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Rezension

Dawn B. Sova: Das große Agatha-Christie-Buch. Ihr Leben und ihre Romane von A-Z.

Scherz, Frankfurt am Main 2006
208 Seiten, 18,90 EUR, ISBN 3-502-15051-6


In Januar 2006 jährte sich Agatha Christies Todestag zum 30. Mal, und passend dazu ist im März dieses Jahres „Das große Agatha-Christie-Buch. Ihr Leben und ihre Romane von A-Z“ im Scherz-Verlag erschienen. Geschrieben wurde dieses Lexikon von der englischen Literaturwissenschaftlerin Dawn B. Sova.

Das Buch besteht aus einem dreiseitigen Porträt von Agatha Christie und dem Lexikonteil. Dazu kommen ein alphabetisches Titelregister aller Kriminalromane, Romane, Kurzkrimis und Krimisammlungen von Christie (in deutscher Übersetzung), eine Liste der Romane auf Deutsch mit ihrem entsprechenden Originaltitel auf Englisch und zuletzt eine Liste der Kriminalromane auf Englisch mit deutscher Übersetzung. Die Lektüre des einleitenden Porträts empfiehlt sich für alle Leser, die nicht viel über Christies Biografie wissen, denn entgegen dem Untertitel „Ihr Leben und ihre Romane von A-Z“ erfährt man im Lexikonteil selbst wenig über Agatha Christie. Der einzige biografische Aspekt, der hier ausführlicher behandelt wird, ist ihr mysteriöses Verschwinden im Jahr 1926 (der unter dem Eintrag „Das Verschwinden der Agatha Christie“ auch nicht unbedingt leicht zu finden ist). Auch bei wichtigen Weg- und Lebensgefährten fehlen entscheidende Informationen. So steht im Eintrag zu ihrem zweiten Ehemann Sir Max Mallowan kein Geburtsdatum.
Ausführlich wird dagegen dem zweiten Teil des Untertitels Rechnung getragen. Zu allen Romanen finden sich sehr ausführliche Inhaltsangaben, Informationen zum Veröffentlichungsjahr der Erstausgabe (Großbritannien und USA, sofern unterschiedlich) und oft Angaben zum Übersetzer. Allerdings sind offensichtlich nur die Übersetzer der jeweils neuesten Ausgabe genannt. Ergänzend sind bei den einzelnen Werken Angaben zu Bearbeitungen fürs Theater und zu Verfilmungen für Film und Fernsehen aufgeführt. Die Inhaltsangaben sind sehr ausführlich, vollziehen jede Wendung nach und verraten z.T. sehr viel. Das steht gelegentlich im Gegensatz zu der Devise, dass in diesem Lexikon Lösung und Täter nicht genannt werden sollen, die in der Einleitung zu diesem Buch von Mathew Pritchard – dem Enkel Christies – formuliert wird.

Der Lexikonteil ist nach den Titeln der deutschen Übersetzung gegliedert, jedoch fehlen bis auf wenige Ausnahmen Einträge zu alternativen oder früheren deutschen Titel. Natürlich mag „Zehn kleine Negerlein“ politisch nicht so korrekt sein wie „Und dann gabs keines mehr“, aber es ist nicht verständlich, dass unter dem früheren Titel der Übersetzung nicht einmal ein Verweis auf den neuen Titel aufgeführt ist. Die Listen zu den Titeln der Romane auf Englisch und Deutsch am Ende des Buchs helfen hier auch nicht weiter, denn dort sind jeweils nur die Titel „And Then There Were None“ bzw. „Und dann gabs keines mehr“ genannt. Sicherlich handelt es sich bei diesem Werk um einen Spezialfall, da auch der englische Originaltitel geändert wurde, aber angesichts der Tatsache, dass erst die neueste deutsche Ausgabe von 2006 nicht mehr unter dem Titel „Zehn kleine Negerlein“ erschienen ist, alle früheren Auflagen aber unter diesem Titel veröffentlicht wurden, wäre es sinnvoll gewesen, diesen alten Titel aufzunehmen und auf den neuen zu verweisen. Auch die Angaben zu Christies Romanen „Mysterious Affair at Styles“ und „The Murder of Roger Ackroyd“ findet man nur unter „Das fehlende Glied in der Kette“ bzw. „Albi“, aber nicht unter den früheren Titeln „Roger Ackroyd und sein Mörder“ bzw. „Geheimnisvolle Verbrechen in Styles“.
Sträflich vernachlässigt werden die Kurzgeschichten, die doch zumindest für die Figur Hercule Poirot einen nicht unerheblichen Teil des Werks ausmachen. Im Lexikon finden sich nur die deutschen Titel der Kurzgeschichtensammlungen, unter denen dann die Titel der einzelnen Kurzgeschichten dieser Sammlung ohne Inhaltsangabe und zumeist ohne Nennung der Übersetzer genannt werden. Zudem fehlt der Hinweis darauf, wo die einzelnen Geschichten veröffentlicht wurden, bevor sie in eine Sammlung aufgenommen wurden. Diese Ignoranz gegenüber den Kurzgeschichten setzt sich im Index fort. Die Titel der Kurzgeschichten finden sich lediglich im alphabethischen Titelregister aller Kriminalromane, Romane, Kurzkrimis und Kriminalsammlungen (in deutscher Übersetzung), aber nicht in den beiden Indizes, in denen die englischen Originaltitel angeführt werden. Im Klartext: Man erfährt in dieser deutschen Ausgabe des großen Agatha-Christie-Buchs nicht, wie die Kurzgeschichten im Original betitelt sind.
In diesem Zusammenhang ist auch bedauerlich, dass es keinen Eintrag zu der Zeitschrift „The Sketch“ gibt, in der ab 1923 zahlreiche Poirot-Fälle erschienen sind und für die eine erste Illustration von Hercule Poirot angefertigt wurde. Der Verleger Bruce Ingram hatte Christie nach dem Erfolg ihres ersten Romans „Mysterious Affair at Styles“ gebeten, einige Kurzgeschichten für sein Magazin zu schreiben. Für die erste Ausgabe konnte er Christie sogar zu einer Art Homestory überredet: Die Autorin ist auf einigen Fotos an ihrem Schreibtisch, mit ihrer Tochter, am Telefon etc. zu sehen.

Da die Kurzgeschichten im Lexikon zu kurz kommen, erfährt der Leser auch nichts darüber, dass sie Christie des Öfteren als Grundlage für ihre Romane dienten. Nur so ist in vielen Fällen ihr unglaubliches Arbeitspensum erklärlich. Beispielsweise hat Christie die Geschichte „Der verräterische Garten“ („How does your Garden Grow“, 1935) zu dem Roman „Der Ball spielende Hund“ („Dumb Witness“, 1937) umgearbeitet und die Geschichte „Das Geheimnis des Plymouth-Express“ („The Plymouth Express“, 1923) zu dem Roman „Der blaue Express“ („The Mystery of the Blue Train“, 1928). Bei dem Roman „Die großen Vier“ („The Big Four“, 1927) fehlt jeder Hinweis darauf, dass es sich eigentlich um eine Zusammenstellung aus verschiedenen Kurzgeschichten handelt, die Christie in den Jahren zuvor geschrieben hatte, die aber im Erscheinungsjahr des Romans noch nicht in Buchform veröffentlicht worden waren. Will man über diese Vorgehensweise mehr erfahren, muss man nach wie vor zu dem bisher nur auf Englisch erschienenen Buch „The Life and Crimes of Agatha Christie. A Biographical Companion to the Works of Agatha Christie“ von Charles Osborne greifen.
Auch Verfilmungen sind im Lexikon vertreten. In den meisten Fällen erfährt man im Eintrag zur Vorlage, dass das Werk verfilmt wurde, zumeist aber nicht mehr als das. Gelegentlich werden die Hauptdarsteller genannt, der Regisseur in der Regel nicht. Die Verfilmungen von „Mord im Orientexpress“ und „Die Morde des Herrn ABC“ haben separate Einträge erhalten, die sich bei Titelgleichheit merkwürdigerweise vor dem Eintrag zum verfilmten Werk finden. Bei „Die Morde des Herrn ABC“ wird jedoch nicht erwähnt, dass der Roman auch mit Miss Marple als Hauptfigur verfilmt wurde, obwohl es sich um einen Hercule-Poirot-Roman handelt. Der Miss-Marple-Fall „Mörder Ahoi“ mit Margaret Rutherford, der nicht auf einer Vorlage von Agatha Christie basiert, wurde ebenso aufgenommen wie der Film „Agatha“, der sich mit Christies Verschwinden beschäftigt.
Die Tatsache, dass nur David Suchet, der seit 1989 in einer Reihe von Filmen Hercule Poirot verkörpert, von allen Darstellern in Christie-Verfilmungen einen Einzeleintrag erhält, ist womöglich der Tatsache geschuldet, dass die englische Ausgabe ein Vorwort von ihm enthält. Bei Anerkennung all seiner Verdienste hätte man auch Margaret Rutherford, Jean Hickson, Peter Ustinov, Albert Finney oder Geraldine McEwan hinzufügen müssen oder Suchet ebenfalls unberücksichtigt lassen sollen (was angesichts der Tatsache, dass es in diesem Lexikon eher um die Werke von Christie als um die Verfilmungen geht und dass es zahlreiche Poirot- und Miss-Marple-Darsteller gab und gibt, vielleicht die bessere Wahl gewesen wäre).
Bei den Verfilmungen zeigt sich auch am deutlichsten, dass die Originalausgabe des Lexikons bereits vor 10 Jahren auf Englisch erschienen ist. Das bringt gewisse Probleme mit sich, denn die Informationen zu den Verfilmungen von Christies Geschichten oder Romanen sind nur z.T. aktualisiert. So wird bei „Mord im Pfarrhaus“ und „Mord in Mesopotamien“ auf Verfilmungen hingewiesen (aus dem Jahr 2004 bzw. 2000), bei „Dreizehn bei Tisch“ und „Alibi“ (beide 2000 im englischen Fernsehen ausgestrahlt) allerdings nicht.

Fazit: Wenn man sich schnell über den Inhalt von Christies Romanen informieren will, ist dieses Nachschlagewerk ganz nützlich, auch wenn man etwas über Figuren wie Felicity Lemon, Arthur Hastings oder Dolly Bantry wissen möchte. Das Bemühen, den 10-Jahres-Zeitraum zwischen der englischen und deutschen Ausgabe durch Aktualisierungen zu überbrücken, ist anzuerkennen, wenngleich nicht immer vollständig gelungen. Bei einigen Einträgen finden sich Anmerkungen zur deutschen Ausgabe, die hilfreich sind (dass beispielsweise nicht alle Geschichten aus dem Band „Partners in Crime“ ins Deutsche übertragen wurden, da sich die Geschichten auf verschiedene Detektive beziehen, die nicht alle in Deutschland bekannt sind). In anderen Bereichen bietet das Lexikon aber zu wenig Informationen, so dass man auf die englischsprachige Literatur zu Christie oder auf biografische Werke auf Deutsch nicht wird verzichten können. Hilfreich wäre ein Index gewesen, in dem aufgeführt wird, in welchen Romanen / Kurzgeschichtensammlungen welcher Detektiv mitspielt, zumindest für Hercule Poirot und Miss Marple. Dazu kommen noch kleine Fehler: Die Kurzgeschichtensammlung „Poirot rechnet ab“ ist unter H einsortiert, weil diese Sammlung auch einmal den Titel „Hercule Poirot rechnet ab“ trug. Völlig vergessen wurde „Zeugin der Anklage“, eines der wichtigsten Theaterstücke von Agatha Christie. Lobenswert ist allerdings, dass nicht nur Christies kriminalistisches Oeuvre besprochen wird, sondern auch ihre Liebesromane, die sie unter dem Pseudonym Mary Westmacott veröffentlicht hat.

Karoline Bendig - red / 22. November 2006
ID 2810


Siehe auch:
http://www.fischerverlage.de/page/agatha_christie





 

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