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Rezension

Warum schießt niemand die Hunde tot? Chuck Palahniuk „Das Kainsmal“ (Roman)

Ins Deutsche übersetzt von Werner Schmitz
Manhatten Verlag, Herbst 2007
978-3-442-54632-9


Non-fiktional, postmodern, minimalistisch: Palahniuk´s neuestes Werk lässt fast nur dort Fragen offen, wo es nötig ist

Chuck Palahniuk´s Prosa ist keine leichte Kost, und das ist nicht nur im übertragenen Sinn gemeint: Er verschafft mit seinen Texten vielen Lesern anregende Nervenkitzel; hat aber anderen auch schon gründlich den Magen verdorben. Über seine Kurzgeschichte „Guts“* etwa kursiert das hartnäckige Gerücht, dass bei Lesungen in den USA an die siebzig Menschen ohnmächtig wurden oder sich mit letzter Kraft aus dem Saal schleppen konnten. „Pure Sensationslust“, kann man unken, ein guter Teil von Palahniuk`s Lesepublikum gibt sich aber wahrscheinlich gerade diesen grenzgängerischen Tendenzen gerne hin, die seine Prosa oft erfordert. Der Autor ist ja auch nicht nur für seine – erzähltechnisch meist einwandfrei verpackten – literarischen Geschmacklosigkeiten bekannt. Sein Erstlingsroman „Fight Club“, der Geschichte rund um einen schlaflosen amerikanischen Großstadtbewohner und sein schizophrenes Alter Ego Tyler Durden, wurde mit dem Oregon-Book-Award ausge-zeichnet, und zwar bevor die David-Fincher-Verfilmung mit Edward Norton und Brad Pitt in den Hauptrollen die Story auch außerhalb einer kleinen, literarischen Insider-Szene weltbekannt bekannt und zum am breitesten rezipierten Werk des Autors machten. Palahniuk´s Romane und Erzählungen, die wie „Fight Club“ auch in Folge stilistische Merkmale in Tradition der amerikanischen Postmoderne und des literarischen Minimalismus aufweisen, finden mittlerweile ein internationales Publikum.

Futuristisch, non-fiktional und mehrstimmig

Mit „das Kainsmal“ schrieb Palahniuk sein nunmehr achtes Werk – und schuf ein dicht verzweigtes Romangeflecht. In non-fiktionaler Form, als Aufzeichnung mündlicher Berichte von 56 unterschiedlichen Charakteren, die schnell wechselnd und nicht linear erzählen, gibt der Roman das Leben von Buster Casey, genannt „Rant“**, wieder. Die Handlung spielt in einer nahen Zukunft. Der Protagonist – der selbst fast nie zu Wort kommt, sondern von dem nur immerfort berichtet wird - ist zum Zeitpunkt der Aufzeichnungen bereits tot. Er soll Auslöser der Krankheit „rabies“ gewesen sein und somit vermeintlicher, legendärer „Patient Null“ einer futuristischen Seuche, die zahlreiche Menschenleben fordert. Dies macht ihn zu einer weltweit bekannten, öffentlichen Person. Posthum berichten Freunde, Feinde, Familienmitglieder und flüchtige Bekannte in kurzen Abrissen von schnellen Begegnungen bis zu intimen Details aus seinem Leben. Puzzleartig wird so ein außergewöhnliches Leben rekonstruiert. Der komplexe Erzählstil fordert natürlich einen ebensolchen Protagonisten, dessen Darstellung den erzählerischen Aufwand rechtfertigt. Das wird von Palahniuk berücksichtigt und meisterhaft umgesetzt, ohne den Leser mit dem rasanten Wechsel der Erzähler zu überfordern oder zu langweilen. Passend auch, dass die erzählenden Charaktere sich durch ihre unterschiedlichen Perspektiven nicht immer über die Eigenschaften des Protagonisten oder den Hergang von Ereignissen einig sind.

Die non-fiktionale Form des Romans stellt der Autor im Vorwort selbst in eine Reihe mit George Plimpton´s „Capote“, Jean Stein´s „Edie“ und „Lexicon Devil“ von Brendan Mullen. Versatzstücke, wie der genannte dokumentarische Patchwork-Erzählstil, die nicht-lineare Erzählstruktur, die Science-Fiction-Elemente sowie die minimalistische Erzählweise, die den Leser selbst Leerstellen im Text füllen lässt, entsprechen Kennzeichen der postmodernen Erzähltradition.

Rant: Grenzgänger à la Palahniuk

Der vielstimmig und sprunghaft erzählte Protagonist ist eines zweifellos: Ein neuer Palahniuk´scher Held, ein Grenzgänger auf der Suche nach todesnahen Erfahrungen. Aufgewachsen in einem kleinen Städtchen findet er in seiner Jugend Gefallen daran, seine Arme in Erdlöcher zu stecken, um von Spinnen, Schlangen oder anderen Tieren gebissen zu werden und die Auswirkungen des Giftes in seinem Körper zu spüren. Die Folge ist eine latente Abhängigkeit vom Gift der „Schwarzen Witwe“ und eine chronische Tollwutinfektion, die ihn ständig begleitet. Sein gefährliches Vergnügen könnte der Auslöser dafür gewesen sein, dass sich "rabies" in seinem Körper entwickelte, was nahe liegt, aber im Dunkeln bleibt. Als junger Erwachsener zieht Buster alias Rant in die Großstadt. Im urbanen Gebiet herrscht eine ungewöhnliche soziale Ordnung: Die Bevölkerung ist in „Tag“- und „Nachtgeher“ unterteilt, erstere gehen tagsüber ihrem bürgerlichem Leben nach, zweitere sind eine Mischung aus Subkultur und sozialer Randgruppe, denen nachts die Straßen gehören. In ihren Reihen findet Rant auch seine Wahlfamilie, er schließt sich den „Party-Crashern“ an, die nachts mit ihren Autos illegale Verfolgungsjagden organisieren und bewusst lebensgefährliche Unfälle herbeiführen. Die kollektiven Car-Crashs sind ein willkommenes neues lebensbedrohliches Hobby für Rant.

"You don´t escape from the catholic belief"

Der Titel der englischen Originalfassung lautet: „Rant. An Oral History“ und rückt damit den komplexen Protagonisten selbst sowie die gewählte literarische Form in den Vordergrund. Der deutsche Titel weist darauf hin, dass Palahniuk mit religiöser Doppeldeutigkeit ans Werk ging***. Der Autor, der selbst katholisch erzogen wurde, meinte dazu im Rahmen seiner Lesereise in Deutschland schlicht: „You don´t escape from the catholic belief“****. In jeder Selbstzerstörung erkennt Palahniuk auch etwas Spirituelles. Ein ausdruckstarker Beweis für in dieser Weise hergestellte christliche Bezüge findet sich schon in „Fight Club“, wo den Mitgliedern des anarchistischen Projekts „Chaos“ ein mit Säure in den Handrücken geätzter Abdruck des Mundes ihres Anführers als Erkennungszeichen dient. Kann man schon “Tyler´s Kiss“ als bizarres Stigmata und verstörenden Judaskuss lesen, so sind es im „Kainsmal“ wiederum vorrangig die Hände, die in Mitleidenschaft gezogen werden, wenn Rant sich von giftigen Tieren stechen und beißen lässt, und so eine Seuche ins Rollen bringt, die er – so wird erzählt – mit einem Kuss weiter gibt.

Warum schießt niemand die Hunde tot?

Chuck Palahniuk legt mit seinem bisher wohl komplexesten Roman die Latte für eigene folgende Werke hoch. Ein wenig schal schmeckt nur das Palahniuk-Lesern wahrscheinlich schon wohl bekannte Gefühl, man müsse das Buch gleich wieder von vorne beginnen: Mit den erst am Ende gegebenen Informationen ausgestattet vermeint man auch hier, den vielschichtigen Protagonisten selbst noch einmal „ganz anders“ lesen zu können.
Betreffend der Leerstellen oder scheinbaren Unstimmigkeiten der Charaktere muss man sich wohl bis zum Schluss gedulden: Die Fäden führen zueinander, viele Puzzlesteine werden erst am Ende hinzugefügt, Lücken gefüllt und – beinahe alle – Fragen gelöst, und wo nicht, bekommt man den Eindruck, es diene der Erzählstruktur. Bis auf eins: Warum erschießt niemand die wilden Hunde, die in Rant´s Heimatdörfchen Menschen bedrohen und gefährden? Das war letztendlich die einzige Frage, die unverrückbar auf einem puren Logikfehler zu basieren schien. Vielleicht wird ja sogar das geklärt werden: Das Werk soll nämlich eine Trilogie werden und „Rant“ als Charakter fortbestehen. Die Folgeromane sollen 2011 und 2013 erscheinen. Man darf gespannt sein.



Friederike Schwabel - Berl.-Red, 25. November 2007
ID 00000003561
* Guts. In: Haunted, a Novel of Stories. Vintage, Random House, 2005.
** Engl.: schwadronieren, sich ereifern, Phrasen dreschen, als Substantiv: Wortschwall, leeres Gerede
*** Das Kainsmal ist im biblischen Sinne ein Erkennungs- und Schutzzeichen gleichzeitig. Gott kennzeichnet Kain als Abels Möder und bewahrt ihn damit auch vor einem gewaltsamen Tod durch andere. Heutzutage ist das Kainsmal im Allgemeinen ein Zeichen der Schuld, aber auch ein Ausdruck für den "Stempel", der jemandem durch andere aufgedrückt wird, um ihn auf ein Bild festzunageln.
**** Publikumsgespräch mit Chuck Palahniuk, 9. September 2007. 7. Internationales Literaturfestival Berlin, Haus der Berliner Festspiele.

Siehe auch:
http://www.randomhouse.de





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