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Rezension

Arno Geiger - „Der alte König in seinem Exil“

Hanser Verlag 2011
ISBN 978-3-446-23634-9


„Krankheit aber, sie drängt plötzlich als Fremdes herein, von ungefähr stürzt sie über die erschrockene Seele und rüttelt in ihr eine Fülle von Fragen wach.“ (Stefan Zweig: Die Heilung durch den Geist).

Das, worüber Stefan Zweig hier spricht, verarbeitet der Schriftsteller Arno Geiger sehr einfühlsam und eindrucksvoll in seinem neuesten Buch Der alte König in seinem Exil. Er zeichnet den Weg seiner Familie nach, den sie gehen musste, bis sie erkannte, dass der Vater August Geiger an Alzheimer erkrankt ist.

Es ist eine Geschichte, die das Vergessen des Vaters dokumentiert, es ist aber auch eine Geschichte, die Arno Geiger wieder mit seiner eigenen Vergangenheit, die in Vergessenheit zu geraten scheint, in Berührung bringt. Obwohl die Krankheit des Vater zuerst den Eindruck erweckt, die Welt zwischen den Gesunden und dem Kranken zu trennen, gelingt es Arno Geiger durch die intensive Auseinandersetzung mit seinem Vater, wieder eine neue Vertrautheit entstehen zu lassen.

Alzheimer ist eine Krankheit, die sich schleichend in das Leben des Erkrankten und seine Angehörigen einnistet. Arno Geiger beschreibt dies so: „Schicksal war jahrtausendelang eine elementarer Begriff. Heute ist es fast verpönt, von Schicksal zu reden, alles muss erklärt werden. Aber manchmal kommt etwas auf uns zu, das wir nicht erklären und auch nicht aufhalten können. Zufällig trifft es die einen, die anderen zufällig nicht. Warum? Das bleibt ein Rätsel.“

In seinem Buch beschreibt Arno Geiger, wie die Familie nicht erkennen will, dass es sich bei den immer auffallender werdenden Nachlässigkeiten und Sonderlichkeiten des Vaters um eine Krankheit handeln könnte. Sie verschließt die Augen, tut die Orientierungs- und Antriebslosigkeit des Vaters an seiner Umwelt als Desinteresse ab. Als die Symptome aber so offensichtlich werden - „In der Früh zog er sich nur halb verkehrt oder vierfach an, mittags schob er die Tiefkühlpizza mitsamt der Verpackung ins Rohr, und seine Socken deponierte er im Kühlschrank.“ - bleibt auch den Familienangehörigen nichts anderes übrig, als sich mit der neuen Lebenssituation auseinanderzusetzen. Hiermit beginnt ein neuer Abschnitt, der zum einen geprägt ist von Erleichterung, denn die Eigentümlichkeiten des Vaters können nun beim Namen genannt werden. Es gibt nun keine Gründe mehr, dem Vater für sein Verhalten Vorwürfe zu machen. Nicht er, sondern die Krankheit ist dafür verantwortlich. Zum anderen wird das Leben der Familie Geiger völlig auf den Kopf gestellt. Eine Rundumpflege für den Vater wird notwendig, die zu einem großen Teil von der Familie selbst getragen wird. Als die immer unzumutbarere Belastung für die Angehörigen aber nicht mehr tragbar ist, wird entschieden, August Geiger in ein Pflegeheim zu geben. Schuldgefühle bleiben nicht aus.

Trotz der Krankheit bleibt August Geiger optimistisch, nimmt sein Leben, wie es ist, und hat auch im fortgeschrittenen Stadium seiner Erkrankung noch sehr viel Lebensmut.

Der Leser wird von Arno Geiger in eine Welt mitgenommen, die ihm selbst zunächst fremd erscheint. Er taucht in die Vergangenheit des Vaters ein, lernt ihn hierdurch von einer anderen Seite kennen und schließt erneut Freundschaft mit ihm.

Jedem einzelnen Kapitel ist ein Dialog zwischen Arno und August Geiger vorangestellt, sodass im weiteren Lauf der Handlung thematische Schwerpunkte gegeben sind.

Der alte König in seinem Exil ist kein medizinisches Fachbuch, es ist auch kein Ratgeber. Es ist aber eine Auseinandersetzung mit einer Krankheit und dem Leid, das damit einhergeht. Für Betroffene und interessierte Leser ist es ein einfühlsam geschriebenes Buch, das einen kleinen Einblick in das Leben eines an Alzheimer erkrankten Menschen gibt und dazu beiträgt, mehr Verständnis und Offenheit hierfür zu entwickeln.

Der Schriftsteller Arno Geiger wurde 1968 in Bregenz geboren. Er studierte Deutsche Philologie, Alte Geschichte und Vergleichende Literaturwissenschaft in Innsbruck und Wien. Arno Geiger lebt heute in Wolfurt und Wien. In diesem Jahr wurde er mit seinem Werk Der alte König in seinem Exil für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert.


Andrea Tagschütz – 17. Mai 2011
ID 5209
Arno Geiger - "Der alte König in seinem Exil"
Gebundene Ausgabe: 192 Seiten
Hanser Verlag, 2011
Sprache: Deutsch
ISBN 978-3-446-23634-9
Preis: 17.90 € (D) / 26.90 sFR (CH) / 18.40 € (A)



Siehe auch:
http://www.hanser-literaturverlage.de





 

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