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Besprechung

DIRK HEINRICHS - Da hab ich nur noch rot gesehen

fredeboldundfischer Verlag
Auflage: 1. (17. April 2008)
ISBN-10: 3939674141
ISBN-13: 978-3939674146


„Jugendliche Gewalttäter und Oper berichten“ – so lautet der Untertitel des kürzlich erschienen Buchs „Da hab ich nur noch rot gesehen“ von Dirk Heinrichs. Doch auf den 304 Seiten berichten nicht nur Gewalttäter und Opfer über ihre Gewalterfahrungen: Denn unter den vierzehn von Heinrichs interviewten Personen befinden auch eine Polizistin, zwei Schulleiter, ein Wissenschaftler, ein Vollzugsbeamter und ein Anwalt, die alle von ihrer Erfahrung und ihren Umgang mit jugendlicher Gewalt erzählen.

Spätestens seitdem im Dezember 2007 zwei Jugendliche einen Rentner in München halbtot geschlagen haben, rückt das Thema Jugendgewalt mehr und mehr in den Fokus der Öffentlichkeit. Es werden härtere Strafen für jugendliche Kriminelle gefordert. Doch die Androhung und das Aussitzen einer Strafe können die Gewalttäter scheinbar nicht zurückschrecken, besagen doch Statistiken, dass 80 % der jungen Gefängnisinsassen nach ihrem Aufenthalt in der Justizvollzugsanstalt wieder straffällig werden.

Wie kann also der Gewalt angemessen begegnet werden? Was löst sie aus und wie kann sie verhindert werden? Heinrichs versucht, in seinem Buch Antworten auf diese schwierigen Fragen zu geben. Bereits durch sein Projekt „Sprache gegen Gewalt“, in dem er sich neben seiner hauptamtlichen Tätigkeit als Schauspieler engagiert, zeigt er auf, dass ein wesentliches Problem vieler gewalttätiger Jugendlicher sei, sich mit ihren Sorgen und Problemen nicht artikulieren zu können. So setzen sie Gewalt ein, wenn sie mit Worten nicht mehr weiterkommen. Dass eine gemeinsame Sprache, auf der man sich respektvoll miteinander verständigen kann, durch Bildung vermittelt wird, ist nach Heinrichs eine der Möglichkeiten, um die Gewalt unter Jugendlichen zu vermindern.

Der Verfasser deckt die meisten seiner Interviewpartner mit einem falschen Namen, verändert jedoch den Wortlaut der Gespräche nicht. Dadurch wird besonders deutlich, wie sehr sich die Gewalttäter und Opfer mit ihren eigenen Aussagen widersprechen. Erzählt zum Beispiel ein Täter davon, wie sehr er es gehasst hat, von seinem Vater geschlagen zu werden, erklärt er im nächsten Satz, dass er die Schläge ja verdient habe, selbst Schuld daran sei und dass er seinen Vater doch irgendwie liebe.

Die einzelnen Interviews untergliedert Heinrichs mit durchschnittlich zwei- bis dreiseitigen „Stichworten“, in denen er zum Beispiel in Bezug auf Gewalt Hintergrundinformationen zur Bedeutung der frühen Kindheit, der Drogenproblematik oder der Verantwortung des Staates liefert. Abschließend macht Heinrichs darauf aufmerksam, dass unsere Gesellschaft mehr Respekt im Sinne von „eine andere Meinung der eigenen als gleichwertig anzuerkennen“ brauche, und zeigt auf, was die Gesellschaft und jeder einzelne tun kann, um das Gewaltphänomen unter Jugendlichen zu bekämpfen.

Das Buch hebt sich deshalb von anderen Werken ab, weil das Thema Gewalt von so unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet wird und neben Tätern und Opfern, zwischen denen sich die eigentliche Gewalt abspielt, auch diejenigen berichten, die zum Beispiel beruflich mit ihr umgehen müssen. Besonders beeindruckend ist der Prolog des Autors, in dem er beschreibt, wie er selbst einmal aktiv in eine Schlägerei verwickelt war und welche Gefühle und Impulse damals vor, während und nach den Tätlichkeiten in ihm hochkamen. Der Schluss, den er selbst aus dieser Erfahrung zieht, ist, dass Gewalt durch nichts zu rechtfertigen ist.

Wencke Nottmeyer - red / 13. Mai 2008
ID 00000003832


Siehe auch:
http://www.dirkheinrichs.de/





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