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Francesco Madeo: Hymne auf ein liederliches Leben
288 Seiten Klöpfer und Meyer; Auflage: 1 (28. September 2006) ISBN: 3937667806
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Von Andrea Schneider
Er ist ein Mann mit einem Augenzwinkern. Artig weist er darauf hin: Dies ist „ein Roman. Seine handelnden Personen und Sujets sind frei erfunden“. Um gleich danach den alten Universalgelehrten Georg Christoph Lichtenberg zu zitieren: „Es ist schlimm genug, dass heutzutage die Wahrheit ihre Sache durch Fiktion, Romane und Fabeln führen lassen muss.“ Vorsicht also: Wenn Sie den Roman „Hymne auf ein liederliches Leben“ in die Hand nehmen, tauchen Sie ein ins Leben des in Schwerte geborenen und heute an der Uni Graz lehrenden Frank Francesco Madeo.
Und was für ein Leben: Geboren 1967 als unehelicher Sohn einer Deutschen und eines italienischen Gastarbeiters und aufgewachsen in einem Milieu, das der aktuellen Prekariats-Debatte als Vorbild hätte dienen können, hat er es geschafft: Abitur am Schwerter Ruhrtal-Gymnasium, Studium der Biochemie in Tübingen, Promotion, Heisenbergstipendium, Professur. Die Entdeckung eines Selbstmordprogramms bei Hefepilzen und dessen Rückschlüsse auf die Mechanismen der Krebsentstehung erbrachte den Ruf von Tübingen an die Universität nach Graz. Gefeiert wird er als einer der Shootingstars der Wissenschaft: Er ist „Einsteins Erbe“. In dieser Reihe sendete jüngst 3sat ein Portrait über Frank Francesco Madeo.
Auch wenn er eigentlich die Füße im Elfenbeinturm der Wissenschaft hoch legen könnte, ist er in seinem Herzen der „Lotterbube aus einfachen Verhältnissen“ geblieben. „Lieber mit netten Leuten Tüten kleben, als mit Idioten den Nobelpreis gewinnen“, sagt Madeo. Um für sich Spreu vom Weizen zu trennen, provoziert er gern: „Ich brauch’ es, ab und zu einen Witz zu machen, der die Leute aus der Bahn wirft.“ Er gluckst vor Lachen, wenn er erzählt, dass Dekane und Professoren zusammenzucken, wenn „ich ‚verdammte Scheiße’ sage“: „Dann sieht man ihnen an, dass sie sich fragen: Wie kommt so ein Asozialer in unsere Welt?“
Das scheint er sich manchmal selbst zu fragen. So geradlinig, wie sich seine noch junge Vita liest, war sie tatsächlich nicht. „Ursprünglich wollte ich Bio und Chemie studieren“, erinnert er sich. Als er dann aber erfuhr, dass es auch ein Fach namens Biochemie gibt, suchte er diese Kombination. „Das war eine harte Zeit und ein hartes Brot. Oft wollte ich aufhören“, sagt er. Seine Ausbildung hat er als Gelegenheits-DJ finanziert - mit der Folge, wegen nächtlicher Einsätze oft tagsüber im Labor zu fehlen. „Ich hatte schon den Beinamen Doc Holiday“, erinnert er sich. Seiner Abwesenheit jedoch verdankt er seine bisher größte Entdeckung, und die kommt, wie er so plaudert, ganz zufällig daher: „Ich kam aus dem Urlaub zurück und stellte fest, dass meine Kulturen zu wenig Nahrung hatten.“ Die Idee vom kollektiven Selbstmord der Einzeller mit all den spannenden Konsequenzen und wissenschaftlichen Lorbeeren war geboren.
Frank Francesco Madeo wollte schon immer das scheinbar Unerreichbare erreichen. „Das ist ein Motor, der aus der unterpriviligierten Kindheit kommt“, sagt er und ergänzt: „Wer es da raus schafft, ist später im Leben geschmeidiger.“ Er hält es mit Nietzsche: „Zu jeder Wahrheit gehört ein Gelächter.“ Auch in Hörsaal und Labor: „Wenn die Studenten erst mal verstanden haben, dass wir hier keine kleinen Kinder braten, macht die Arbeit doppelt Spaß.“ Ihm auch: Bei der Wahl des beliebtesten Professors rangiert der gebürtige Schwerter grundsätzlich oben.
Schockieren gehört für ihn jedoch auch immer zum Leben. So ist die „Hymne auf ein liederliches Leben“ kein Mutmach-Buch, getreu dem Motto: Jeder kann was aus sich machen. Vielmehr dröselt Frank Francesco Madeo seine Kindheit und Jugend auf. Und die war alles andere als eitel Sonnenschein. „Ich habe den pädagogischen Anspruch, die Welt zu zwingen, durch meine Augen zu schauen“, sagt Madeo. Wer sich darauf einlässt, begibt sich zunächst auf eine Reise durch die Niederungen des menschlichen Seins. Mit literarischer Raffinesse und sprachlicher Brillanz führt Madeo seine Leserschaft zunächst einmal vor eine Ekelbarriere. Hier wird alles thematisiert, worüber das wohlanständige Bürgertum geflissentlich schweigt. Da liegen Rotzfahnen in fragwürdigen Farben herum und die Ausdünstungen verschwitzter Füße scheinen aus den Seiten zu dampfen. Die jugendliche Sehnsucht nach dem anderen Geschlecht wird genau so thematisiert wie die Auseinandersetzungen mit seinem Großvater, den er „Vatta“ nennt und der mit all seinen „Liederlichkeiten“ Vaterersatz ist. Er schrieb eine „Hymne“ an eine Lebenskonstellation, die nie einfach war. Nicht ehelich geboren und deshalb versteckt, aufgewachsen bei den Großeltern mit all ihren Marotten. Die Geschichte seiner jungen Jahre gerät gleichsam zu einem schrillen Aufschrei wie auch zu einer Liebeserklärung an die Menschen, die ihn einst begleitet und geprägt haben. „Zugegeben“, sagt Madeo, „eine psychologische Komponente ist dabei.“
Zehn Jahre hat Madeo an seinem ersten Roman geschrieben. „31 Mal überarbeitet“, sagt er. Die Leichtigkeit seiner Sprache hat er „mit Blut und Tränen bezahlt“. Doch er wollte, wie er es formuliert, „keine Wissenschafts-Diarrhöe“ abliefern. Stattdessen in ausgefeilten, aber immer wieder mit Ruhrpott-Slang gespickten, Sätzen das Bild einer Kindheit und Jugend, wie sie auch sein kann: offen, voller Selbstzweifel und taumelnd zwischen gesellschaftlichen Ansprüchen. Er nimmt die Leser mit auf die Reise in ein Schwerte, wie es heute nicht mehr existiert, stellt ihnen Lehrer vor, die längst pensioniert sind, Nachbarn, die vor langer Zeit weggezogen sind.
„Ich hasse Langeweile“, sagt Madeo. Und schockiert auch hier. Seine „Hymne“ entbehrt der religiösen Komponente im ursprünglichen Wortsinn: „Der Götze, dem ich huldige, ist die Sinnlichkeit“, sagt er und muss wieder lachen. „Das anarchistische Element muss bei Künstlern und Wissenschaftlern vorhanden sein.“ Wer möchte nach der Lektüre seines Erstlingromans daran zweifeln? Da ist es schließlich wieder, das Augenzwinkern.
Andrea Schneider - November 2006 ID 00000002823
weitere Buchbesprechung siehe auch: hier
Francesco Madeo
1967 im Ruhrgebiet geboren, Sohn eines italienischen Einwanderers und einer Deutschen. Studium der Biochemie in Tübingen, Promotion, zur Finanzierung derselben: Nebenerwerbs-DJ. Heisenbergstipendiat, Professor. Spektakuläre Entdeckung eines Selbstmordprogramms in Einzellern, die inzwischen nutzbar wurde zum Verständnis der Mechanismen der Krebsentstehung. Zahlreiche Publikationen und Vorträge im In- und Ausland, 3sat brachte über ihn und seine Arbeit jüngst ein Porträt mit dem Titel »Einsteins Erbe«. Arbeitet, lebt, lehrt in Tübingen und Graz. Ist Genüssen nicht abgeneigt, ist ein Liebhaber der guten italienischen Küche – und lernte über die Jahre hinweg, daß zur Ausschweifung viel Selbstzucht nötig ist. Eine Erkenntnis, ein Motiv, das sich durch sein ganzes Romandebut zieht.
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Siehe auch:
http://www.kloepfer-meyer.de/
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