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Rezension

Zur Neuauflage von Kurt Tucholskys Deutschland, Deutschland über alles. Die beste Kritik zur Lage der Nation





Timo Rieg hat Tucholskys Werk von 1929 im Jahr 2006 neu heraus gegeben und teilweise ergänzt. Durch andere Texte Tucholskys, aber auch durch Texte anderen Ursprungs, wie Interviewausschnitte aus der Politischen Diskussion unserer Zeit, verschiedene Flugblätter und Bilder.
Teilweise sind die kritisierten Punkte Tucholskys für uns nicht mehr so aktuell und etwas schwer nachzuvollziehen. Oder es fand in der Zwischenzeit ein Wandel der öffentlichen Meinung statt. Dies trifft vor allem auf das Kapitel Deutschland – ein Kasernenhof zu. Dort kritisiert Tucholsky die allgemeine Akzeptanz des Militärs in der Gesellschaft der Weimarer Zeit und den Respekt der selbigem entgegengebracht wird. Grund für diese Affinität zum Militär ist die simple Machtliebe. Denn jedem „Bauernjungen“ der nur eine Uniform trägt schlägt schon die Bewunderung auf der Straße entgegen. Für die dekorierten und „angestrichenen“ Offiziere gilt das in noch viel größerem Maße. Er kritisiert die damalige Reichswehr als Hort der Reaktion, der Antidemokratie und des Antisemitismus und fordert nichts weniger als deren Abschaffung. Er findet dass 100.000-Mann-Heer unnötig, die Offiziersgehälter seien eine Art Arbeitslosenunterstützung und der fünf Milliarden Jahresetat der Reichswehr pure Verschwendung.

Nichts von Ihrer Aktualität verloren hat das Kapitel über den Verkehr in Deutschland und das Bedürfnis alles zu regeln. Und es ist erstaunlich, dass Tucholsky das schon 1929 so sah, zu einer Zeit, in der es bekanntermaßen sehr viel weniger Autos gab als heute.

Seine Schlussfolgerung ist folgende: Es geht nicht darum mit den zahllosen Verkehrsregeln irgendetwas zu vereinfachen oder gar Hilfen zu geben. Es geht um die Befolgung der Regeln um der Regeln Willen. Sobald er im Auto sitzt, fährt der Deutsche „…nicht wie andere Menschen. Er fährt um recht zu haben.“

Nächstes Ziel der Kritik Tucholskys ist der „Beamtenpest“ und die Bürokratie. Er sieht die Motive zum Beamtentum nur darin, versorgt zu sein, und nicht etwa darin dem Staat zu dienen. Deswegen hat die Beamtenschaft auch keinerlei Interesse, Optimierungen der Verwaltung vorzunehmen, und so am Ende noch ihren eigenen Arbeitsplatz zu untergraben. Im Gegenteil, ihr Interesse liegt in der Vergrößerung ihrer Kompetenzen und das möglichst in der Schaffung neuer Kompetenzen, die nur dazu da sind, die Beamten zu beschäftigen. „Wild gewordene Kleinbürger, die ein völlig imaginäres Gebiet beackern, …um in der Kleinstadt etwas zu gelten“.

Ebenfalls heute noch topaktuell ist das abgehörte Telefongespräch, in dem ein gewisser Paul einem Freund namens Emil belanglosen Klatsch erzählt und das dennoch unterbrochen wird, weil der Dialekt für den Abhörenden zu unverständlich ist. Auch 1929 war die Ideologie, dass eine Frau unbedingt Kinder bekommen soll, um das Volk vor dem „Aussterben“ zu retten sehr verbreitet. Die Parallele zu unserer Zeit wird gezogen durch ein Zitat des FAZ Herausgebers Frank Schirrmachers, in dem er seinen Sohn auffordert eine möglichst große Familie zu gründen.

Fazit: Die Weitsicht Tucholskys ist in vielen Dingen unglaublich. Man kann sich kaum vorstellen, dass jemand das alles so klar sah, der im Gegensatz zu uns nicht das Wissen hatte, was danach in Deutschland passierte. Abgesehen davon ist sie brillant formuliert und sehr beißend vorgebracht. Ebenso verblüffend für uns ist, dass sich so vieles doch nicht geändert hat, und das wo uns die dunkle und gewalttätige Zeit am Ende der Weimarer Republik heute so vorkommt wie eine sehr weit zurückliegenden Welt.

Daniel Sohler - red / 16. Januar 2007
ID 00000002923


Siehe auch:
http://www.timo-rieg.de/Timo_Rieg/





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