bildern zum Ausdruck. In dem Gedicht „Durchforstung“, wo sich auch die titelgebende Passage findet, wird die Szenerie nach einem nächtlichen Sturm beschrieben, die herabgefallenen Äste stehen dabei in einem geheimen Verhältnis zu der Amsel, die eine Hauswand „anschreit“, welche dann konsequenterweise zur „Amselfassade“ wird. So ist diese kleine dankbare Sammlung, die sowohl die Stipendiengeber wie auch das Publikum beruhigen mag, weder als Resultat noch als Ergänzung von irgendetwas zu sehen, zum wie auch immer gearteten längeren Aufenthalt eines tschechischen Lyrikers in der größten deutschen Stadt etwa, sondern einfach nur als eine zufällige, doch höchst gelungene Versammlung von Gedichten und Prosatexten, die sich, mit stetig wechselnden Masken, frei entfalten.

p.w. / red. – 4. Januar 2007
ID 2888


Siehe auch:
http://www.friedenauer-presse.de/





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