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Rezension

Herbert Marcuse

Schriften in 9 Bänden (Kassette), 3015 Seiten, Paperback, ISBN 3-934920-46-2, bei zu Klampen.


Nachgelassene Schriften, Band 4: Die Studentenbewegung und ihre Folgen. Herausgegeben von Peter-Erwin Jansen, 253 Seiten, ISBN 3-924245-86-X, bei zu Klampen.

Herbert Marcuse: Zur Aktualität eines unzeitgemäßen Philosophen

Verdienstvolle Neuauflage der Schriften des vor 25 Jahren verstorbenen Gesellschaftskritikers

Auf dem Höhepunkt seines Ruhmes sprach man gerne von den „3M“: Marx, Mao, Marcuse. In der Öffentlichkeit wurde er als Mentor der 68er-Bewegung wahrgenommen. Den Mai 1968 erlebte Marcuse tatsächlich in Paris. Seine Begriffsschöpfungen wie „Repressive Toleranz“, „Affirmative Kultur“ oder „Neue Sensibilität“ reüssierten als Kampflosungen der internationalen emanzipatorischen Bewegung. Während seine Mitstreiter vom Institut für Sozialforschung wie Theodor W. Adorno längst würdevoll auf den Philosophen-Olymp befördert wurden oder wie der jüngere Jürgen Habermas zu Staatsphilosophen avanciert sind, haftet Herbert Marcuse immer noch der gar nicht mehr zeitgemäße Ruch eines Theoretikers der konkreten Revolution an. Nichts scheint einer Gesellschaft, die für den großen Globalisierungskrieg rüstet und sich dabei von ihren humanen Mindeststandards in allen Lebensbereichen - Bildung, Arbeit, Soziales - verabschiedet, weniger gut anzustehen als die Erinnerung an einen Philosophen, der für eine Gesellschaft ohne Konkurrenz, Effizienzkult und Leistungsdenken plädiert. Und doch ist gerade das Unzeitgemäße oft genau dasjenige, dessen das Zeitalter dringend als seines Korrektivs bedarf. Zum 25. Todestag Marcuses hat deshalb der zu Klampen Verlag die seit Jahren vergriffene, vormals bei Suhrkamp erschienene neunbändige Ausgabe seiner Schriften wieder zugänglich gemacht.

Damit es im Dasein der Menschen nicht mehr nur zwanghaft um ein bloßes Überleben geht, sondern ein freies, erfülltes Leben gedeihen kann, ist nach Marcuses Überzeugung die Überwindung des Leistungsprinzips und damit die Beseitigung der kapitalistischen Gesellschaftsordnung unabdingbar. Aber Marcuse ist nüchtern genug, um zu erkennen: „Der Übergang zum Sozialismus steht heute nicht auf der Tagesordnung, die Gegenrevolution dominiert.“ (IX,167) Ein Großteil der Schriften des Sozialphilosophen bemüht sich um eine Erklärung für diese Stagnation des revolutionären Elans. Das macht seine Aktualität gerade heute in einer Zeit des Utopieverlustes und der Lethargie des kritischen Denkens aus. Der altmarxistische Antagonismus von Produktionsverhältnissen (Eigentumsformen an den Produktionsmitteln) und Produktivkräften (menschliche Schöpferkraft, insbesondere Technik) garantiert nicht mehr per se den gesellschaftlichen Fortschritt. Die neue Gesellschaft ist vielmehr auf einen neuen Menschen angewiesen mit einer ganz anderen seelischen Anlage als die der Macht- und Erfolgsmenschen, wie sie auch der realexistierende Sozialismus gekannt hat. Marcuse spricht in diesem Zusammenhang von einer notwendigen, doch bisher ausgebliebenen „Erotisierung der Gesamtpersönlichkeit“ (V,173) Was in der Vulgärrezeption Marcuses dem Philosophen immer wieder posthum vorgehalten wurde, dass nämlich die sexuelle Revolution im Kontext der 68er Ära den Charakter des gesellschaftlichen Ganzen nicht verändert habe und sogar in eine Tyrannei der Lust pervertiert sei, ist gerade einer seiner zentralen Kritikpunkte: Unter Rekurs auf Freud klagt Marcuse eine „Selbstsublimierung der Sexualität“ ein und zwar als Emanzipation der libidinösen Energie von dem völlig konformen und ausschließlichen „Bestreben, die eigenen Genitalien mit denen einer Person des anderen Geschlechts in Kontakt zu bringen“ (V,176) - dem Summum Bonum aller Agenturen der Massenkultur und der ihnen gleichgeschalteten Nervensysteme.

Die für die Errichtung einer neuen Gesellschaft notwendige anthropologische Restitution der Sinnlichkeit und des Lustprinzips in der ganzen Fülle der menschlichen Daseinsbezüge weist der von der Herrschaft des Realitätsprinzips entbundenen Kunst eine Schlüsselrolle zu. In den erfundenen Welten der Kunst zeigen sich „die Dinge erst als das, was sie sind und sein könnten“ und „es ist die gegebene Wirklichkeit (...), die nun als unwahr erscheint: als falsche, fragmentierte Wirklichkeit.“ (IX,230) Wider die Abwertung des ästhetischen Scheins in Theorie und Alltagsbewusstsein hält Marcuse fest: „Täuschung, Illusion, Schein sind Qualitäten der gegebenen REALITÄT eher als der Kunst.“ (IX,231) Wie eine Vorüberlegung zum berühmten Kulturindustrie-Aufsatz aus Horkheimers und Adornos „Dialektik der Aufklärung“ liest sich eine frühe Formulierung Marcuses zum evokatorischen Anarchismus der Schönheit als hedonistischer Tiefenschicht auch des Kunstgebildes: „Schönheit ist eigentlich schamlos: sie stellt zur Schau, was nicht offen verheißen werden darf und was den meisten versagt ist.“ (III,210) Die prekäre Stellung der Kunst in einer Gegenwart, in der die Ökonomie allein über Wert und Unwert allen Seins befindet, erscheint vor diesem Hintergrund in einem ganz neuen Licht: Als den Verantwortlichen vielleicht selbst nicht vollbewusste Triebfeder des kulturellen Kahlschlags wird ein Angriff auf das Bewusstsein der Möglichkeit von Andersheit sichtbar, denn in einer „Gesellschaft ohne Opposition“ (VII,11) ist die Kunst das große Skandalon.

Genauer nachlesen lässt sich dies alles in der verdienstvollen Neuauflage der neunbändigen Schriften Herbert Marcuses, durch die der zu Klampen Verlag den Sozialphilosophen wieder einer breiteren öffentlichen Reflexion zugänglich gemacht hat. Die Schriften erweisen sich als eine wahre Fundgrube für Kunstfreunde, bieten reiches Material für den Philosophiehistoriker und der Liebhaber gebildeter Frauen wird die Bände gerne als auch ästhetisch sehr ansprechend gestaltete Aufmerksamkeit „seiner gelehrten Freundin auf die Toilette oder den Teetisch legen“ (frei nach Schopenhauer). Entscheidend aber ist der Beitrag, den diese Texte für jede Leserin und jeden Leser zur geistigen Orientierung und Schärfung der Urteilskraft in unübersichtlichen und hoffnungsarmen Zeiten bereithält. Parallel zur Wiederherausgabe der Schriften editiert der Verlag in sechs Bänden den Nachlass Marcuses. Der soeben erschienene vierte Band „Die Studentenbewegung und ihre Folgen“ enthält u.a. den Briefwechsel Marcuses mit Rudi Dutschke und ermöglicht endlich ein fundiertes, quellengestütztes Urteil über den engen Kontakt Marcuses zu den revoltierenden Studenten in Europa und Amerika.


chr.t. - red / 21. Juli 2004
ID 00000001171
  • Herbert Marcuse: Schriften in 9 Bänden (Kassette), 3015 Seiten, Paperback, ISBN 3-934920-46-2, bei zu Klampen.
  • Herbert Marcuse: Nachgelassene Schriften, Band 4: Die Studentenbewegung und ihre Folgen. Herausgegeben von Peter-Erwin Jansen, 253 Seiten, ISBN 3-924245-86-X, bei zu Klampen.





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